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Datenschutz? Pfeif darauf! Her mit den Services und Big Data. Krass 'drauf! Die Telcos als Parabolspiegel der mobilen Gesellschaft

Redakteur: Ulrike Ostler

Eine „In-Touch“-Konferenz ist wie ein Brennglas, das auf die Telekommunikationsbranche gehalten wird, und damit auf die mobile Gesellschaft. Amdocs liefert Software und Services ausschließlich für Telcos und kürzlich fand die Jahreskonferenz statt. Hier zeigte sich nicht nur, wo es in dieser Industrie brennt, sondern auch bei den Telco-Kunden, zum Beispiel: Cloud, Big Data und Datenschutz.

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Wie viel Datenblöße und Erreichbarkeit gestattet sich der Kunde? Die Telcos im Brennpunkt des Geschehens.
Wie viel Datenblöße und Erreichbarkeit gestattet sich der Kunde? Die Telcos im Brennpunkt des Geschehens.
(Bild: Carlos Castilla/Fotolia.com)

Keine Frage: Die Telcos stehen mit an der Spitze des derzeitigen gesellschaftlichen Wandels, als Treiber, als Enabler. Sie lassen erahnen, wie die Zukunft sein wird.

Verabschieden Sie sich vom Fernsehen; die Kleinkinder der Telco-Manager kennen es gar nicht mehr, auf „Sponge-Bob“ zu warten, die laden die Episoden auf den Großbildschirm und aufs Tablet, wann sie wollen. Schon Vorschulkinder können per Smartphone und Tablet Videofilme drehen und in ihr Spiel integrieren.

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Was lediglich fehlt, ist der nahtlose Übergang: Auf dem Weg vom Büro nach Hause beginnt das Fußball-Match – auf dem Smartphone -, in der Bahn ist es komfortabler auf dem Tablet weiter zu schauen, und beim Betreten des Wohnzimmers schaltet sich der Fernseher an, auf dem richtigen Sender. Der Übergang funktioniert ohne erneute Anmeldung, ohne Sendersuche.

Das Profil in der Cloud

Denn der Telco-Anbieter hat ein Profil gespeichert, die intelligenten Devices nutzen eine Gesichtserkennung, um auf die Person zu reagieren. Etwaige Konflikte mit den Profilen anderer Personen, Ehefrau guckt lieber „Sex in the City“, wird dadurch entschieden, dass im Profil hinterlegt wird, wer quasi der Boss ist. Im Zweifelsfall wird auf dem PC-Bildschirm weiter Fußball geschaut.

Was fast schon wie eine künftige Selbstverständlichkeit daherkommt, impliziert grundlegende Veränderungen: im Konsumentenverhalten, in der Art der Services, bei der Bezahlung, in der Umstrukturierung der Telcos und der Internet-Provider und bei den Content-Lieferanten.

Heute noch haben die Telekommunikationsunternehmen das Problem, dass die Geschäftsbereiche Mobil, Festnetz, Service-Providing zu starr getrennt sind und mehr oder weniger unglücklich mit den jeweiligen Netzinfrastruktur-Angeboten gekoppelt. Doch selbst innerhalb der Mobilfunkbranche sind Gräben zu finden. Zum Beispiel lässt sich das Pre-Paid-Geschäft nur schwer mit dem Post-Paid-Business verbinden.

Das aber hindert die Telcos noch mehr Kapital aus dem Mobile-Data-Boom zu schlagen. Weltweit treibt dieser das Funknetz-Geschäft derzeit mit rund 12,7 Prozent.

Wie wird Mehrwert zu Geld?

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Und noch ist LTE nicht überall im Angebot. In den kommenden fünf Jahren dürfte der Mobilfunkumsatz mit dieser Netztechnik kaum 50 Prozent übersteigen, so Analystenvorhersagen. Doch wie viel es bringen kann, ein Service über mehrere Plattformen anzubieten zeigt ein At&T-Angebot; hier liegt der monatliche Umsatz pro User bei 150 Dollar.

So manches Telco-Unternehmen reagiert auf diese Herausforderungen vergleichsweise radikal. Globe Telecom beispielsweise, ein Telekommunikationsanbieter von Mobilfunk, Festnetz und Broadband Internet Services auf den Philippinen, hat in rund acht Monaten sein gesamtes Netz erneuert, jetzt gibt es keine Digital Subscriber Line Access Multiplexers (DSLAMs) mehr, und 80 Prozent seiner Geschäftsanwendungen ausgetauscht. Statt acht verschiedener Billig-Systeme arbeitet jetzt noch eins – von Amdocs.

Telefónica hat heuer in Madrid ein komplett neues Rechenzentrum in Betrieb genommen, in dem bis jetzt vier bisher vorhandene aufgingen. Weitere sollen folgen. Zugleich wurde die Anzahl von 6.000 Anwendungen geschrumpft; 2015/2016 sollen es noch 2.500 sein. Dabei setzt das Unternehmen auf Industrie-Standards und integrierte Systeme. „Wenn nicht genügend Integration vorhanden ist: Vergiss es!“ Wir füttern die System-Integratoren nicht mehr“, sagt Phil Jordan, Group Chief Information Officer bei Telefónica.

Radikale Schritte

Zugleich befindet das Unternehmen ein komplett eigenes Netz für zu teuer. In Europa präferieren wir ein Sharing-Network, so Jordan. Die geplante Fusion von O2 mit E-Plus, die noch an der Zustimmung der Kartellbehörden scheitern könnte, war noch nicht bekannt, änderte aber an dieser Aussage nichts.

Große Erwartungen setzen die Telcos in das Daten-Business mit Geschäftskunden. Doch leider haben auch hier viele Provider ihre Bestell- und Abrechnungsprozesse nicht im Griff. Es gibt zu viele Übergänge von einem IT-System ins andere und zu viele manuelle Brüche. Nach Angaben des Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Yankee Group können 30 bis 40 Prozent komplexer Aufträge durch Unternehmen nicht als „verkauft“ angesehen werden (siehe: Abbildung 4).

Und das münde typischerweise in eine Spirale von Support-Kosten. Insgesamt belaufe sich der Schaden auf rund 51,8 Milliarden Dollar pro Jahr.

Was wollen Business-Kunden?

Nach Schätzungen von Ari Banerjee, Senior Analyst bei Heavy Reading, ließen sich die Prozesse jedoch stark vereinfachen (siehe: Kasten 2). Ohnehin sei die Telekommunikationsbrache etwas „hinten ‚ dran“ und das sei der Deregulierung geschuldet.

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Charging Smart Start

Amdocs „Charging Smart Start“ lässt sich innerhalb von nur vier Monaten einführen und ein Soft- und Hardware Bundle für die Online-Abrechnung. Damit können Service Provider in kürzester Zeit eine Abrechnungsfunktionalität in Echtzeit in das Netzwerk integrieren, wobei es zunächst um Pre-Paid und um die Daten-Monetarisierung geht.

Das neue Produkt basiert auf der Real-Time Charging-Technik für Abrechnung in Echtzeit, dem „Amdocs Turbo Charging“, die im Juli auf den Markt kam. Die Linux basierte Software ist auf einer kostengünstigen Standardhardware installiert und beinhaltet eingebaute Schnittstellen zu Netzwerk- und Business Support Systemen (BSS).

Das Modul der Amdocs Suite „CES 9“ ist kompatibel mit 3GPP R11, ermöglicht eine schnelle Integration bei jedem Netzwerkausrüster und ist schon vier Monate nach der Einführung bereit für den Acceptance Test.

Hier, im Bereich „Order to Activate“ sieht Amdocs eine Möglichkeit für Managed Services und bietet ein erfolgsabhängiges Bezahlmodell, das an vertraglich vereinbarte Schlüsselfaktoren gebunden ist (siehe: Abbildung 5). „Das bedeutet vom Tag des Dienstes an: Ich spare“, erläutert Banerjee.

Doch um zu verkaufen, müssen die Provider erst einmal wissen, was die Kunden wollen. Und: Würden die Kunden, insbesondere Enterprise-Kunden für einen besseren Service mehr zahlen und wenn, wie viel?

Auch mit Mittelständlern verdient es sich

Wie Uri Gurevitz, Director Product Marketing bei Amdocs, erläutert, welche Erkenntnisse bei dem Ausstatter von Telcos an Erkenntnissen aufgelaufen sind. „Die Herausforderung für die Telcos liegen bei den Mittelständlern und kleinen Unternehmen (> 500 Mitarbeiter)“, sagt er. Denn diese seien eine lohnende Gruppe für die Service-Provider.

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Konzerne indes buchten nichts aus dem Katalog und so sei auch das Pricing vergleichsweise individuell. Mittelständlern hingegen böten die Telcos beziehungsweise Service Provider quasi Dienste von der Stange; auf Anpassungen die hier gewünscht wären, können diese Firmen keinen Einfluss nehmen.

Das aber wiederum könne der entscheidende Hindernisgrund sein, einen Mittelständler als Kunden zu gewinnen und zu halten. Oft genug komme hier das Geld direkt aus der Tasche des Unternehmenseigners. Und diese wollten verstärkt Service Level Agreements (SLAs), zum Beispiel für die Schnelligkeit des Netzes.

Big Business mit Big Data

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Andererseits haben viele mittelständische Firmen keine Mitarbeiter für IT- und Datenservices. Der Provider hat die Chance, diese Lücke zu füllen. Der Mittelständler habe ein Interesse an Bundles, der Dienstleister könne sie bieten. Den Weg dahin ebneten laut Gurevitz Self-Service-Portale für den Kunden, automatisierte Prozesse im Backend.

Die Vereinfachung der Bestell- und Abrechnungsprozesse, die Vereinfachung der Vertragsgestaltung sind eine Sache. Den Kunden, den Markt und die Trends zu kennen eine andere. Dazu verhilft der Telekommunikation sowie jeder anderen Branche Big Data.

Laut Alastair Hanlon, Analyst bei Market Insight & Strategy, werden im Jahr 2016 rund 5,6 Milliarden alleine für Big-Data-Software ausgegeben werden (siehe: Abbildung 6 und 7). Und das ist auch kein Wunder, verspricht die Nutzung von multi-strukturierten Daten doch erheblichen Nutzen. Laut Hanlon können 10 Prozent mehr verwertete Daten einem Top-1000-Unternehmen rund 2 Milliarden Dollar mehr Umsatz einbringen (siehe: Abbildung 8).

Neue Services

Somit dürfte den Telekommunikationsunternehmen bei entsprechenden Services ein Geldsegen ins Haus stehen; zum einen durch erweiterte Nutzung der Netze, zum Beispiel durch die Machine-zu-Machine-Kommunikation (M2M), durch die Interaktion diverser Rechenzentren, sondern auch durch die Auswertung verschiedenster Quellen für sich und die Kunden.

Übrigens bietet Amdocs eine spezielle Telco-Ausfertigung der Hadoop-Plattform und verfügt nach eigenen Angaben über rund 200 Experten, die sich mit Big-Data-Infrastrukturen, Data-Warehousing sowie mit Predictive und Echtzeit-Analytik auskennen. „Noch ist das Potenzial, das etwa Amazon mit seinen historischen Kundendaten bietet, nicht einmal annähernd ausgeschöpft, sagt Hanlon.

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Über Amdocs

Amdocs Ltd. entwickelt und implementiert Software und kombiniert dazu Business Support Systems (BSS) und Operational Support Systems (OSS) mit Service-Plattformen. Die wichtigsten Standorte befinden sich in Kanada, China, Zypern, Indien, Irland, Israel und in den USA. Die Firmenzentrale befindet sich in Chesterfield, Missouri. Der offizielle Firmensitz liegt aber aus steuerlichen Gründen auf der britischen Kanalinsel Guernsey.

Neben der Software-Entwicklung in den Bereichen BSS/OSS bietet das Unternehmen eine Reihe weiterer Services, unter anderem Business Consulting, System Integration, Managed Services und Produkt-Support für Projekte, die Einzellösungen sein können oder auch die größten Transformationsprojekte in der Telekommunikationsindustrie umfassen können.

Amdocs beschäftigt mehr als 20.000 Mitarbeiter weltweit und betreut Kunden in über 60 Ländern. Das Unternehmen erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2012 einen Umsatz von rund 3,2 Milliarden Dollar.

Research und Produktentwicklung ist nach eigenen Angaben einer der wichtigsten Faktoren der Unternehmensstrategie. Die Company investiert jedes Jahr mehr als sieben Prozent des Umsatzes im Fiskaljahr in Research und Produktentwicklung. 2012 waren das 242,1 Millionen Dollar.

Wenn Sie ein neues Smartphone im Angebot hätten, mit dem sich das Telco-Geschäft ankurbeln ließe, wäre es vielleicht eine gute Idee, jemandem, der in Facebook Einfluss hat, ein solches zu schenken, um dafür auf seine Kontakte zugreifen zu können?

Verrat am Datenschutz!

Vorbehalte gegen Big Data und die Aufgabe der Privatsphäre.
Vorbehalte gegen Big Data und die Aufgabe der Privatsphäre.
(Bild: Amdocs)
Ja, aber! Da gibt es doch Datenschutzbedenken. Die Menschen wollen ihre Privatsphäre schützen – in Deutschland noch mehr als anderswo (siehe: Abbildung 10 und 11) . Nein, sagt Analyst Hanlon.

Rund 57 Prozent der in einer Studie befragten Personen würden für einen etwas besseren Service oder einen Rabatt (siehe: Abbildung 14) Privates mit dem Provider teilen, wie den Wohn- und Aufenthaltsort, die Top-5 der Facebook-Freunde, Namen der Familienmitglieder. 54 Prozent hätten nicht einmal etwas dagegen, wenn die Informationen an Dritte weitergegeben würden.

Zugegeben: Die Umfrage fand vor den Enthüllungen Edward Snowdens statt. Doch hatte etwa der Branchenverband Bitkom zu Beginn der Enthüllungen befürchtet, das Cloud-Business könne Schaden nehmen, scheint davon nichts übrig zu sein. Der jüngste „Expert-Call“ der Kommunikationsagentur Haffa & Partner unter 75 deutschen Führungskräften und Meinungsmachern, besagt, dass gerade einmal 7 Prozent die Business Cloud am Ende sehen. Denn bisher wisse niemand, ob geheimdienstliche Überwachungsprogramme auch für Wirtschaftsspionage eingesetzt wurden.

Es lebe die Cloud!

Fast jeder Zweite ist überzeugt, dass sich an der Nutzung der Cloud nichts ändern wird, da Unternehmen ohnehin genau wissen, welche Daten in die Cloud gehören und dass wichtige Korrespondenzen verschlüsselt werden müssten.

Eine Umfrage der Personensuchmaschine Yasni zeigt, dass trotz der Überwachung durch PRISM und Tempora nur ein Drittel der Internet-Nutzer im Netz anonym bleiben will. Das Unternehmen befragte im Zuge der bekannt gewordenen Online-Überwachung durch die USA und Großbritannien 1.000 Internetnutzer aus Deutschland zum Thema Anonymität im Netz.

52 Prozent der Umfrageteilnehmer wollen sich aktiv im Netz zeigen aber dabei bestimmte Bereiche der eigenen Privatsphäre schützen. 15 Prozent der Befragten sind sogar für ein Verbot von Anonymität im Netz und nur 33 Prozent sind für die totale Unsichtbarkeit von Personendaten.

Vertraue deiner Telecom.

Und in den USA? Dort hat nach Umfragen, die Analyst Hanlon zitiert, ohnehin mehr als die Hälfte nicht dagegen, vom Staat ausspioniert zu werden - "wenn es denn der Sicherheit dient".

Im Übrigen bringen die Kunden ihren Telekommunikationsanbietern noch immer ein großes Vertrauen entgegen (siehe: Abbildung 15). Die Nachfrage an Analysten und die auf der In-Touch-Konferenz anwesenden Top-Manager brachte in etwa zutage, dass diese es auch nicht so recht wissen, aber im Zweifelsfall eine „starke, gute Marke“ dafür verantwortlich machen.

Keiner erwähnte die Gesetze, die die Geheimnisse von Brief und Telefongesprächen bis heute noch, zumindest in Rechtsstaaten, schützen und an die die Telcos gebunden sind. (siehe: Artikel in der "Süddeutschen Zeitung": Snowden enthüllt Namen der spähenden Telekomfirmen)

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