Im Kampf um den Cyber-Raum, um Ressourcen und um nationale Sicherheit Quantentechnologie erfordert neue Waffentechnik und andere Verteidigungssysteme

Autor / Redakteur: M.A. Jürgen Höfling / Ulrike Ostler

Weltweit sind militärische Organisationen involviert, wenn es um Quantanecomputing geht. Kein Wunder, setzt die kommende Rechenleistung zum einen bisherige Sicherheitsstandards außer Kraft, so dass etwa die Verschlüsselung neu erfunden werden muss, das Stichwort lautet: Post Quantum Cryptography. Zugleich ergeben sich in alllen Belangen, von neuen Materialien bis zur Logistik, neue Chancen und Herausforderungen.

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Auf dem Quanten-Summit des Bitkom haben sich Militärexperten um die Frage gekümmert, warum Quantencomputing auch eine Aufgabe nationaler Verteidigung sein muss.
Auf dem Quanten-Summit des Bitkom haben sich Militärexperten um die Frage gekümmert, warum Quantencomputing auch eine Aufgabe nationaler Verteidigung sein muss.
(Bild: Wehrwissenschaftliche Forschung Jahresbericht 2020)

Welche Auswirkungen hat die Quantentechnologie als (vermutliche) Sprung-Innovation auf die sicherheitspolitischen Aktivitäten weltweit: Das war auch das Thema einer Expertenrunde auf dem Quantensummit des IT-Verbands Bitkom e.V. Die Diskussion war anregend und die Diskutanten fachlich ausgewiesene Physiker und Informatiker. Aber: Wie diskutiert man die Auswirkungen einer Technologie, die sich in ihrer konkreten Gestalt selbst erst noch konstituiert?

Klar scheint Stand heute, dass die Quantentechnologie in den nächsten Jahrzehnten Messtechnik, Kommunikationstechnik, Kryptografie und nicht zuletzt die Rechentechnik „disruptiv“ prägen wird. Doch keine seriöse Wissenschaftlerin und kein seriöser Wissenschaftler kann im Moment halbwegs verlässlich prognostizieren, welche Technologie(n) sich beispielsweise bei den Quantenrechnern durchsetzen werden:

Die Vielfalt der quantenphysikalischen Zustände, mit denen derzeit experimentiert wird und auf deren Basis in den nächsten Jahren praxistaugliche Rechner entwickelt werden sollen, ist groß.Trotzdem kann es durchaus sein, dass schlussendlich keiner der heutigen Ansätze sich über ein gewisses Demo-Stadium hinaus als praktikabel und finanzierbar erweist.

Quantentechnologie und die „Schlacht um Daten“

Angesichts dieser Sachlage mussten Thierry Botter, stellvertretender F&E-Chef bei Airbus, Professor Gabi Dreo Rodasek, Professorin an der Bundeswehr-Uni und in leitender Funktion bei dem EU-Projekt Concordia für Cyber-Sicherheit engagiert, sowie Mark Mattingley-Scott, „Quantum Ambassador“ bei IBM als Teilnehmer der Expertenrunde einigen prognostischen Mut zeigen.

Diesen Mut, gepaart mit ethischem Verantwortungsbewusstsein, zeigte ganz besonders der Letztgenannte: Er beschrieb sehr plastisch die potenzielle disruptive Kraft der Quantentechnologie beim künftigen weltweiten Kampf um Ressourcen, etwa Wasser, Nahrung und Rohstoffe.

Die Quantentechnologie bringe mit ziemlicher Sicherheit eine neue Qualität in die Auswertung diesbezüglicher Daten und in die Nutzung entsprechender Informationen. Und letztlich gehe es bei bewaffneten Konflikten ja immer um Aneignung oder Verteidigung von solchen Ressourcen. Er plädierte dafür, die Quantentechnologie im sicherheitspolitischen Umfeld als Stabilitätsanker zu definieren und entsprechend zu handhaben und nicht als Mittel der Aggression.

Quantentechnologie forciert autonome Waffensysteme

Professor Gabi Dreo Rodasek betonte in ihren Beiträgen die gegenwärtige Asymmetrie von Angreifer und Verteidiger und formulierte die Erwartung, dass durch Techniken wie Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen, deren Wirkung durch die Quantentechnologie noch einmal deutlich verstärkt werde, diese Asymmetrie deutlich verringert oder gar egalisiert werden könne. IBM-Mann Mattingley-Scott (siehe sein Beitrag:„Das Rechnen mit Qubits übertrifft alle Erwartungen Bitkom: Quantencomputing ist Zukunft und die beginnt jetzt“) sah das im Prinzip genauso, plädierte aber in diesem Zusammenhang für die Begriffe „Destabilisierendes Element“ und „Stabilisierendes Element“ statt „Angreifer“ und „Verteidiger“, eine im sozio-technischen Kontext sicher nicht unwichtige Differenzierung.

Dr. Thierry Botter vom Luftfahrt- und Raumfahrtkonzern Airbus wies besonders auf schon praxiserprobte quantentechnologische Sensorik hin, die die Freiheitsgrade von autonomen Waffensystemen erweiterten und dadurch neue strategische Konstellationen erzeugten. Solche neuen strategischen Konstellationen ergäben sich vor allem auch im Weltraum, ergänzte Dr. Mattingley-Scott. Hier könne sich künftig ein Riesen-Unterschied ergeben gegenüber dem, was mit „Nicht-Quanten-Computing“ möglich sei. Wobei das englische Wort „Space“, das er benutzte, insofern treffender als das deutsche Wort „Weltraum“ ist, weil es ganz von selbst auch den „Cyberspace“ impliziert, der im Grunde von allen drei Diskutanten als ein wesentliches „neues Schlachtfeld“ ausgemacht wurde.

Forschungsleistungen in die Praxis transferieren

Ungeachtet gewisser Nuancen bei der Definition und der Beurteilung sicherheitspolitischer Konstellationen waren sich alle drei Diskutanten darin einig, dass Europa in der Quantentechnologie eine führende Rolle spielen muss und auch kann. Professor Dreo Rodasek stellte fest, dass die derzeit in Europa laufenden nationalen Programme und die gleichzeitig installierten EU-Programme absolut notwendig seien, um die digitale Souveränität Europas zu sichern beziehungsweise wiederzuerlangen. Im Übrigen müssten nationale und EU-weite Initiativen noch besser verzahnt werden.

Airbus-Manager Botter stellte das von ihm vertretene Unternehmen in diesem Zusammenhang als Vorbild für Integration heraus. Man lebe seit Jahrzehnten ganz konkret die europäische technologische Integration.

Mattingley-Scott sah die europäische Forschung in Sachen Quantentechnologie hervorragend aufgestellt, speziell auch in Deutschland, man müsse jetzt nur konsequent diese gute Position in marktfähige Produkte umsetzen. Er könne sich gut vorstellen, dass in einigen Jahren auf den Chips, Platinen und sonstigen Komponenten eines Rechners, Funksenders oder Sensors auf quantentechnologischer Basis kein koreanischer oder chinesischer Firmenname stünde, sondern einer aus Frankreich, Deutschland oder Schweden.

Der Tenor der Diskutanten war klar: Auch wenn wir derzeit noch nicht genau wissen, wo in zehn Jahren der quantentechnologische Mainstream verlaufen wird, so können wir doch sagen, dass sich viele Geschäftsmodelle durch die Quantentechnologie radikal ändern werden, nicht zuletzt auch die „Geschäftsmodelle“ in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik.

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