Interview mit OpenStack-President Jonathan Bryce

Reife erreicht. Und was nun?

| Autor: Ludger Schmitz

Sehr weit ist OpenStack in jetzt acht Jahren gekommen, aber abgeschlossen ist die Entwicklung noch nicht.
Sehr weit ist OpenStack in jetzt acht Jahren gekommen, aber abgeschlossen ist die Entwicklung noch nicht. (Bild: / Ludger Schmitz / CC BY 3.0)

Wie gleich nach dem Abitur: Das Reifezeugnis haben die jungen Erwachsenen, aber viele wissen nicht, was sie machen sollen. Auch OpenStack ist in so einer Phase. Ludger Schmitz* fragte OpenStack-President Jonathan Bryce nach Aspekten, die bei dem Open-Cloud-Projekt momentan unklar sind.

2600 Besucher kamen zum OpenStack Summit in Vancouver. Selbst wenn man die 800 Besucher der neuerdings von dem Event abgetrennten Entwicklerkonferenz addiert, sind das weit weniger als beim Summit in Boston vor einem Jahr. Sind Sie enttäuscht?

Jonathan Bryce, President der OpenStack Foundation
Jonathan Bryce, President der OpenStack Foundation (Bild: Ludger Schmitz / CC BY 3.0)

Bryce: Es ist ziemlich toll, ein paar tausend Leute aus mehr als 50 Ländern zusammen zu bringen, um gemeinsam an offener Infrastruktur zu arbeiten. Sicher, es gibt verschiedene Faktoren, welche die Teilnehmerzahl beeinflussen, aber unser Mantra war Qualität geht vor Masse. Ehrlich, ich glaube wir haben in der Vergangenheit zu stark oberflächliche Metriken wie die Besucherzahlen betont. Dabei ist unser primäres Ziel, die beste Software zu entwickeln und zu integrieren. Wir beobachten ferner, dass sich die Zusammensetzung der Besucher ändert. Früher haben einige Hersteller 400 bis 500 Leute hergeschickt; jetzt kommen die wirklichen und engagierten Anwender. Von den Sponsoren des Summit in Vancouver haben wir sehr positive Rückmeldungen über die Qualität der Teilnehmer und die Kontakte auf unserem Präsentationsareal Marketplace bekommen. Ich glaube, das bestärkt den Trend.

Zeigt die Besucherstruktur, dass das Interesse an OpenStack in Nordamerika schwindet und sich nach Europa und insbesondere Asien verlagert?

Bryce: In der Tat beschleunigt sich das Interesse in Europa und Asien, aber auch der nordamerikanische Markt wächst. Das belegen die Zahlen unserer Entwicklergemeinschaft, und die Analysten bestätigen es. Mehr als zehn Millionen Core arbeiten nun in produktiven Umgebungen mit OpenStack. Und die Keynote-Rede von Progressive Insurance war ein schönes Beispiel für die neuen und zunehmenden Anwender in Nordamerika.

Sind Organisationen in Nordamerika eher bereit Public Clouds zu nutzen, während Europäer sensibler auf Datenschutz achten und asiatische, besonders chinesische Unternehmen sich grundsätzlich nicht so gern auf US-amerikanische Cloud-Provider einlassen?

Bryce: Das stimmt nicht mit dem überein, was uns die Community sagt. Es ist wahr, dass in den USA die Nutzung von Public Clouds, beschrieben als die ‚Big Three‘, populärer ist als anderswo. Aber das widerspiegelt sich nicht in den Summit-Besucherzahlen; denn viele OpenStack-Anwender in den USA verwenden Public Clouds in hybriden Szenarios.

Die am häufigsten genannte Klagen der OpenStack-Anwender betreffen die Sicherheit, die Komplexität und Administrierbarkeit, Upgrades sowie vermisste Beispielanwendungen und Erkennbarkeit des Reifegrads von Projekten. Einiges ist verbessert worden, aber was muss noch getan werden, und was sind die Prioritäten?

Bryce: Jedes OpenStack-Release verschlingt eine Menge Arbeit, um den Upgrade-Prozess bruchlos und einfach zu machen. Alle Core-Services lassen sich nun ohne Beeinflussung der Anwender-Workloads upgraden. Außerdem hat die Community zwei Updates angekündigt, die sich direkt auf häufige Anfragen von Anwendern beziehen: Das erste, ‚fast forward upgrades‘, ermöglicht es Anwendern, beim Upgrade mehrere OpenStack-Releases zu überspringen. Bisher musste man schrittweise durch jedes einzelne Release, und einige wollten eben nicht so häufig upgraden, wie es unser sechsmonatiger Release-Zyklus erforderlich gemacht hat. Jetzt können die Anwender abwarten, bis sie ein Upgrade möchten und das im Sprung über mehrere Releases hinweg machen.

Die zweite Ankündigung betrifft die verlängerten Maintenance-Fristen der Releases. Dies macht es der Community möglich, jenseits ihres bisherigen Zeitrahmens von 18 Monaten weiterhin Bugfixes und Security-Patches herauszugeben. Und die Anwender können einem stabilen Release länger vertrauen und das Upgrade durchführen, wann es ihnen passt oder wenn sie neuere Features verwenden wollen.

Es gab einmal eine definierte Unterscheidung der OpenStack-Projekte zwischen DevCore und Big Tent, von denen heute nicht mehr viel die Rede ist. Wann ist eine neue Organisationsform zu erwarten und wie könnte sie ausschauen?

Bryce: DefCore bezeichnet heute die Interop Working Group, welche die Kriterien für das Programm OpenStack Powered festlegt. Man kann erkennen, welche Produkte und Services unsere Interop-Tests bestanden haben, indem man nach dem Logo OpenStack Powered Ausschau hält oder unseren Online-Marketplace besucht.

Der Begriff Big Tent hat Verwirrung geschaffen, denn es schien so, als sei alles OpenStack. Das hat die Bedeutung von OpenStack verwässert. In den letzten 18 Monaten hat die Community die OpenStack Map entwickelt. Sie enthält die aktuelle Liste der OpenStack Cloud-Services und unterstützenden Tools, die unter Community-Aufsicht gepflegt werden. Der neue Fokus der Community auf Infrastruktur-Tools und die neuen Projekte neben OpenStack unter dem Schirm der Foundation schaffen mehr Klarheit, was OpenStack ist und was nicht.

Vor dem letzten Summit haben Sie in einem Interview mit DataCenter-Insider Zun, Loci und Helm als die großen Neuigkeiten hervorgehoben. In den Vancouver-Keynotes war davon kaum etwas zu hören. Was ist mit den Projekten geschehen?

Bryce: Es ist schwer, in der begrenzten Zeit für Keynotes jeden wichtigen Service oder Anwender hervorzuheben. Aber Containerisierung von OpenStack-Services ist definitiv ein großer Trend, und die genannten Projekte sind sehr wichtig. In der Tat haben wir gerade einen Artikel über Zun in Superuser publiziert. Zun ist analog zu AWS Fargate oder Anzure-Container-Instanzen – eben eine offene Herangehensweise. Und OpenStack Helm ist derzeit die Grundlage für Airship, das auf dem Summit angekündigt wurde

Kata Containers und Zuul sind überraschende Projekte. Denn beide sind unter dem Schirm der OpenStack Foundation, aber zugleich genauso unabhängig wie OpenStack. Wie soll das in der Praxis funktionieren?

Bryce: Zuul ist als OpenStack-Projekt groß geworden, im Wesentlichen verwendet, um Veränderungen zu testen und zur OpenStack-Codebasis hinzuzufügen. Mit der Zeit haben Open-Source-Projekte und Software-Entwicklungsteams, unter anderem bei GoDaddy und BMW, begonnen, Zuul für ihre eigenen Continuous-Integration-Systeme zu adaptieren. Mit dem dritten Zuul-Release vom März dieses Jahres hat dessen Community große Schritte gemacht, Zuul von OpenStack-Systemen zu entkoppeln und auch Plattformen wie Github zu unterstützen. Letztlich kann Zuul als ein unabhängiges Projekt eine größere und vielfältigere Mitentwicklerbasis aufbauen sowie OpenStack als ein User von Nutzen sein.

Kata Containers hingegen ist nicht als OpenStack-Projekt groß geworden, sondern seine Integration mit OpenStack Zun war ein frühes Anwendungsbeispiel. Kata Containers ist ein Zusammenschluss von zwei Open-Source-Projekten, die bisher von den zwei Herstellern geleitet wurden, die sie gestartet hatten: Intel Clear Containers und Hyper.sh runV. Container-Sicherheit ist sehr wichtig und ein relevanter Punkt für unsere Community der Infrastruktur-Administratoren. Ich habe ein großes Interesse von OpenStack-Anwendern und anderen Organisationen erlebt. In der Tat hat Kata Containers eine Tür geöffnet, um Beziehungen zu großen Public-Cloud-Anbietern zu öffnen, die bisher nicht zum OpenStack-Projekt beigetragen haben, aber ein wichtiger Teil der Open-Infrastructure-Landschaft sind.

Beide Technologien und Communities passen sehr gut zum OpenStack-Fokus auf offene Infrastruktur. Aber sie sind separate Projekte um klarzustellen, dass sie sich in mehr Plattformen als lediglich OpenStack integrieren lassen.

Mit Kata und Zuul geht die OpenStack Foundation über die Cloud hinaus. Wird sie eine parallele oder konkurrierende Organisation zur Linux Foundation? Oder haben Sie Ihre Schritte mit dieser koordiniert?

Bryce: Fast alle Open-Source-Foundations, einschließlich der Apache, Eclipse und Linux Foundation, unterstützen vielfältige Open-Source-Projekte. Wir verfolgen gegenwärtig eine Herangehensweise des Naheliegenden: Wir konzentrieren uns auf Open Infrastructure, statt zu versuchen, als breiter angelegten Business-Modell jedem potenziellen Open-Source-Projekt eine Heimat zu geben. Wir sind getrieben von den Perspektiven unserer Anwender, den Leuten, die Infrastruktur betreiben.

Wir investieren gewaltig in die Zusammenarbeit zwischen Projekten und Foundations, denn das ist entscheidend für unseren Erfolg und den unserer Anwender bei der Lösung ihrer Infrastrukturprobleme. In der Tat tragen Mitarbeiter der OpenStack Foundation direkt zu Projekten wie Kubernetes und OPNFV bei, und unsere Projekte Airship und StarlingX werden mit dem neuen Edge-Projekt Akraino verschmelzen. Wir arbeiten auch mit Projekten wie Cloud Foundry und Open Compute zusammen an gemeinsamen Anwendungsbeispielen.

Die Anwender scheinen sich sehr für das Edge-Projekt zu interessieren. Wie weit sind die Arbeiten, was ist von Akraino zu erwarten?

Bryce: Airship und StarlingX, beide auf dem Summit in Vancouver vorgestellt, fließen downstream in das Edge-Projekt Akraino ein. Diese Veranstaltung war ein sehr früher Aufruf zur Zusammenarbeit für diese Projekte. Sie werden darüber viel mehr auf dem Summit in Berlin hören.

Der nächste OpenStack-Summit findet im November in Berlin statt. Was darf man da als die Hauptpunkte erwarten?

Bryce: Wie gesagt, gehen wir davon aus, über Fortschritte in puncto Edge Computing reden zu können, über in dieser Richtung neue Projekte, die heranreifen und erste Verwendung finden. Wir hoffen, Anwender vorstellen zu können, die neue Anwendungsbeispiele wie industrielles Internet of Things, sichere Container, GPU-Clouds und mehr präsentieren. Unternehmen aus Europa und Amerika werden über ihre Anwendungen berichten.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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