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Schmutziges Geschäft mit gefälschten Halbleiter-Chips

Vorsicht Plagiate: Das schmutzige Geschäft mit gefälschten Halbleiter-Chips

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Wie gelangen gefälschte Bauteile in Umlauf?

Der Infineon-Manager berichtet von der Shenzen SEG Electronic-Mall, die er selbst besucht hat. „In dieser riesigen Mall verkaufen viele Händler neben originaler leider auch gefälschte Ware. Hehler können gezielt bestimmte Bauteile bestellen. Auch Barcode-Label jeglicher Art sind dort direkt zum Mitnehmen erhältlich. Inkl. Firmen-Logo, aktuellem Datums-Code und so weiter.“

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Die Malls würden aber nur lokal agieren: „Das eigentliche Problem sind die etwa 35.000 Online-Broker, die sich darauf spezialisiert haben, Bauteile günstig aufzukaufen und weltweit zu vertreiben“, erklärt Robl. Ein Geschäft, in dem die bestens organisierten Fälscher sehr geschickt agieren. Über Mittelsmänner unterhalten sie weltweite Handelsverbindungen. „Hauptumschlagplätze sind Online-Börsen und -Auktionsplattformen wie Ebay oder Aliexpress.“

Leichte Beute für die Fälscher sind beispielsweise Systemhersteller, die auf der Suche nach Bauteilen sind, die der Originalproduzent bereits abgekündigt hat und die auf offiziellem Weg nur noch schwer oder gar nicht mehr erhältlich sind. „Auf den Online-Plattformen führt eine Suche nach dem gefragten Bauteil ziemlich sicher schnell zu einem Ergebnis“, sagt der Infineon-Manager.

Hinzu kommt: Wer nur wenige Chips benötigt, schaut bei den offiziellen Vertriebswegen oft in die Röhre und wird gar nicht erst bedient. Den Entwicklern bleibt nur, auf eine alternative Quelle zurückzugreifen – etwa freie Zwischenhändler. Diese können jedoch selbst Opfer eines dubiosen Anbieters geworden sein. Die Folge: Sie verkaufen unwissentlich gefälschte Ware.

Wie wirken sich Plagiate aus?

Abgesehen von den Gefahren, die von den gefälschten Bauteilen ausgehen, verlieren Unternehmen durch die Plagiate viel Geld. Zudem wird ihre Reputation nachhaltig geschädigt, wenn vermeintliche Markenkomponenten vorzeitig ausfallen – oder gar nicht erst funktionieren. Hinzu kommt: Das unkontrollierte „Aufarbeiten“ schadet Mensch und Umwelt massiv. Denn das Herstellen der Plagiate ist ein echter Öko-Killer: Ohne Auflagen entsteht ein Wildwuchs, tonnenweise gelangen giftige Chemikalien in die Erde, Flüsse und Seen. Viele Menschen verdienen sich mit der schmutzigen Arbeit einen mickrigen Lebensunterhalt, während kriminelle Händler Millionengewinne einheimsen. Den großen Reibach machen Wenige.

Welche Größenordnung das „Geschäft“ mittlerweile erreicht hat, zeigt exemplarisch der Fall des US-amerikanischen Chip-Händlers VisionTech Components: Über fünf Jahre hat das Unternehmen für über 16 Mio. Dollar zigtausend gefälschte Bauteile an die US-Marine und über tausend andere Kunden verkauft, die damit militärische Ausrüstungen gefertigt haben. Dabei war der Händler nur letztes Glied in der Kette eines globalen Fälscherrings. Sogar in Waffensysteme wie Kampfjets gelangen immer wieder gefälschte ICs, so dass die USA das Problem längst als Bedrohung der nationalen Sicherheit ansehen.

Fälscher zählen zu den 20 größten Halbleiterherstellern

Der europäische Markt ist ebenfalls betroffen: Mitte letzten Jahres zogen Mitarbeiter des europäischen Amts zur Betrugsbekämpfung (OLAF, Office Européen de Lutte Anti-Fraude) in einer europaweiten Aktion innerhalb von nur zwei Wochen mehr als eine Mio. gefälschter Halbleiter aus dem Verkehr. Darunter befanden sich neben Dioden, LEDs und Transistoren auch integrierte Schaltkreise. Einige der sichergestellten Fälschungen waren nach Angaben der Behörde für Lkws, Flugzeuge und medizinische Ausrüstungen bestimmt.

Was bei einem Küchenmixer möglicherweise nur ärgerlich ist, kann in anderen Situationen große Schäden hervorrufen und auch Leben kosten. Etwa wenn Fertigungsanlagen ausfallen oder Flugzeuge abstürzen – oder eben die Stromversorgung in Zügen explodiert.

Experten vermuten, dass ein bis drei Prozent aller auf dem Markt gehandelten Halbleiter keine Originale sind. Treffen kann es praktisch jeden: Schätzungen zufolge enthalten zwischen 7 und 15 Prozent der weltweit gehandelten Elektrogeräte gefälschte Chips. Zusammengenommen würde die Fälscher demnach zu den 20 größten Halbleiterherstellern weltweit zählen.

Wie können sich Anwender vor Plagiaten schützen?

Nur schwer. Von der NASA veröffentlichte Dokumente geben Anhaltspunkte, an denen man Fälschungen erkennen kann. So deuten ungleichmäßig gebogene Pins ebenso auf ein gefälschtes Produkt hin wie ein unsauber oder schräg aufgebrachter Aufdruck. Plumpe Fälschungen lassen sich per Aceton-Wischtest entlarven: „Ein gefälschter Aufdruck verschwindet nach einigem Rubbeln manchmal samt Decklackierung“, sagt Robl. „Hochwertig“ hergestellte Plagiate beeindruckt diese Vorgehensweise hingegen nicht. Trotzdem sollten Chargen regelmäßig stichprobenartig getestet werden.

Vorsicht ist geboten bei abgekündigten Bauteilen und Billigangeboten. Ein verbreiteter Rat lautet, Komponenten nur beim Hersteller direkt oder bei autorisierten Distributoren zu kaufen. Das ist gut gemeint, oft aber wenig hilfreich: Kleine und mittlere Unternehmen, die nur geringe Stückzahlen produzieren, sind in der Regel letztes Glied in der Kette und müssen sich bei knapper Verfügbarkeit hinter den Großabnehmern einreihen. Oft erhalten sie gar keine Ware.

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