Die Parameter des boomenden Datacenter-Schulungsmarkts

Jobkiller und Fachkräftemangel bestimmen die Suche nach Datacenter-Mitarbeitern

| Autor: Ulrike Ostler

Workshop statt Bildung? Training statt Lehrsaal?
Workshop statt Bildung? Training statt Lehrsaal? (Bild: gemeinfrei - MIH83/Pixabay / CC0)

Allmählich dämmert es: In den kommenden Jahren wird fast die Hälfte der jetzigen Jobs verschwinden und es wird auch die so genannten Wissensarbeiter treffen. Zugleich herrscht ein Facharbeitermangel, auch in den Rechenzentren, was die Forderung nach Flexibilität etwa der IT-Kräfte verstärkt, die mehr und mehr zu „digitalen Tagelöhnern“ werden.

Im vergangenen Jahr sorgte die Studie der University of Oxford für Furore, die zu dem Schluss kam: In den kommenden 25 Jahren werden 47 Prozent der Jobs verschwinden — zumindest in den weit entwickelten Ländern dieser Erde. Die Forscher nahmen 702 Berufsfelder (in den USA) detailliert unter die Lupe.

In einem Forschungsbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2015 gingen die Wissenschaftler davon aus, dass „bei 13,2 Millionen Beschäftigten Computer 30 bis 70 Prozent ihrer Tätigkeiten erledigen können. Und bei 4,4 Millionen Deutschen beträgt das Substituierbarkeitspotenzial mehr als 70 Prozent. Das heißt: 4,4 Millionen Menschen könnten theoretisch schon jetzt von Computern ersetzt werden“, schrieb die „Wirtschaftswoche“ damals.

Also: Gibt es nun einen Fachkräftemangel, der sich verschärft, oder eine beginnende Entlassungswelle? Treiben die Forderung nach Agilität und Flexibilität die Unternehmen ins Outsourcing und Bodyshopping, die Arbeitskräfte ins tage- und stundenweise Auftraggeber-Hopping und in die Selbstausbeutung?

Mehr Service anstelle von festen Gefügen

Nach Angaben des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Markets and Markets wächst der Service-Markt für Rechenzentren rasant: Der Grund: Immer mehr Anwender entschieden sich für Services, die die Verfügbarkeit des Rechenzentrums erhöhten und Ausfallzeiten reduzierten.

Nach Evaluierungen des Unternehmens belief sich der Umsatz im weltweiten Servicemarkt für Rechenzentren im Jahr 2017 auf rund 39 Milliarden Dollar; im Jahr 2022 sollen 77,51 Milliarden Dollar verdient werden. Das heißt: Das Wachstum in den kommenden Jahren wird durchschnittlich etwa 14,33 Prozent jährlich betragen und insgesamt um 68 Milliarden Dollar anschwellen.

Die Zahlen entstammen dem Bericht „Service Market for Data Center by Service Type - Global Forecast to 2022“, der auf 123 Seiten Design & Consulting, Installation & Deployment, Training & Development, Maintenance & Support umfasst und nach Tier-Klasse, Unternehmen, Datacenter-Typ, Industrie und Region aufgeschlüsselt ist.

Aus- und Weiterbildungsleistungen

Die wichtigsten Faktoren, die den Servicemarkt für Rechenzentren antreiben, sind, so die Analysten, der wachsende Datenverkehr, die zunehmende Komplexität innerhalb von Rechenzentren, die höhere Nachfrage nach Kosteneffizienz und der Anstieg der Ausgaben für Rechenzentrumstechnologie in Unternehmen. Am meisten zulegen aber sollen die Aus- und Weiterbildungsleistungen. Schulungs- und Entwicklungsdienstleistungen unterstützen Unternehmen bei der Verbesserung der Leistung von Rechenzentren durch Schulungsprogramme. Darüber hinaus helfen diese Services bei der Transformation der Unternehmens-IT bei gleichzeitiger Kostensenkung.

Nachdem der Datacenter-Markt in den USA am stärksten wächst, dürfte es nicht verwundern, dass Nordamerika im Prognosezeitraum voraussichtlich auch den Servicemarkt für Rechenzentren dominieren wird. Allerdings prognostizieren die Analysten, dass der asiatisch-pazifische Markt voraussichtlich zwischen 2017 und 2022 mit dem höchsten Durchschnittswachstum rechnen kann. Die Haupttriebkräfte für dieses Wachstum sind der zunehmende Datenverkehr in den Rechenzentren aufgrund des Anstiegs der mobilen Geräte in dieser Region.

Lehre und Studium: Viel zu lahm

Unter Umständen sind die außerschulischen Fortbildungen, die Trainings jenseits der Hochschulbildung und Qualifizierungen abseits von Lehre und sonstigen staatlich regulierten Ausbildungsgängen ohnehin die einzige Möglichkeit, sich die notwendigen Fähigkeiten anzueignen. Denn die offiziellen Organe reagieren viel zu behäbig.

So ist davon auszugehen, dass es, um einen neuen Studiengang einzurichten, sechs Jahre braucht. „Mit dieser Einschätzung sind Sie noch gut dabei“, sagte neulich Franz Josef Pschierer, der noch frisch gebackene Bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Energie und Technologie, bei der Vorstellung der Initiative „applied AI“ des UnternehmerTUM Projekts (TUM = Technische Universität München). Hier haben sich 26 Technologie- und Industriekonzerne wie Google, Nvidia, Allianz, Linde, Porsche Consulting, SAP und Siemens sowie Partnern aus Politik und Wissenschaft zum Ziel gesetzt, die Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) in Deutschland voranzutreiben. Mit von der Partie: rund 100 Studenten. Allerdings will man Online-Formate entwickeln, mit denen in den kommenden Jahren Einhundertausende Lernwillige erreicht werden sollen.

Bildung und Ausbildung bei Datacenter-Jobs

Die Arbeitsvermittler von Teksystems untersuchen jährlich, wie sich Rekrutierung und die Bindung von IT-Mitarbeitern an die Unternehmen entwickelt. Demnach sagen aktuell rund 81 Prozent der IT-Leiter, dass es schwierig sei, qualitativ hochwertige Kandidaten zu finden, und fast die Hälfte erwartet nicht, eine IT-Stelle innerhalb des erwarteten Zeitrahmens zu besetzen.

Das hat Folgen: Nur rund ein Drittel der Rechenzentrumsmanager und CIOs geben an, dass sie glauben, ihr Unternehmen verfüge über die Fähigkeiten, die Anforderungen eines Rechenzentrums zu erfüllen. Außerdem scheint in manchen Regionen der Mitarbeitermarkt geradezu leergefegt: Teksystems beobachtet, dass der Fachkräftemangel durch Rekrutierung von Militärveteranen, an lokalen Universitäten und Qualifizierungsprogrammen immer beliebter werden, um die Talentpipeline im Rechenzentrum zu stärken.

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Sie gehen zudem davon aus, dass sich die Situation durch die Veränderungen in der IT noch verschärfen wird. Genannt werden als Faktoren Cloud, Konvergenz, Internet der Dinge (IoT), Virtualisierung und Mobilität. Technologiekonfigurationen und die Abhängigkeit von externen Dienstleistungen änderten die Personal- und Ausbildungsprioritäten. Karsten Scherer, Leiter Global Analyst Relations bei Teksystems, bemerkt: „Die sich entwickelnde digitale Welt und die Cloud erfordern eine Änderung der Rechenzentrumsstrategie mit unterschiedlichen Kompetenzen.“

Der Wettbewerb

Er sieht zudem eine wachsende Spannung zwischen traditionellen Rechenzentren und den Mega-Rechenzentren von Dienstleistern wie Google, Amazon Web Services und Microsoft Azure. „Diese bauen ihre Rechenzentrumspräsenz bedarfsgerecht aus und konkurrieren mit traditionellen Rechenzentren um den gleichen Pool an Talenten“, so Scherer. „Gepaart mit Fluktuation, einer alternden Belegschaft und jüngeren Menschen, die anderswo arbeiten wollen, haben wir einen zunehmenden Wettbewerb um einen schwindenden Pool an Arbeitskräften.“

Dazu einige Zahlen: Die Gesamtzahl der Unternehmen Rechenzentren weltweit erreichte zuletzt einen Spitzenwert von rund 8,6 Millionen. Doch die absolute Anzahl der Unternehmens-Datacenter schrumpft, stellt der Report „State of the Data Center Industry, An Analysis of Washington’s Competitiveness In This Fast-Growing High-Tech Field“ des Washington State Department of Commerce fest. Sie werden konsolidiert, Cloud-Computing nimmt zu genauso wie Co-Location.

Doch in der Gesamtheit betrachtet ist das Wachstum des globalen Rechenzentrumsmarkts mehr als gesund: Rund 33.445.094 Quadratmeter wurden in den vergangenen fünf Jahren neu gebaut.

Die neuen Anforderungen

So kommt auch die US-Behörde zum Schluss: Das explosionsartige Wachstum von Cloud Computing hat das Design von Rechenzentren dramatisch beeinflusst. Noch vor fünf Jahren wurde in den Staaten ein 100.000 Quadratfuß-5 Megawatt-Projekt als groß eingestuft. Heute sei es nicht ungewöhnlich, dass eine Ankündigung über 1 Million Quadratmeter und 100 Megawatt auftaucht.

China ist übrigens der Spitzenreiter im Rechenzentrumsmarkt mit über 3,5 Millionen Quadratmetern in sechs bereits existenten Datacenter, ein weiteres Hyperscale-Rechenzentrum befindet sich derzeit im Bau. Nur ein Projekt in den USA, „Super Nap“ in Las Vegas, weist ebenfalls eine solche Größe aus. Allerdings wurden ein halbes Dutzend US-Bauten von rund 92.903 Quadratmetern und mehr in diesem Jahr angekündigt.

Das aber bedeutet wiederum, dass sich während der Pool an qualifizierten Fachkräften für das Rechenzentrum dünn besetzt ist, die Rollen jedoch weiterentwickelten. Die zunehmende Verbreitung von hybriden Umgebungen verlange, so die Studie, dass Rechenzentrumsmanager lernen müssten, mit einer Mischung aus lokalen Ressourcen und externen Diensten umzugehen, die sie von Anbietern über die Cloud beziehen.

Und nun?

Die Bausteine der Stellenbeschreibungen spiegelten dies wider: Tecsystems-Analyst Scherer stellt eine stärkere Betonung auf Formulierungen wie emotionale Intelligenz, Brückenbau und Silobruch sowie Begriffe wie kreativ, anpassungsfähig, strategisch, innovativ, Allianzbildung und Verhandlungsführung fest, die immer häufiger in den Stellenanforderungen auftauchten.

Er sagt: „Architekturorientierte Rollen und Business Analysten werden als kritisch angesehen, um all diese Teile des Ökosystems zusammenzuführen und ihnen zu helfen, miteinander zu sprechen.“ Auch das Datacenter Infrastructure Management (DCIM) könne mit der Zeit an Bedeutung gewinnen, also mehr Automatismen

Scherer fordert, dass angesichts der zunehmenden Konzentration auf Brokerage-Aufgaben zwischen der Cloud und dem internen Rechenzentrum mehrere Mitarbeiter geschult werden sollten, um als Schnittstelle zwischen Anbietern, IT und Geschäftsführern zu fungieren. Diese Personen müssten gut in der Verwaltung von Verträgen und Service Level Agreements (SLAs), Beschaffung und mehr sein. Dies sind allerdings nicht immer Talente, die für technische Spezialisten selbstverständlich sind, so dass eine gewisse Ausbildung wahrscheinlich notwendig sein wird.

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