Interview mit Christoph Maier, Vorstand der Thomas-Krenn AG

Von Edge über Open Source bis Wasserkühlung - Was zählt?

| Redakteur: Ulrike Ostler

Christoph Maier, Vorstand der Server-Herstellers Thomas-Krenn AG, äußert sich zu den jüngsten Trends und der Marschrichtung des Unternehmens aus Freyung.
Christoph Maier, Vorstand der Server-Herstellers Thomas-Krenn AG, äußert sich zu den jüngsten Trends und der Marschrichtung des Unternehmens aus Freyung. (Bild: Thomas-Krenn AG)

Wenn von Industrie 4.0 und Internet of Things die Rede ist, kommt oft das Schlagwort Edge Computing hinzu. Denn nur mit der Verlagerung der Daten an den Rand des Netzwerks, dohin wo sie entstehen und gebraucht werden, der Edge, können die Daten in adäquater Zeit verarbeitet werden. Dazu und anderen Trends, die den Server-Markt betreffen, gab der neue Vorstand der Thomas-Krenn AG, Christoph Maier, ein Interview.

Seit dem 1. März 2018 ist Christoph Maier, der neue Vorstand der Thomas-Krenn AG. Bis dahin war er Vorstand der Max Fuchs AG in Freyung, doch ein Unbekannter für den Server-Hersteller, am selben Ort beheimatet, ist er nicht. Von 2005 bis 2014 war er schon einmal als Vorstand des Unternehmens tätig und in dieser Zeit sowohl mit den Unternehmensgründern als auch mit den jetzigen Vorständen zusammen im Vorstandsteam.

Die Zeichen im Server-Markt stehen seit einigen Monaten wieder auf Wachstum, auch Mittelständler kaufen wieder mehr Server ein. Gleichzeitig ist der Trend zur Cloud angeblich ungebrochen. Wie passt das zusammen?

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Christoph Maier: Das passt in der Tat nicht wirklich zusammen. Wir beispielsweise stehen derzeit sehr gut da. Die Produktion ist voll ausgelastet, die Auftragslage mehr als zufriedenstellend. Dabei sind ja die großen Hyperscaler mit den Cloud-Rechenzentren eher nicht unsere Zielgruppe.

Letztendlich kann das nur bedeuten, dass zumindest unsere Kunden sehr genau wissen, dass die Cloud zwar für viele Anforderungen geeignet und nicht mehr wegzudenken ist, aber eben nicht für alles. Das zeigt ja auch der Trend zum Edge Computing, bei dem die eigenen Server und lokale Datenverarbeitung wieder an Bedeutung gewinnen.

Was verstehen Sie unter EdgeComputing/ Edge-Rechenzentren?

Christoph Maier: Ich verstehe unter Edge Computing in etwa das, was auch die Wikipedia schreibt: `Dezentrale Datenverarbeitung am Rand des Netzwerks`. Ob das immer in Verbindung mit der Cloud stattfindet, ist erstmal zweitrangig. Auch ein Edge Rechenzentrum wird dafür nicht immer gebraucht.

Entscheidend ist, dass die Systeme anfallende Daten vor Ort speichern, verdichten und vorverarbeiten und dabei weitgehend autonom sind. Oft ist auch Echtzeitfähigkeit wichtig, also geringste Latenzen bei der Verarbeitung.

Edge-Rechenzentren sind Datacenter, die das ermöglichen. Das können mittelgroße Rechenzentren nach konventioneller Bauart sein, Container-Rechenzentren, aber auch Micro-Datacenter in der Größe eines Racks.

Hierbei kommen auf einmal auch ganz neue Themen zur Geltung, wie Robustheit, Staub- Wasserschutz, einfache Maintenance und so weiter.

Ist das ein Thema, das für Deutschland überhaupt eine Rolle spielt, schließlich sind hier im Gegensatz zu den USA beispielsweise die Distanzen zwischen den Rechenzentren verhältnismäßig kurz?

Christoph Maier: Die ganz großen Edge-Rechenzentren spielen beispielsweise regional Streaming Content aus oder arbeiten als Relais-Stationen der großen Cloud-Anbieter. Diese werden sicher in Deutschland keine so wichtige Rolle spielen wie in den USA. Aber es gibt viel mehr Gründe als nur Entfernungen. Auch bei relativ kurzen Wegen durchs Netz sind die Latenzen für Echtzeit-Anwendungen in der Regel nicht hinzunehmen, so dass im IoT-Umfeld gar keine andere Möglichkeit besteht, als die Daten dort zu verarbeiten wo sie entstehen.

Auch aus Gründen der Datensicherheit und Compliance oder einfach wegen viel zu großer Datenmengen entscheiden sich viele Anwender für die Verarbeitung vor Ort. Vor allem beim Industrial Internet of Things (IIoT) kommen all diese Aspekte zusammen. Hier und in ähnlich gelagerten Bereichen wie Smart Buildings und Smart Infrastructure sehen wir deshalb auch größte Potential für die Edge.

Christoph Maier zu seinen neuen Aufgaben: „Nach wie vor steht die Thomas-Krenn AG zu ihren Werten als im Bayerischen Wald verwurzeltes Unternehmen, das europaweit Tausende zufriedene Kunden gewinnen konnte. Ich kann mir keine schönere Aufgabe vorstellen, als zusammen mit dieser sehr erfolgreichen Mannschaft diesen Kurs fortzusetzen.“
Christoph Maier zu seinen neuen Aufgaben: „Nach wie vor steht die Thomas-Krenn AG zu ihren Werten als im Bayerischen Wald verwurzeltes Unternehmen, das europaweit Tausende zufriedene Kunden gewinnen konnte. Ich kann mir keine schönere Aufgabe vorstellen, als zusammen mit dieser sehr erfolgreichen Mannschaft diesen Kurs fortzusetzen.“ (Bild: Thomas-Krenn AG)

Haben Sie Beispiele, die typisch sind für das Thema Edge-Computing?

Christoph Maier: Einer unserer langjährigen Kunden stattet beispielsweise landwirtschaftliche Betriebe mit Systemen aus, die das Verhalten von Nutztieren mittels mobiler Datenerfassung analysieren und daraus Vorhersagen hinsichtlich Gesundheits- und Ernährungszustand des Viehbestandes ableiten. Die Server, auf denen die Speicherung und Vorverarbeitung der Daten stattfinden, stehen vor Ort direkt in den Ställen. Das bringt natürlich einige Herausforderungen hinsichtlich Wartung, ausfallsicherer Stromversorgung und so weiter mit sich.

Auch bei Smart Buildings tut sich einiges. Wenn etwa Sensorik-Daten aus dem Gebäude mit Informationen zum Nutzungsverhalten oder auch Wetterdaten verknüpft werden, um eine optimale Steuerung von Heizung und Lüftung zu erreichen. Hier bauen wir gemeinsam mit unserem Kunden und Partner Loxone an den entsprechenden Hardware-Lösungen. Darüber hinaus haben wir in der Industrie zahlreiche Projekte.

Welche Herausforderung in der Ausstattung mit IT gibt es für diese Anwendungen?

Christoph Maier: Die größte Herausforderung besteht in der Individualität jeder einzelnen Lösung. Und dabei in der Integration in vorhandene Strukturen und Anpassungen an den Standort. In der Regel müssen Edge-Systeme mit Input aus verschiedensten Quellen klarkommen: In der Industrie mit den dort etablierten Standards, in der Gebäudetechnik mit entsprechenden Bus-Systemen.

Manchmal sind extreme Datenraten gefordert, dann wieder geringe Latenzen. Oft genug sind auch mechanische Konstruktionsprobleme zu lösen, etwa wenn unsere Server in Fahrzeugen, Schiffen oder Flugzeugen verbaut werden. Häufig ist auch kein geschultes Personal zugegen, was auch die Wartung zu einer Herausforderung werden lässt.

Haben Sie vor, eigene Produkte für Edge Computing oder eigene Micro-Datacenter anzubieten?

Christoph Maier: Als mittelständischer Anbieter müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir können. Unsere Kompetenzen sind individuelle Server-Lösungen die Adaption unserer Hardware auf die vielfältigen Anforderungen unserer Kunden, wie gerade beschrieben. Um dem gerecht zu werden, verbreitern wir unser Portfolio bei Industrie-PCs, aber auch bei Storage und GPU-Systemen mit hoher Rechenleistung.

Das ist gewissermaßen das Rohmaterial, aus dem dann die individuelle Lösung entsteht. Wenn wir merken, dass eine Lösung auch den Nerv bei anderen Kunden trifft, kann dann auch schon mal ein Produkt daraus werden.

Bei Micro-RZs setzen wir auf Partner, so haben wir Compact Datacenter von Prior1 und von RZproducts im Programm.

Werden Sie das Thema Hot Fluid-Computing weiterhin verfolgen? Gibt es Anwender?

Christoph Maier: Natürlich enttäuscht es uns, dass sich die Nachfrage nicht so entwickelt hat, wie es beim langfristig enorm wichtigen Thema Flüssigkühlung angebracht wäre. Aber es war von vornherein klar, dass es einen langen Atem braucht. Wir werden das Thema Hot Fluid Computing also weiterhin verfolgen, möglicherweise auch mit deutlich mehr Ressourcen als bisher. Hier ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.

OpenSource ist in der Software, aber auch in der Hardware ein immer größer werdendes Thema von Power-Prozessoren bis zum Open Compute Project. Welches Engagement können Thomas-Krenn-Kunden erwarten?

Christoph Maier: Ich glaube, es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Open Source Software (OSS) und `offener´ Hardware. Während man bei OSS nur sein Können und sein Engagement für ein Projekt einbringen muss, stellt offene Hardware ganz andere Anforderungen. Man braucht viel mehr eigene materielle Ressourcen und ist extrem auf ein gut funktionierendes Partner-Ökosystem im Projekt angewiesen. Deswegen gibt es dort auch kaum tatsächliche Communities sondern immer die Dominanz eines Herstellers oder Groß-Abnehmers wie Facebook oder Google, deren Agenda die Entwicklung bestimmt.

Letztendlich hat das auch dazu geführt, dass wir das Engagement für `Power´-basierten Servern beendet haben (siehe: „Ein Rechner auf Basis von IBM-Power-CPU aus Bayern, Thomas-Krenn AG adaptiert Open Power“). Die Nachfrage nach ´Open Power` war zu gering und unsere Zulieferer für die Boards ließen hinsichtlich ´Power9` keine klare Strategie erkennen.

Ich finde es persönlich schade, aber der Support einer komplett anderen Architektur bindet zu viele Ressourcen. Es war also letztendlich eine wirtschaftliche Entscheidung.

Beim Open Compute Project sehen wir, dass es nahezu ausschließlich für Hyperscaler relevant ist (siehe: „Offenes Design für Datacenter-Hardware und -Racks, Open19 Foundation versus Open Compute Project (OCP)“) Kunden aus dem Mittelstand oder auch kleinere Rechenzentrumsbetreiber dürften mit den Anforderungen überfordert sein. Hier haben wir deshalb kein Engagement geplant.

Andere Community-orientierte Projekte wie etwa `Coreboot´ beobachten wir sehr interessiert, allerdings stehen da neben technischen Aspekten noch zu viele rechtliche Unsicherheiten im Raum.

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