Das „neue Fujitsu“

Strategie mit Löchern - Chef-Sprech auf dem Fujitsu-Forum

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger* / Ulrike Ostler

Während seiner Keynote am gestrigen Eröffnungstag des "Fujitsu Forum" beteuert CEO Tanaka: „Kreativität, Agilität und Menschen sind die Schlüsselfaktoren für den Erfolg der digitalen Transformation“ - Das "neue Fujitsu" brauche nicht mehr alles selber zu machen. Die Schließung des Fiujitsu-Werks in Augsburg erwähnte er mit keinem Wort.
Während seiner Keynote am gestrigen Eröffnungstag des "Fujitsu Forum" beteuert CEO Tanaka: „Kreativität, Agilität und Menschen sind die Schlüsselfaktoren für den Erfolg der digitalen Transformation“ - Das "neue Fujitsu" brauche nicht mehr alles selber zu machen. Die Schließung des Fiujitsu-Werks in Augsburg erwähnte er mit keinem Wort. (Bild: Ariane Rüdiger)

Auf dem in dieser Woche stattfindenden „Fujitsu Forum“ steht die Neuausrichtung der Strategie im Zuge der digitalen Transformation im Mittelpunkt. Im Hintergrund rumorte es wegen der geplante Schließung des Augsburger Werkes.

Selten werden die inneren Widersprüche der digitalen Transformation so deutlich wie auf dem diesjährigen Fujitsu-Forum, das, wie in den vergangenen Jahren, im Münchner ICM auf dem Messegelände Riem stattfand. Dort treffen sich Kunden und Partner aus ganz Europa. Doch diesmal störten Demonstranten in roten Fujitsu-Mützen das Bild vom harmonischen Miteinander der Firmen-, Kunden- und Partnerfamilie, das bei solchen Veranstaltungen gern vermittelt wird.

Vor dem Münchner ICM protestierten gestern Fujitsu-Mitarbeiter gegen die Schließung des Augsburger Werks …
Vor dem Münchner ICM protestierten gestern Fujitsu-Mitarbeiter gegen die Schließung des Augsburger Werks … (Bild: Ariane Rüdiger)

Der Grund dafür ist bekannt: Fujitsu will das letzte in Westeuropa befindliche Computerproduktion in Augsburg schließen. Betroffen sind rund 1.500 Mitarbeiter. Immerhin ist der Bedarf an fähigen IT-Spezialisten gerade in dieser Gegend sehr groß, so dass die bald freigesetzten Fujitsu-Mitarbeiter wohl größtenteils neue Arbeit finden dürften. Anfragen nach „ganzen Hundertschaften“ gingen derzeit bei der Personalabteilung ein, hieß es unter der Hand aus Fujitsu-Kreisen.

Doch drinnen, im Vortragssaal, wo CEO Tatsuya Tanaka einen Ausblick auf die Zukunftspläne des japanischen IT-Konzerns gab, war davon nicht die Rede. Hier ging es nur um das Motto der Tagung, „Co-Creation for Success“, und zwar „für Kunden und Gesellschaft“ (Tanaka). Denn digitale Transformation, so Tanaka, fuße vor allem auf der Kreativität und Intelligenz von Menschen, letztere stünden im Mittelpunkt und bildeten den Motor der Transformationsansätze. Ein Satz, der für die Mitarbeiter des Augsburger Werkes nicht mehr gilt.

Draußen und drinnen

Nur Rupert Lehner, verantwortlich fürs Geschäft in Zentraleuropa, erwähnte gegen Ende der Keynote-Sitzung in einem Halbsatz die Augsburger Situation: Die digitale Transformation erfordere auch „harte Entscheidungen“. Schließlich müsse man anders denken, denn Kreativität sei bei der digitalen Transformation der wichtigste Faktor.

Doch Kreativität, will man den Augsburgern plötzlich nicht mehr zuzutrauen, nachdem noch Anfang des Jahres von Durchbrüchen im Bereich Industrie 4.0 die Rede war, die zusammen mit dem inzwischen partiell in chinesischer Hand befindlichen Roboterunternehmen Kuka erzielt und auf der Cebit präsentiert wurden.

Der Einfluss, den europäisches Denken via Augsburg, wo eigentständig entwickelt wurde, auf den Hersteller hatte, dürfte sich jedenfalls mit dem Abschied vom Augsburger Werk erheblich verringern. Und warum – aus Fujitsus Perspektive – auch nicht?

Der ökonomische Schwerpunkt der Welt wird sich in Zukunft zweifellos mit der Zahl der Menschen weg von der westlichen Welt und stärker gen Asien verschieben. Also kann es in den Augen eines japanischen Konzerns durchaus sinnvoll sein, strategische Ressourcen auch dort zu konzentrieren.

Was passiert mit Fujitsu-Hardware-Entwicklung für den Mittelstand?

Die neue Strategie wurde anscheinend in München nur lückenhaft präsentiert oder aber Fujitsu ist sich selbst über manches noch nicht klar. So berichtete Fujitsu von Erfolgsgeschichten rund um den neuen Fujitsu-Beschleunigerchip auf Basis von neuartigen Quanten-Algorithmen („Digital Annealer“). Der durch den Diesel-Skandal in seinem Ruf geschädigte Automobilhersteller VW etwa setzt Annealer-Technologie und Beratungsleistungen von Fujitsu ein, um seine Produktionsprozesse zu optimieren.

Das Bankunternehmen Nat West verwaltet damit ein Investitionsportfolio im Volumen von 135 Millionen Euro – laut Fujitsu 300mal schneller und dazu genauer, als das mit Standard-Technologie möglich wäre. Um die technischen Fähigkeiten der Annealer-Technologie optimal auszunutzen, wurde mit 1QBit Information Technology, einem Newcomer, der Software nach Prinzipien des Quantencomputing für Halbleiterchips schreibt, eine enge Zusammenarbeit vereinbart.

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Ansonsten aber war von Hardware zumindest in der Keynote nicht die Rede. Was passiert perspektivisch mit den Produkten für Endanwender, etwa den Laptops und Speichersystemen? Es heißt, das Handeslgeschäft bleibe erhalten. Doch man darf gespannt sein, welche strategischen Schachzüge demnächst in Tokio ausgebrütet werden. Jedenfalls muss man sich fragen, welche Rolle in Zukunft die Fujitsu-Channel-Partner spielen werden.

„Schauen Sie sich um", fordert Tanaka die Partner auf

Auf der Veranstaltung betonte Fujitsu stets die hohe Qualifikation und Beratungskompetenz der eigenen Belegschaft sowie das wachsende Serviceportfolio. Tanaka ließ wissen, man positioniere im Rahmen der Fujitsu-Transformation „Marketing und Service-Teams näher beim Kunden“. Da eben, wo sich eigentlich die Domäne der Channel-Partner befindet.

Eine andere Frage stellt sich angesichts der Betonung der Partnerschaft mit „Microsoft Azure“ hinsichtlich der Bedeutung des eigenen Cloud-Angebots „K5“. Wird dies nun wieder eingestampft oder zumindest nicht mehr weiterentwickelt?

Das wäre nichts Ungewöhnliches. Schließlich scheiterte auch HPE daran, sich mit eigenen Public-Cloud-Offerten gegen die Großen des Geschäfts durchzusetzen. Microsoft-Chef Satya Nadella schickte jedenfalls eine Video-Botschaft und Michel van der Bel, der bei Microsoft als Corporate Vice President für das EMEA-Geschäft zuständig ist, trat als in München als Gast auf.

„Unser Vorteil auf dem Cloud-Markt ist, dass wir uns nicht für die Daten unserer Kunden interessieren und keine Unternehmen aus deren Märkten kaufen“, sagte er. Stattdessen arbeite man lieber partnerschaftlich mit Herstellern zusammen, beispielsweise bei der Nutzung der Annealer-Technologie. Und weiter: „Kunden wollen heute keinen Technologielieferanten mehr, sondern einen vertrauenswürdigen Partner.“

Fujitsu setzt auf Co-Creation

Im Mittelpunkt des Fujitsu-Geschäftes stehen in Zukunft Beratungs- und Co-Creation-Services, wie sie beispielsweise im Münchner Digital Transformation Center, dem ersten seiner Art außerhalb von Japan, angeboten werden. Die dort entwickelten Lösungen setzt man vorzugsweise mit eigener Technologie und, wenn erforderlich, auch mit anderen Partnern wie Microsoft und VMware mit und bei den Kunden um.

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Das absolute Hardware-Highend will Fujitsu anscheinend weiterentwickeln – auch IBM hält ja zäh an seinen Mainframes fest und verdient gut daran.

Duncan Tait, bei Fujitsu fürs Geschäft im Raum EMEIA verantwortlich, haute bei seinen Ausführungen tief in die digitale Transformationskerbe. „60 Milliarden Dollar Umsatz werden durch die digitale Transformation von alten auf neue Player umgeschichtet“, sagte er. Nur wer als Kunde auf den Transformationszug aufspringe, habe eine Chance, auch in Zukunft seine Kunden zu halten. Wenig überraschend sagten 54 Prozent der von Fujitsu befragten Kunden, die digitale Transformation habe ihnen finanzielles Wachstum beschert, bei 45 Prozent verbesserte sich der Ruf und 35 Prozent entwickelten neue Produkte und Services.

Für den Erfolg der Transformationsanstrengungen machten die Befragten Kreativität (77 Prozent), Agilität (80 Prozent) und das Vertrauen der Gesellschaft (78 Prozent) verantwortlich. Gerade letzteres dürfte durch Vorgänge wie die in Augsburg nicht befördert werden.

Das Thema Industrie 4.0 lockte auf der dem Fujitsu-Form angelagerten Ausstellung viele Interessierte an. Hinter der Präsentation auf der Video-Wand tüftelt übrigens ein Digital Annealer und optimiert im Zusammenspiel mit einer Blockchain.
Das Thema Industrie 4.0 lockte auf der dem Fujitsu-Form angelagerten Ausstellung viele Interessierte an. Hinter der Präsentation auf der Video-Wand tüftelt übrigens ein Digital Annealer und optimiert im Zusammenspiel mit einer Blockchain. (Bild: Ariane Rüdiger)

Auch Tait geizte nicht mit Kundenbeispielen. So habe man der niederländischen Bank ING, die inzwischen auch in Deutschland als nach eigenen Angaben Deutschlands größte Direktbank durch die Zusammenarbeit mit Fujitsu-Spezialisten und Fujitsu-Technologie zu „Millionen neuer Kunden“ verholfen. Auch die weltweite Nummer 2 bei Sicherheitsdienstleistungen, dies schwedische Securitas, ist mit 19 Prozent Wachstum ein erfolgreicher Fujitsu-Kunde. Ob dieser Zuwachs allerdings tatsächlich auf Technologie oder aber auf zunehmendes Unsicherheitsgefühl zurückgeführt werden kann, muss offen bleiben.

Beim Kunden UK Post Office, der wie früher die Deutsche Post auch Telefoniedienste, Finanzdienstleistungen und anderes anbietet, habe man zusammen mit Microsoft eine hybride IT-Umgebung implementiert, in der nun eine agile Applikationstransformation stattfinde. Es sei inzwischen möglich, eine neue Niederlassung – das Unternehmen hat 11.500 davon – innerhalb von Tagen statt Wochen oder Monaten einzurichten.

Schließlich gab Tait noch eine Zielmarke für in einem Jahr aus: „Wir wollen dann dreimal mehr Kunden betreuen, die sich mit uns auf den Weg zur digitalen Transformation machen.“

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