Brexit schafft Probleme mit Marktzugang, Fachkräften und Datenschutz

May-Day für Hoster und Service Provider

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Bild: Lupo, pixelio.de)

Mit dem Einzug von Theresa May in 10 Downing Street herrscht eine Ungewissheit weniger: Großbritannien wird aus der EU ausscheren. Das dürfte für die britische IT-Branche negative Folgen haben und Hoffnungen in Kontinentaleuropa nähren.

„Don't panic!“ Das war die Reaktion aller Marktbeobachter nach dem knappen Brexit-Votum vom 23. Juni. In manchen Statements klang die Hoffnung an, das Parlament könnte ja vielleicht noch das nicht bindende Ergebnis ignorieren. Doch seit Theresa May den Londoner Amtssitz von David Cameron übernommen hat, steht fest, dass Großbritannien nach EU-Artikel 50 aus der Gemeinschaft austreten wird.

Der britische IT-Branche passt die isolationistische Linie gar nicht. Ihre verschiedenen Interessenverbände hatte vor der Volksabstimmung in Mitgliederbefragungen klare Mehrheiten gegen den Brexit festgestellt und entsprechend appelliert. Selbst Microsoft-Gründer Bill Gates hatte sich für ein „Remain“ ausgesprochen. Vergeblich.

Noch ist London die IT-Hauptstadt der EU

Insbesondere London und die sich westlich an der Themse entlang über Reading hinaus ziehende Region ist eine IT-Hochburg von europäischem Rang. Hier haben sich die Rechenzentren gesammelt, ihre größten Betreiber oder Auftraggeber sind die Finanzinstitutionen und Handelsunternehmen der Hauptstadt.

Ein Drittel aller britischen RZ-Kapazitäten befindet sich in London; ihre Raumfläche soll mehr als eine Million Quadratmeter betragen. Es ist der größte Data-Center-Markt in Europa und der drittgrößte weltweit. Hier findet ein großer Teil des britischen IT-Marktes statt, der am gesamteuropäischen einen Anteil von etwa einem Viertel hat.

Auch die britische IT-Konjunktur bricht ein

Aus diesem Umstand nun allerdings wie eco-Vorstand Oliver Süme zu schließen, nach dem Brexit werde Europa „jede Wettbewerbsfähigkeit“ auf großen Märkten fehlen, erscheint doch etwas weit gegriffen. Kein IT-Marktanalyst ist so weit gegangen. Gartner und IDC erwarten einen Einbruch des britischen IT-Markts um zwei bis fünf Prozent, der allerdings durch die Nachfrage in Kontinentaleuropa aufgefangen werden und sich bis 2020 ausgeglichen habe.

Ernster als mögliche künftige Zollschranken und mehr Bürokratie sind da schon die Sorgen um den Kursverfall des britischen Pfund. Denn er macht europäische Waren und Dienstleistungen im Inselstaat deutlich teurer. Darüber hinaus berichten britische Publikationen, dass heimische Unternehmen Projekt auf Eis gelegt haben und Sparprogramme in Kraft setzen, die Nachfrage also generell sinkt.

London kein Sprungbrett mehr in die EU

Schädlicher könnte es sich auswirken, wenn Unternehmen ihre Firmenzentralen ins EU-Ausland verlagern. Es ist logisch, näher an dem Markt sein zu wollen, der umsatzschwerer ist. Das ist insbesondere bei der britischen Mobile- und Telekommunikationsindustrie der Fall; Vodaphone soll schon entsprechende Pläne beraten. Auch außereuropäische IT-Anbieter, die Großbritannien bisher als Sprungbrett zum EU-Markt nutzen, werden sich Gedanken machen müssen, ob sie noch am richtigen Ort sind.

Zum „Brex-IT“ könnte ein „Brexodus“ kommen, wie es Kollege Martin Schindler von Silicon.de treffend formulierte. Die Brexit-Kampagne hatte den Kampf gegen Zuwanderungen zum Kern; außerhalb der EU wären für Ausländer in Großbritannien wieder Arbeitsgenehmigungen notwendig. Ob das letztlich auch für Europäer gelten wird oder „nur“ für Inder ist egal. Letztere stellen das unverzichtbare „IT-Proletariat“, ohne das auch nichts geht. „Die langfristige Unsicherheit über den Arbeitsstatus wird das Vereinigten Königreich für neue ausländische Arbeiter weniger attraktiv machen“, stellt Gartner-Analyst John-David Lovelock fest. Tatsächlich haben Online-Jobbörsen wie Monster.de und Indeed vor der Volksabstimmung und danach deutlich höhere Zugriffe aus Großbritannien festgestellt.

Hemmnisse für Hosting, Outsourcing und Cloud Computing

Noch gravierender sind die Auswirkungen für britische Hoster, Outsourcing-Anbieter und Cloud Service Provider. Bisher unterlagen sie als EU-Inländer keinen Restriktionen. Doch nach einem EU-Austritt ist Großbritannien EU-rechtlich ein nicht sicheres Ausland. Ob es einen Sonderstatus wie die Schweiz oder Norwegen erhält, hängt von den Austrittsverhandlungen ab. Und die Verhandlungen über solche Verträge haben bisher länger gedauert als die vorgesehenen zwei Jahre Übergangszeit.

Die Zeit spielt in diesem Fall eine kuriose Rolle. Ab Ende Mai 2018 wird die Datenschutzgrundverordnung General Data Protection Regulation (GDPR) der EU auch in Großbritannien übergeordnetes Recht sein. Denn der Termin liegt auf jeden Fall vor dem endgültigen britischen Austritt. Konformität zu ihr ist Voraussetzung zur Verarbeitung und Speicherung persönlicher Daten. Bei Nichtbeachtung drohen Unternehmen Strafen bis vier Prozent des weltweiten Umsatzes.

Knackpunkt: schärfere EU-Datenschutzregeln

Es kommt also darauf an, was die neue britische Regierung macht. Passt sie die nationalen Datenschutzgesetze an die europäische Vorgabe an, dürfte ein Sonderabkommen kein Problem sein. Doch bisher schon war die britische Regierung die Kraft, die in den Verhandlungen der EU den USA und Kanada entgegenkommend war. Daher halten es die Analysten von 451 Research und ISG-Saugatuck für möglich, dass Großbritannien laxeren Datenschutz und härtere Internet-Überwachung bekommt.

Die Ungewissheit macht es für deutsche Anwenderunternehmen erforderlich, schon jetzt zu überprüfen, ob sie persönliche Daten nach der GDPR der EU in britischen Rechenzentren verarbeiten oder speichern lassen und welche Laufzeit ihre Verträge haben. Gegebenenfalls müssen sie die Daten in ein EU-Land zurückbringen, um nicht massive Strafen zu riskieren, die die Existenz von Firmen bedrohen. Ein Retransfer wird teuer – wenn ihr Hosting-, Outsourcing- oder Cloud-Partner kein Rechenzentrum im EU-Rechtsraum hat oder bald aus dem Hut zaubert oder Colocation-Anbieter erfreut.

Die britische IT-Presse debattiert die Optionen: Deutschland, Frankreich, Niederlande, Irland. Paris und Frankfurt würden ohnehin nur zu gern London als europäisches Finanzzentrum ablösen. Noch aber wahren alle Seiten ein dezentes Auftreten. Öffentlich wirbt noch kein deutscher Hoster, Outsourcing-Anbieter oder Cloud Service Provider um Kunden, die bisher britische Rechenzentren nutzen.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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