Auf die Dokumentation kommt es an

Mythos Gebrauchtsoftware

| Autor: Dr. Stefan Riedl

Viele Irrtümer und Mythen kursieren über Gebraucht-Software.
Viele Irrtümer und Mythen kursieren über Gebraucht-Software. (Bild: © acrogame - adobe.stock.com / [M] J. Rath)

Software verschleißt nicht, und Gebrauchtsoftware darf gehandelt werden. Dennoch fassen viele das Thema nicht mal mit der Zange an. Ein Grund sind Mythen rund um ­rechtliche Unsicherheiten. Antworten geben Händler mit Audit-sicheren Dokumentationen.

Mehrere Annahmen zum „Mythos Gebrauchtsoftware“ halten einer genauen Überprüfung nicht stand: Der Erwerb von gebrauchten Software-Lizenzen muss nicht mit rechtlichen Unsicherheiten ­einher gehen. Es handelt sich nicht um Software zweiter Klasse. Softwarelizenzaudits müssen nicht zwangsläufig mit Stress verbunden sein. Hotfixes und ­Sicherheits-Updates werden auch für ­Gebrauchtsoftware bereitgestellt.

Und obwohl Softwarehersteller tendenziell Umsätze lieber im Software-as-a-Service-Umfeld sehen, sanktionieren sie den Einsatz von gebrauchten Software-Lizenzen nicht. Vielmehr suchen sie vermehrt sogar den Kontakt zu Gebraucht-Software-Händlern, um bei SaaS-Migrationsprojekten die vorhandenen Lizenzen einpreisen zu können, um die Kosten für den Kunden zu drücken.

Aktivierungsschlüssel und Gebrauchtsoftware

Für einen klaren Blick auf das Thema ­Gebrauchtsoftware muss zunächst zwischen illegal vertriebenen Aktivierungs-Keys und seriöser Gebrauchtsoftware ­unterschieden werden. Vor dem Aufstieg der Gebrauchtsoftware wurde Software über ­etliche Online-Marktplätze für wenige ­Euro angeboten. Selbst einige seriöse IT-Magazine gaben „Tipps“, wie man sich für drei Euro Windows 10 über genau diese Marktplätze kaufen kann.

Das Problem ­dabei: Die Händler schicken nur einen Key plus Downloadlink und behaupten, dass es sich um Neuware aus Überbeständen, Großabnahmen et cetera handelt. Dabei sind es oft illegal vertriebene Keys, wie zahlreiche Testkäufe, etwa durch Microsoft, bestätigt haben. Gewerbliche Kunden und Reseller sind hier allerdings kaum reingefallen.

Später wurden diese Keys aber vermehrt als „gebrauchte Software“ angeboten, und die Preise wurden teilweise so angehoben, dass gewerbliche Einkäufer und Reseller nicht argwöhnisch wurden. Die Angebote für drei Euro gibt es zwar immer noch, doch damit werden hauptsächlich private Kunden gelockt. Probleme mit solchen illegal vertriebenen Keys trugen zur Mythenbildung bei.

Aber auch „Keys only“ ist erlaubt

Der Knackpunkt ist daher die saubere ­Abgrenzung zwischen illegalen Software-Keys und legaler Gebrauchtsoftware. Aufgrund der Rechtsprechung zum Thema ­Gebrauchtsoftware gilt aber nicht, dass es sich um illegal vertriebene Software handelt, wenn nur ein Key verkauft wird.

Auch Keys ohne zusätzliche Komponenten, wie ein Medium oder ein Echtheitszertifikat machen die vertriebene Software nicht schon illegal. Diese Schlussfolgerung ist nicht zulässig, auch wenn sie vieles vereinfachen würde. Denn man darf eben auch „Keys only“ vertreiben, sofern dahinter ein zulässiger Gebrauchtsoftware-Verkauf steht.

Schließlich gibt es auch legalen ESD-Handel (Elektronische Software-Distribution), bei dem nur Keys übermittelt werden. In solchen Fällen läuft es letztendlich darauf hinaus, dass der gewerbliche oder private Käufer die Seriosität der Quelle ­beurteilen muss.

Die Dokumentation

Geht es um eine größere Anzahl an Lizenzen für Gebrauchtsoftware, die eine Firma aus welchen Gründen auch immer auf den Markt wirft, also den Regelfall im ­Gebrauchtsoftware-Business, spielt eine ­andere grundsätzliche Problematik eine Rolle. Diese zeigt ein Gedankenspiel auf, welches letzten ­Endes darauf hinausläuft, dass ohne die Transparenz, was mit allen Lizenzen aus einem ­Paket geschehen ist, Mehrfachverkäufe aus logischen Gründen nicht ausgeschlossen werden können.

Ergänzendes zum Thema
 
Gedankenspiel zur grundlegenden Problematik

Diese Transparenz kann naturgemäß nur der Erwerber des Pakets (beispielsweise 1.000 Nutzungsrechte für Software A aus Firma X) herstellen. Und genau an dieser Stelle bringen seriöse ­Gebrauchtsoftware-Händler ihre Wertschöpfung ein. Sie stellen diese Trans­parenz nämlich über eine lückenlose ­Dokumentation her – was letztlich ihre Kerndienstleitung darstellt.

Doch wie sieht eine gute Dokumentation aus? Damit im Falle eines Software-Audits möglichst keine Fragen offen bleiben, sind folgende Bestandteile aus rechtlicher Sicht geboten:

  • Kopien des relevanten Vertrags mit dem Software-Anbieter
  • Kopien der Product Use Rights (PURs)
  • Eine Löschbestätigung des Vorbesitzers
  • Lieferschein und Rechnung.

Zusatz-Dienste und -Komponenten

Um sich im Wettbewerb mit anderen ­Gebrauchtsoftware-Händlern abzugrenzen, werden mitunter optionale, weitere Komponenten beziehungsweise Services mit in das Paket gepackt. Zu diesen zählen, abhängig vom jeweiligen Anbieter:

  • Bestätigungen, dass die Hersteller über den Lizenztransfer informiert wurden
  • Rücktrittsrechte vom Vertrag für den Käufer
  • Haftungsfreistellungsklauseln, die es dem Kunden ermöglichen, rechtliche Auseinandersetzungen auf den Gebrauchtsoftware-Händler zu übertragen
  • Eine Dokumentation der Lizenzhistorie der Vorbesitzer
  • Identifikationen des Lizenztransfers über ein Blockchain-Verfahren im Sinne von Smart Contracts.

Entscheidendes EuGH-Urteil gilt nur in der EU

Für globale Softwarefirmen wie Microsoft ist der Handel mit gebrauchten Lizenzen eher ein regionales Phänomen, da das einschneidende ­EuGH-Urteil, welches für den Gebrauchtsoftware-Markt Rechtssicherheit geschaffen hat, nur für die EU gilt. So stellt Microsoft ­beispielsweise ein so genanntes „Perpetual License Transfer Sheet“ (PLTF) bereit, mit dem Microsoft Irland über den Lizenztransfer informiert werden kann.

Marktakteure berichten aber, dass – zumindest nach ihren jeweiligen Erfahrungen – keine Rückmeldung von Microsoft erfolgt. Rechtlich ist dieser Vorgang auch nicht erforderlich.

Der natürliche Feind von On-Premises-Software-Lizenzen (und damit auch der ­gebrauchten) ist das SaaS-Modell. Ob das immer wichtiger werdende Cloud Computing irgendwann On-Premises-Produkte gänzlich verdrängen wird, ist in Händlerkreisen umstritten. Hybride Lizenzierung im Sinne einer Kombination aus gebrauchten On-Premises-Lizenzen und Cloud-­Lösungen könnte aber ein Erfolgsmodell in der Zukunft sein.

Gebrauchtsoftware-Händler wissen, dass ihr Erfolg vom Vertrauen ­abhängt, das ihnen entgegengebracht wird. Das Risiko, dass einer ihrer Kunden Probleme wegen ungültiger Lizenzen oder Nutzungsrechte bei einem Software-Audit ­bekommt, scheuen etablierte Anbieter ­wie der Teufel das Weihwasser.

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