Artificial Intelligence im Nervana

Intel will Rechenzentren künstlich intelligent machen

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Ulrike Ostler

Für das Start-uo Nerwana aus San Diego hat Intel mehr als 400 Millionen Dollar gezahlt. Die Chiptechnologie für das maschinelle Lernen soll die Grundlage für die KI-Strategie von Intel sein.
Für das Start-uo Nerwana aus San Diego hat Intel mehr als 400 Millionen Dollar gezahlt. Die Chiptechnologie für das maschinelle Lernen soll die Grundlage für die KI-Strategie von Intel sein. (Bild: Intel)

Einige Analysten meinen ja, Intel habe den Trend hin zur Künstlichen Intelligenz (KI) verschlafen (s.u.). Das ist ein hartes Urteil angesichts der Anstrengungen, die der Konzern gerade unternimmt, um auf den kognitiven Zug aufzuspringen.

Doch es stimmt schon: Während andere Unternehmen seit Jahren ihre Hausaufgaben im Fach Artificial Intelligence (AI) gemacht hat, rüstet Intel erst seit wenigen Monaten mittels Übernahmen auf. Im August brachte man die Akquisition des kalifornischen Start-ups Nervana Systems auf den Weg. Es ist auf maschinelles Lernen spezialisiert, ganz ähnlich wie der Experte für das Internet der Dinge Movidius, das man einen Monat später einkaufte. Im Mai hatte Intel bereits das auf Bilderkennung spezialisierte Start-up Itseez übernommen und im vergangenen Herbst das ebenfalls in Sachen künstliche Intelligenz engagierte Start-up Saffron.

Unabhängig vom späten Einstieg in die künstliche Intelligenz sieht sich Intel selbst als vollwertigen Mitspieler in dieser Disziplin. Warum? Weil angeblich „97 Prozent aller Rechenzentrums-Server, auf denen KI-Workloads ausgeführt werden, mit Intel-Prozessoren bestückt sind“, so eine Info auf der Firmen-Homepage.

Grafische Darstellung der "Nervana Engine", die in diesem Jahr auf den Markt gelangen soll. Es ist ein applicationsspezifische integrierter Schaltkreis (ASIC), der sich an Anwender-/Kundenbedürfnisse anpassen lässt und für lernende Systeme optimiert ist.
Grafische Darstellung der "Nervana Engine", die in diesem Jahr auf den Markt gelangen soll. Es ist ein applicationsspezifische integrierter Schaltkreis (ASIC), der sich an Anwender-/Kundenbedürfnisse anpassen lässt und für lernende Systeme optimiert ist. (Bild: Intel)

Intels AI-Plattform heißt Nervana

Mitte November präsentierte der Konzern eine „Strategie für State-of-the-Art Artificial Intelligence“– im Wesentlichen besteht diese aus der „Intel Nervana Platform“, zusammengesetzt aus ASICs und entsprechender Software. Die Plattform soll mittelfristig mit der „Knights“-Prozessorfamilie zusammengeführt werden. Das Projekt trägt den Namen „Knights Crest“.

Erstes Familienmitglied werde in diesem Jahr ein 28nm-Prozess-Nervana-Chip sein, fabriziert bei TSMC, so Intel in einer Vorankündigung. Unter dem Codenamen „Lake Crest“ soll zudem „Xeon“-Technik und Nervana verheiratet werden.

„Wir rechnen durch die Intel Nervana Platform mit einem Durchbruch in Bezug auf Performance und eingesparter Zeit beim Training von komplexen neuronalen Netzwerken“, so Diane Bryant, Executive Vice President und General Manager der Datacenter Group von Intel. Laut ihren Angaben wird die nächste Generation der „Xeon Phi“-Prozessoren mit dem Codenamen „Knights Mill” eine viermal bessere Performance abliefern als die aktuelle Phi-Generation.

Die Mitglieder des Intel Nervana AI Board.
Die Mitglieder des Intel Nervana AI Board. (Bild: Intel)

Gebündelte Expertise

Die Entwicklung wird im Intel Nervana AI Board gebündelt, dem bislang Yoshua Bengio von der University of Montreal, Bruno Olshausen (UC Berkeley), Jan Rabaey (UC Berkeley) und Ron Dror von der Stanford University angehören. Eine Intel Nervana AI Academy soll Training und Tools für interessierte Entwickler anbieten.

Aktuell verweist Bryant in Sachen AI auf die Xeon- und Xeon Phi-Chips – diese bildeten die aktuell stärkste Basis für das Maschinenlernen. Garniert werden die Prozessoren durch die kognitiven Lösungen des übernommenen Start-ups Saffron.

Zusätzlich habe man gerade damit begonnen, den neusten Xeon-Prozessor, Codename „Skylake“ an „ausgesuchte Cloud-Provider“ auszuliefern. Mittels der Vektorenerweiterung AVX-512 soll der Chip sich besonders für das Maschinenlernen eignen. Darüber hinaus gehende, noch nicht näher spezifizierte Erweiterungen sollen Mitte 2017 integriert werden.

AI-Alliance mit Google

Ende November 2016 verkündete Intel eine Erweiterung der bestehenden Allianz mit Google. Vorrangig geht es dabei um Cloud Computing, in der Presse-Erklärung spannen die beiden Konzerne aber den Bogen bis hin zur künstlichen Intelligenz. Bekanntermaßen arbeiten Intel und Google bereits seit Jahren an Prozessortechnik für Anwendungen im Rechenzentrum.

Zusammen mit Google will Intel nun die Software-Bibliothek für Maschinenlernen „Tensorflow“ in seine Hardware integrieren. Tensorflow ist eine Entwicklung von Googles „Brain Team“, das sich auf Deep Learning spezialisiert hat.

Die Software ist Open Source und kam bislang bei verschiedenen Foto-Apps zum Einsatz, ermöglicht sie doch eine rudimentäre Form der Bilderkennung. Anwender können damit beispielsweise gezielt nach Objekten in einem Bild suchen, etwa einer Katze oder einem Auto.

Prozessoren und GPUs mit KI

Google-CEO Sundar Pichai berichtet in seinem Blog, dass man sich von Tensorflow einen „riesigen Effekt“ erwartet. Was genau das Programm mit den Intel-Chips anstellen wird, scheint aktuell aber noch niemand zu wissen, die Verantwortlichen wie Daniel Smilkov von Googles Big Picture Group sind offenkundig selbst ganz gespannt.

Übrigens ist auch von anderen Chipherstellern zu hören, dass sie die quelloffene Software für ihre Produkte nutzbar machen wollen. Das Unternehmen AMD wäre hier exemplarisch zu nennen, das bereits 2008 Grafikprozessoren mit künstlicher Intelligenz ausstatten wollte. Eine zugehörige Demo hörte damals auf den Namen „Froblins“. Aber auch ARM, Nvidia oder das britische Chip-Start-up Graphcore machen seit geraumer Zeit in Sachen AI auf sich aufmerksam.

Weitere Allianzen für AI

Über die in diesem Jahr eingekauften AI-Unternehmen hinaus ist die „AI Academy“ von Intel noch einige Partnerschaften eingegangen. Zusammen mit Coursera will man „AI Online“-Kurse im akademischen Bereich anbieten. Im Januar möchte Intel zudem zusammen mit Mobile ODT einen Wettbewerb ausschreiben, bei dem künstlich intelligente Entwicklungen ihre Fähigkeiten beim Lösen von „sozio-ökonomischen Problemen“ unter Beweis stellen sollen.

Den Biomedizinern vom Broad Institute greift Intel mit 25 Millionen Dollar unter die Arme, um eine neue und effizientere Lösung zur Untersuchung von Erbmaterial zu entwickeln. Das neu gegründete „Intel-Broad Center for Genomic Data Engineering“ soll sein AI-Know-how in einer auf fünf Jahre angelegte Kooperation massiv ausbauen.

Zusammen mit anderen hat Intel zudem „Hack Harassment“ ins Leben gerufen. Die Kooperative soll Belästigungen über das Internet verhindern helfen. – mit künstlich intelligenten Mitteln, versteht sich.

Ebenfalls mit AI soll auch gegen Kindesmissbrauch vorgegangen werden. Dafür unterstützt Intel die Non-Profit-Organisation „National Center for Missing & Exploited Children“ (NCMEC) mit entsprechenden Technologien. Sie sollen verschwundene und misshandelte Kinder aufspüren helfen.

„Intel kann wesentliche Technologien anbieten, mit denen die AI-Revolution vorangetrieben werden kann. Fortschritt kann aber nur erzielt werden, wenn wir gemeinsam als eine Industrie und eine Gesellschaft daran arbeiten“, so Doug Fisher, Senior Vice President und General Manager der Software and Services Group von Intel.

Die Kirche im künstlich intelligenten Dorf lassen

Artificial Intelligence verspricht viel, selbst die großen überregionalen Medien stimmen gerade in den Chor der hoffnungsfrohen Erwartungen ein. Von aller Aufregung um die künstliche Intelligenz unbeleckt sollte man sich aber die Worte des Google-Cheffes Sundar Pichai in aller Ruhe vor Augen führen: „Maschinenlernen steckt immer noch in den Kinderschuhen. Computer können heute noch immer keinem vierjährigen Kind das Wasser reichen. (…) Wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

Die künstlich intelligente Sau wird aktuell um jedes Dorf getrieben, Intel will dabei kräftig mithelfen, und zwar in erster Linie mit Prozessortechnik für Rechenzentren. Erst wenn der Staub sich gelegt hat, werden wir sehen, wie klug das Borstenvieh wirklich war.

* Dr. Dietmar Müller ist freier Journalist und lebt in Niederbayern.

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