Blaue Engel für Rechenzentren und Datacenter-Services bekommen frisches Grün UBA-Frau Marina Köhn: „Am Ende soll eine Energiekennzeichnung für Rechenzentren stehen.“

Das Gespräch führte lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

Inzwischen gibt es 'Blaue Engel' für Datacenter-Dienstleistungen und Energie-effizienten Rechenzentrumsbetrieb. Doch der Markt nimmt diese Zertifizierungen nur zögerlich an. Autorin Ariane Rüdiger sprach für DataCenter-Insider mit Marina Köhn, (Wissenschaftliche Mitarbeiterin) beim Umweltbundesamt (UBA) über die Gründe und die diesbezüglichen Pläne des UBA.

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Die Blauen Engel für Rechenzentren und Datacenter-Dienstleistungen stehen vor einer Umgestaltung.
Die Blauen Engel für Rechenzentren und Datacenter-Dienstleistungen stehen vor einer Umgestaltung.
(Bild: (Bild: gemeinfrei Pixabay / Pixabay ))

Bislang erfreuen sich die Blauen Engel für Rechenzentren keiner großen Beliebtheit. Woran liegt das?

Marina Köhn: Zunächst müssen wir unterscheiden: Den Blauen Engel für den Energie-effizienten Rechenzentrumsbetrieb (DE-UZ 161) gibt es schon seit 2011. Den Blauen Engel für Co-Location-Rechenzentren (DE UZ 214), gibt es erst seit 2020 - es wäre vermessen, bei ihm eine große Marktdurchdringung zu erwarten. Die Blauen Engel wollen nicht unbedingt beliebt sein, sondern Anforderungen beschreiben, wie ein Rechenzentrum sein muss, das Energie-effizient, ressourcenschonend und somit umweltverträglich ist.

Beide Label bieten also Orientierung für die Betreiber selbst, aber auch für den Einkauf von Rechenzentrumsdienstleistung oder IT-Services. Von der Existenz der Blauen Engel für Rechenzentren erfahren IT-Einkäufer allerdings fast nur, wenn sie gezielt danach suchen oder in einem Vortrag davon hören. Außerdem haben Falschaussagen über die Label die Durchdringung gehemmt. Sie richtigzustellen ist mühselig.

Wer interessiert sich bisher real für die Label?

Marina Köhn: Der Blaue Engel für den Energie-effizienten Rechenzentrumsbetrieb, das ältere Label also, wurde bisher häufig von Unternehmensrechenzentren beantragt, die die Zertifizierung als Selbstbewertung nutzten. Das ist löblich, erklärt aber auch, warum das Label den Dienstleistungsmarkt wenig beeinflusst.

Ich hoffe sehr, dass neben den Betreibern von Unternehmensrechenzentren sich bald mehr Co-Locations-Dienstleister auf den Weg machen und ihr Rechenzentrum für den Blauen Engel fit machen. Denn es ist völlig egal, welches Betriebs- oder Geschäftsmodell ein Rechenzentrum hat, es verbraucht immer Strom und wertvolle Rohstoffe. Beides gilt es zu reduzieren. Inzwischen steigt aber das Interesse, ich werde in letzter Zeit oft auf die Label angesprochen.

"Die über die Blauen Engel für RZ verbreiteten Falschaussagen richtigzustellen, ist mühselig", Marina Köhn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim UBA.
"Die über die Blauen Engel für RZ verbreiteten Falschaussagen richtigzustellen, ist mühselig", Marina Köhn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim UBA.
(Bild: J. F. Klam / Berlin)

Wie viele Zertifizierungen nach dem Blauen Engel für Energie-effizienten Datacenter-Betrieb gibt es?

Marina Köhn: Das dürfte inzwischen ein gutes Dutzend sein.

Kältemittel-Anforderungen durchaus angemessen

Zurück zu den Anforderungen des Blauen Engels für Co-Location-Rechenzentren: Moniert werden gelegentlich die Anforderungen zum Kältemitteln Wie sehen Sie das?

Marina Köhn: Die EU will klimaschädliche Kältemittel vom EU-Markt nehmen. Aktuell setzen viele Betreiber von Rechenzentren aber noch klimaschädliche teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFKW) in den Kälte-Anlagen ein. Ihre Marktverfügbarkeit sinkt schrittweise bis 2030 auf ein Fünftel von dem, was zwischen 2009 und 2012 auf dem Markt verfügbar war. Wir bilden also höherrangige und zukunftsgerichtete Anforderungen durch den Blauen Engel ab und klären auf.

Die F-Gas-Verordnung ist übrigens bereits seit 2014 in Kraft. Es war also genug Zeit, um Klimatisierungskonzepte zu überdenken.

Dass es keine passenden Kälte-Anlagen gäbe, stimmt nicht. Es gibt sie für viele Leistungsklassen, und sie arbeiten Energie-effizienter. Zudem werden im Einzelhandel schon seit Jahren natürliche Kältemittel in Kälte-Anlagen für die Raumklimatisierung erfolgreich eingesetzt.

Andere monieren die PUE-Vorgaben von 1,3 bis 1,4. Hier ginge mehr, heißt es.

Marina Köhn: `Mal wird moniert, dass die Werte zu ambitioniert und mal, dass sie es nicht seien. Ein großes Co-Location-Unternehmen schrieb mir kürzlich, er könne die Werte des PUE und der Jahresarbeitszahl (JAZ) auf gar keinen Fall einhalten. Als Argumente dienen oft die Hochverfügbarkeit und die Auslegung der Gebäudetechnik auf eine geplante, spätere Kapazitätsauslastung, die aktuell die Energie-Effizienz negativ beeinflusst.

Der Co-Location-Anbieter Akquinet schafft es aber die Werte einzuhalten, obwohl er nicht nur seinem Großkunden Dataport hohe Verfügbarkeit zusichert (siehe: „Interview mit dem Rechenzentrumsbetreiber zum UBA-Umweltzertifikat; Erstes Co-Location-Datacenter mit Blauem Engel: Warum will Akquinet das Prädikat?“. Wenn ein Co-Location-Rechenzentrum seine Gebäudetechnik auf volle Kapazität ausrichtet, aber die Vollauslastung erst in einigen Jahren erreicht, hat es bis dahin eine schlechte Energieeffizienz und eine hohe PUE.

Allerdings könnten die Co-Location-Betreiber durch ein modulares Konzept auf schwankende oder langsam wachsende Auslastung energiesparend reagieren. Wer lieber auf starre Konzepte setzt und eine schlechte Energieeffizienz in Kauf nimmt, bekommt keinen Blauen Engel.

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Im Übrigen werden wir im nächsten Jahr bei der Überarbeitung der Kriterien des Blauen Engels für den Rechenzentrumsbetrieb und für Colocation-Rechenzentren alle Anforderungen, also auch die Mindesteffizienzwerte des PUE und der Jahresarbeitszahl (JAZ) überprüfen und eventuell anpassen.

´Mal wird moniert, dass die Werte zu ambitioniert und ´mal, dass sie es nicht seien.

Marina Köhn

Wann ist mit den runderneuerten Blauen Engeln zu rechnen?

Marina Köhn: Ende 2022 werden wir den Entwurf des zusammengeführten Blauen Engels für Rechenzentren im Rahmen des offiziellen Anhörungsverfahren diskutieren. Bei großem Dissens unter den Expert*innen wird nachjustiert. Es ist nicht möglich, genau zu sagen, wann die neuen Zertifizierungsregeln kommen. Unser Ziel ist das Frühjahr 2023.

Zurück zu den Anforderungen: Warum machen Sie nicht Modularität zur Anforderung, wenn sie so großen Einfluss hat?

Marina Köhn: Es hat sich bisher bewährt, stets Grenzwerte vorzugeben und nicht den Weg, sie zu erreichen. Wir hatten zum Beispiel in einer früheren Version einen Virtualsierungsgrad für Server vorgegeben, um die Auslastung zu erhöhen. Die ist in vielen Rechenzentren noch immer jämmerlich niedrig, obwohl die Server die Hauptverursacher des Stromverbrauchs im Rechenzentrum sind.

Wir haben zusammen mit Praxispartnern 13 Rechenzentren untersucht und unter anderem die Auslastung der CPU gemessen. Im schlechtesten Rechenzentrum lag sie über alle Server und einen Betrachtungszeitraum von einem Jahr nur bei vier Prozent. Die Anforderung zur Virtualisierung hat hier leider nicht so viel bewegt, wie es nötig wäre.

Inzwischen geben wir eine CPU-Auslastung von mindestens 20 Prozent vor, ohne eine Technologie vorzuschreiben. Der Wert ist scheinbar gering, gemessen an der Realität ist er schon hoch. Man kann deshalb darüber diskutieren Modularität als Konzept für eine bessere Auslastung zu empfehlen. Vorgeben werden wir sie nicht.

Die durchschnittliche Auslastung von Servern in RZ ist noch immer viel zu gering.
Die durchschnittliche Auslastung von Servern in RZ ist noch immer viel zu gering.
(Bild: UBA)

Welche Änderungen sind sonst noch geplant?

Marina Köhn: Zum einen wollen wir die beide Blauen Engel für Rechenzentren zusammenführen. So bleiben die Mindestanforderungen an die Effizienz der Gebäudetechnik auch bei einer Laufzeitverschiebung für beide Blaue Engel jederzeit gleich. Zusätzlich entstehen weitere Möglichkeiten Rechenzentren auszuzeichnen, deren Geschäftsmodell nicht eindeutig dem Geltungsbereich eines der beiden Zertifikate zugeordnet werden kann. Wir können dann auch Co-Location-Kunden auszeichnen.

Das bedeutet, dass ein Unternehmen, das aus einem Co-Location-Rechenzentrum mit Blauem Engel seine Energie-effizienten Datacenter-Services erbringt, selbst einen Blauen Engel erwerben kann. Co-Location-Großkunden wünschen sich so eine Zertifizierung. Zwei weitere Themen, mit denen wir uns beschäftigen werden, sind die Flächeneffizienz und die Abwärmenutzung.

Abwärmenutzung: Oft schwer zu realisieren

In letzterer sehen ja viele den richtigen Weg für mehr Energieeffizienz der IT selbst.

Marina Köhn: Das ist richtig. Aber 2018, als wir mit Expert*innen und Verbandsvertreter*innen über eine verbindliche Abwärmenutzung diskutiert haben, hat man uns abgeraten, sie in den Blauen Engel aufzunehmen. Das Hauptproblem ist nach wie vor das Festhalten an der Luftkühlung der Rechenzentren. Die derzeitigen Einsatzmöglichkeiten der Abwärme sind deshalb einfach zu gering, die Temperaturen sind zu niedrig. Man braucht also Wärmepumpen, die die Temperaturen anheben und diese verbrauchen wiederum Strom und setzen CO2 Emissionen frei.

Dabei kann man das Temperaturniveau der Abwärme aus dem Rechenzentrum erhöhen, indem man wassergekühlte Server einsetzt. So könnte hochkalorische Abwärme für Fernwärmenetze angeboten werden.

Allerdings fehlen oft die Fernwärmeleitungen, um solche Konzepte umzusetzen.

Marina Köhn: Unter anderem deshalb haben wir ein Forschungsvorhaben mit dem Ziel vergeben, ein Register für Rechenzentren aufzubauen, das auch die Möglichkeiten der Abwärmenutzung besser erkennen lässt. Es könnte irgendwann die Bauleitplanung beeinflussen. Die Leitung hat Professor Peter Radgen, Universität Stuttgart. Weitere Partner sind unter anderem das Öko-Institut, die DC-Data-Center-Group GmbH, die German Datacenter Association, die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e. V. (DENEFF) sowie Vogel IT-Medien. Das Vorhaben läuft bis Ende 2023 (siehe: „PeerDC - der Aufbau eines Datacenter-Registers zur Bewertung der Energie-Effizienz; Die Intention: Ein Bewertungssystem für Rechenzentren

Wie läuft dieses Projekt ab?

Marina Köhn: Zunächst entsteht ein freiwilliges Register für Rechenzentren in Form eines zentralen visualisierten Informationssystems mit verlässlichen Angaben zu Energieverbrauch und Energie-Effizienz der teilnehmenden Datacenter sowie weiteren Angaben. Darüber können Kunden*innen Details zu den enthaltenen Rechenzentren erfahren.

Deutschland wird als erstes europäisches Land ein solches Register aufbauen. Eine Übertragbarkeit oder Erweiterung auf weitere Mitgliedsstaaten der EU ist beabsichtigt. Ein Begleitkreis soll das Vorgehen und die Ergebnisse regelmäßig diskutieren.

Das zweite Ziel des Forschungsvorhabens ist die Entwicklung eines Bewertungssystems für die Energieeffizienz von Rechenzentren auf der Grundlage der Ergebnisse von „KPI4DCE“, damit sich die Rechenzentren tatsächlich vergleichen lassen. Dabei können dann etwa Betriebsmodelle, Verfügbarkeitsklassen oder andere Eigenschaften berücksichtigt werden. KPI4DCE ist ein 2018 von uns entwickeltes Verfahren zur ganzheitlichen Messung der Energie- und Ressourceneffizienz von Rechenzentren (siehe: „Fest im Blick: Der Energie-Ausweis für Rechenzentren; Parameter für ökologische Datacenter-Zukunftsfähigkeit “.

Darauf aufbauend haben wir 2020 eine Methode zur realitätsnahen Messung der Umweltwirkungen datenintensiver Cloud-Dienstleistungen wie Video-Streaming, Video-Konferenzen und Online-Datenspeicherung entwickelt.

Was ist das Gesamtziel dieser Bemühungen?

Marina Köhn: Am Ende soll eine Energiekennzeichnung für Rechenzentren stehen, wie man sie von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennt. Wir hoffen, dass damit ein fairer Wettbewerb um mehr Energie-Effizienz entsteht. Wir hoffen auch, dass die Energie-Effizienz-Kennzeichnung irgendwann auf politischer Ebene für verbindlich erklärt wird.

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