Ein langjähriger Cloud-Praktiker im Interview Vom Admin zum Cloud-Operator

Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

Es heißt, IT-Stäbe von Unternehmen hätten teilweise Vorbehalte gegen Cloud Computing, weil es ihre berufliche Position beeinträchtigt. Ein erfahrener Cloud-Anwender erläutert, in welchen Bereichen sich was verändert.

Etliche IT-Fachkräfte haben diffuse Ängste vor Gefahren des Cloud Computings für ihre Karriere.
Etliche IT-Fachkräfte haben diffuse Ängste vor Gefahren des Cloud Computings für ihre Karriere.
(Bild: Ludger Schmitz / BY 3.0)

Das Berliner Cloud-Storage-Startup Teamplace gibt es zwar erst seit 2015, seine Gründer haben aber längere Cloud-Erfahrungen. Das Unternehmen ist aus der Cortado AG hervorgegangen, die schon vor acht Jahren Mail-Hosting für MS Exchange anbot. Hier entwickelte sich die Cloud-Lösung Teamplace. Nach einer Testphase mit Microsoft Azure setzte man vor drei Jahren auf Amazon Web Services. Die Ausgründung Teamplace arbeitet fast vollständig in der AWS-Cloud. Die Firma hat kaum noch IT-Systeme im Haus; eigene Rechner gibt es nur zum Programmieren und eben zum Zugriff auf die Cloud. IT-Leiter Karsten Constantin erläutert im Interview, wie sich IT-Spezialisten in die Cloud einleben.

Wie haben Ihre Leute mit der Cloud angefangen?

Wir waren vor acht Jahren ziemlich früh dran mit der Cloud-Nutzung. Die meisten von uns kamen aus der klassischen Administration. Damals gab es noch keine Weiterbildung, keine Kurse, keine Literatur. Wir haben uns in der Praxis vom klassischen Administrator immer mehr zum Cloud-Operator weitergebildet. Wir sind quasi in die Cloud hineingewachsen.

Laut Umfragen beklagen viele Unternehmen, es gäbe zu wenig Cloud-Spezialisten.

Das überrascht mich auch. Auf den einschlägigen Stellenportalen im Internet findet man nicht so viele Firmen, die Cloud-Spezialisten suchen, konkrete Nachfrage nach Leuten für AWS, OpenStack oder Azure ist eher selten. Aber Stellen für Systemadministratoren sind massenhaft offen. Klagen, dass Cloud-Projekte aus Mangel an Personal scheitern, könnten auch Ausreden sein. Das war auch früher schon so. Natürlich wird es immer Projekte geben, die aus Mangel an Fachkräften scheitern. Aber das kann auch an den Projekten selbst liegen: zu spät angefangen, zu spät gesucht, falsche Voraussetzungen, schlechte Bezahlung etc. Es ist komisch, dass die Schulungsanbieter die Kurse nicht voll bekommen. Ich habe es selbst erlebt, dass Kurse abgesagt wurden, weil es zu wenig Interessenten gab.

Gab es Bedenken seitens der Admins auf dem Weg in die Cloud?

Bei uns waren die klassischen Administratoren eher erleichtert. Wir müssen uns nicht mehr um die Hardware kümmern, nicht mehr um Lizenzen, nicht mehr um Maintenance und Support. Und nicht mehr der Ärger, dass neue Softwareversionen immer neue Hardware-Investitionen verlangen. Für uns ist das Leben einfacher geworden. Cloud war eine große Erleichterung.

Irritiert der Cloud-Slogan „Raus aus den Silos“ die Admins?

Je nachdem. Es gibt den klassischen Admin, der seit 20 Jahren seinen Job macht und Veränderungen hasst. Der schaut auf seine Systeme und hat vermutlich Angst vor einem gewissen Machtverlust. Wenn es Probleme mit der IT gibt, rennen alle bettelnd zum Admin, der mehr oder minder gnädig hilft. Nun auf einmal sind andere Sachen wichtiger als seine alten Aufgabengebiete. Wenn die in eine bestimmte Abwehrhaltung kommen, hat man es schwer, zu ihnen vorzudringen, die alte Not-my-Business-Denke zu durchbrechen. Da perlt alles ab. Solche Leute werden scheitern und früher oder später ihren Job verlieren. Durch Cloud Computing wandelt sich das klassische Berufsbild eines Administrators rasant. Dabei sind wir erst am Anfang einer Entwicklung, da ist also noch einiges zu erwarten.

Sind junge Leute unbelasteter oder Cloud-affiner?

Je jünger die IT-Leute sind, desto leichter lassen sie sich für die Cloud begeistern. Die sind mit Google Drive und iCloud, mit Dropbox und Facebook aufgewachsen. Da muss man nicht viel überzeugen. Großes Aber: Junge Informatiker haben zwar von Cloud gehört, aber nichts darüber an der Uni gelernt.

Ergänzendes zum Thema
Die Teamplace GmbH

Die 2015 gegründete Teamplace GmbH verfolgt mit der gleichnamigen Lösung das Ziel, Teams im privaten sowie im professionellen Umfeld unkompliziert miteinander zu vernetzen, ohne dabei Limitierungen hinsichtlich Speichergröße und Anzahl der Mitglieder vorzugeben. Jeder neu erstellte Teamplace ist immer für 90 Tage kostenlos, was für die meisten Projekte ausreichen sollte. Kommentare an Dateien in Echtzeit, über alle Plattformen hinweg, sollen der E-Mail Flut ein Ende machen und die Übersichtlichkeit steigern. Die Teamplace GmbH entwickelt mit ihren inzwischen mehr als 20 festen Mitarbeitern durchweg am Standort Berlin und speichert die Daten ihrer Kunden ausschließlich auf Servern in Deutschland.

Beziehen IT-Spezialisten nicht einen Teil ihrer Wertschätzung und ihres Gehalts eben daraus, dass sie eben Experten für ganz bestimmte Fachrichtungen sind? Verändert Cloud-Computing die Maßstäbe?

Karsten Constantin, CIO bei Teamplace
Karsten Constantin, CIO bei Teamplace
(Bild: Constantin, Teamplace)

Man muss da differenzieren. Der Datenbankexperte bleibt gefragt, denn die Datenbanken laufen ja auch in der Cloud. Der braucht vor der Cloud wirklich keine Angst zu haben. Aber schon Storage-Admins werden nicht mehr gebraucht. Gleiches gilt für VMware-Spezialisten, erst recht für Hardware-Entwickler. Wenn die weiter darauf beharren, nur das machen zu wollen, ist der Job weg, sobald man in die Cloud geht. Auch der klassische Netzwerktechniker muss sich umschauen. Die Netzwerktechnik wird zum Softwarestack. Switches, Router, Firewalls laufen als virtuelle Maschinen. Für mich ist es eher ein Erleichterung, dass die Hardware darunter wegfällt und ich mich auf den Service konzentrieren kann.

Das Gehalt kann sich an Verfügbarkeit und SLAs orientieren. Woran orientiert sich bei Ihnen das Gehalt?

Vor allem an Erfahrung. Je mehr, desto höher das Gehalt. Außerdem kriegen die Mitarbeiter Prämien entsprechend Zielvereinbarungen. Das sind Punkte wie Verfügbarkeit, Kundengewinnung, Projekte, Termintreue etc.

Stärkt die Betonung der Services nicht eher die Position der Developer gegenüber den Operators?

Ja. Die Entwickler programmieren die Services, auf die es ankommt in der Cloud. Worauf das läuft, ist ihnen erst einmal egal. Der klassische Admin wird sich in die zweite Reihe gedrängt fühlen, nicht aber der Admin, der sich mit dem Cloud-Operating beschäftigt. Denn es entsteht eine bi-direktionale Beziehung zwischen Developer und Operator.

Wie sieht die aus?

Der Entwickler muss ein Stück weit klassisches Operator-Wissen haben. Ein Developer muss heutzutage wissen, was sich vernünftigerweise in der Cloud machen lässt. Das Wissen kann der Operator ihm geben. Der klassische Operator hat heutzutage wenigstens grundlegendes Programmierwissen, kann Code lesen, um zu wissen, wie er ihn monitoren und verbessern kann. Das beiderseitige Wissen vermischt sich immer mehr. Am Ende beherrscht idealerweise jemand beides.

Inwieweit ist das Realität geworden?

Das ist ein Prozess. Wir arbeiten zum Beispiel mit Docker, was beide Seiten sehr interessiert. Ein Operator hat ein hohes Maß an Wissen zur Docker-Technik, Developer bringen ihren Code für den Service im Container mit. Also besteht noch eine gewisse Zweiteilung von Aufgaben, aber der Operator weiß inzwischen, was der Code macht, und der Entwickler weiß heute, auf welcher Basis sein Code läuft. Das ist ein Unterschied zu früher, wo Services ohne Operator-Wissen programmiert wurden und oft nicht liefen. Das ist heute nicht mehr so, weil die Zusammenarbeit viel enger ist.

Spielt der Operator eine Rolle als Vermittler zwischen Entwicklern einerseits und Geschäftsleitung oder Abteilungen andererseits?

Bei flachen Hierarchien ist das nicht zu erkennen. Ich bin technisch verantwortlich für das Operation-Team, gleichzeitig auch im Vorstand. Insofern lassen sich Wünsche und Möglichkeiten früh in Einklang bringen. Es geht halt nicht alles so einfach und schnell wie gedacht. Und bei Security-Aspekten braucht es ohnehin besondere Aufmerksamkeit. Manchmal muss man schon ein wenig bremsen.

Was würden sie Firmen in Sachen Cloud-Ausbildung ihrer IT-Fachkräfte empfehlen?

Karsten Constantin, CIO bei Teamplace
Karsten Constantin, CIO bei Teamplace
(Bild: Constantin, Teamplace)

Schickt die Leute auf Schulungen, denn das verkürzt Euch den Leidensweg. Es gibt inzwischen genug Schulungen, auch gute. Es kostet erst einmal Geld, aber das Geld ist bald wieder drin, weil Ihr schneller seid, als wenn Ihr Euch da selber wochen- oder monatelang durchkämpft. Sich das Wissen durch Lektüre anzueignen bringt nichts. Die persönliche Schulung durch Dozenten aus der Praxis ist intensiver. Einem Dozenten kann man Fragen stellen, auch spezifische zur eigenen Umgebung.

Viele Firmen bürden ihren IT-Leuten neue Cloud-Projekte neben der gewohnten Arbeit auf. Ist das nicht desorientierend?

In der IT war das schon immer so. Ob nun Cloud oder neue Storage-Systeme, Firewalls oder VMware-Versionen, ein Operator hat mit diesem Problem immer zu kämpfen, die Entwicklung ist nicht langsamer geworden. Die Änderungen sind radikal und kommen immer schneller. Überspitzt gesagt: Kaum hat man ein Fachbuch durchgelesen, ist die Technik auch schon wieder überholt.

Ist Cloud nicht ein wesentlich krasserer Bruch?

Ich fand die Umstellung von Windows Server 2008 auf 2012 härter. Die war unlogisch, katastrophal und hat keinen Spaß gemacht. Da finde ich die Cloud interessanter. Es kommt darauf an, ob jemand Interesse und Spaß an etwas Neuem hat oder nicht. Das ist unabhängig von der IT. Es gibt bei allen Dingen Leute, die sich über neues freuen. Andere haben gerade keinen Bock und wollen lieber beim Gewohnten bleiben. Für einen Operator kann so eine Haltung fatal sein.

Was empfehlen sie Firmen, um einer Frontstellung zwischen Operators und Entwicklern vorzubeugen?

Es sollte eine Art Moderator dazwischen sitzen, der beide Seiten versteht, den sie anerkennen und der mit beiden gut kann. Außerdem muss er vermitteln können. Aber solch eine Person braucht man eigentlich auch ohne Cloud immer. Es ist eine klassische IT-Leiter-Funktion.

* Das Interview führte Ludger Schmitz, freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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