GSE jagt in fremden Revieren

IBM-Anwenderverband will Lösungen und den Mittelstand

23.05.2007 | Redakteur: Ulrike Ostler

GSE-Akteure: Auer, Weiß und Groth
GSE-Akteure: Auer, Weiß und Groth

Traditionell ist die Jahrestagung der deutschen IBM-Anwendervereinigung Guide Share Europe (GSE) ein Treffen der Mainframe-Nutzer. In diesem Jahr besuchten rund 200 Teilnehmer die Konferenz, die vergangene Woche in Köln stattfand. Doch der Vorstand möchte mehr Mittelständler und mehr Manager für die GSE begeistern – auf Kosten des Mittelstandsverbands Common?

Das Jammern der GSE-Repräsentanten ist vorbei. Noch im vergangenen Jahr hatte GSE-Alt-Präsident Wolfgang Auer den fehlenden Nachwuchs in der 48 Jahre alten Organisation beklagt. Schuld daran sei vor allem die Konsolidierung der Rechenzentren, zum Beispiel im kommunalen Bereich.

Doch nun demonstrierten Auer, Manfred Weiß, der deutsche GSE-Manager, und sein technischer Koordinator Peter Groth Aufbruchstimmung. Zum einen hielten sich Austritte und Eintritte die Waage, sagt Auer (siehe Abbildung 1). So zählt die GSE europaweit derzeit rund 1.300 Unternehmen zu ihren Mitgliedern. 480 Firmen davon befinden sich in Deutschland.

Zum anderen sorgen neue Zuständigkeiten für ein anderes Selbstverständnis. Während die GSE früher Kontakt zum Hardware-Bereich der IBM pflegte, sind nun die Software-Mitarbeiter bei Big Blue für die Kontakte zu der Anwendergruppe zuständig. Das aber seien diejenigen, die für den höchsten Profit im Unternehmen sorgten und von daher eine starke Position einnehmen könnten, erläutert Auer. Die GSE-Vertreter erhoffen sich, dass dieser Glanz auf die Benutzerorganisation abfärbt.

Sinneswandel

Zudem habe sich die Ausrichtung der GSE ohnehin gewandelt, sagt Weiß. Nur noch ein Viertel der 51 Arbeitsgruppen beschäftige sich mit Großrechnerthemen. Im Fokus stünden heutzutage Anwendungen, Middleware und andere Software-Aspekte.

Tatsächlich unterstützen die Ergebnisse einer Umfrage unter den Mitgliedern im vergangenen Jahr seine Behauptung. Hier zeigten rund 47 Prozent Interesse an Informationen beziehungsweise Veranstaltungen zur Großrechnerplattform System z, während sich rund 86 Prozent Weiterbildung etwa in Sachen Wireless Solutions und Voice over IP wünschten (siehe Abbildung 2).

Doch zugleich fürchtet Weiß, eingespielte Mechanismen, die Druck auf den Lieferanten beziehungsweise seine Preis- und Produktpolitik ausüben, könnten es nun schwerer haben. Ohnehin gilt die GSE nicht als besonders aufmüpfig gegenüber dem Hersteller, wie Auer zugesteht. Doch hat sich nach seiner Darstellung ein weltweiter „Requirement“-Prozess etabliert, in dem es den Anwendern gelinge, Wünsche zur Produktverbesserung und -weiterentwicklung nachhaltig deutlich zu machen und durchzusetzen. Nun habe es die GSE mit neuen und sehr selbstbewussten Partnern zu tun.

In jedem Fall aber wollen Auer, Weiß und Groth stärker als bisher in der GSE „Lösungen“ thematisieren, wenngleich es dem Komitee noch schwer fällt, zu definieren, was sie darunter verstehen: „SOA halt; oder Preispolitik….“ Denn die GSE möchte eine neue Art von Mitgliedern werben. Es sollen die Manager sein, die die Geschäftsprozesse im Blick haben, beziehungsweise diejenigen, die den geschäftlichen Nutzen von IT bewerten.

So findet am 29. und 30. November dieses Jahres in Köln die nächste GSE-Pricing-Tagung statt, bei der sich hauptsächlich Controller und Einkäufer wiederfinden; im vergangenen Jahr zählte die Veranstaltung rund 180 Teilnehmer. Eine recht elitäre Angelegenheit sind hingegen die „MACs“ (Management Advisory Councils). Hier diskutieren etwa 15 Teilnehmer IT-relevante geschäftliche Themen. (siehe Abbildung 3)

GSE gräbt den Mittelstand an

Kontrovers dürfte die Absicht der GSE diskutiert werden, mehr Mittelständler ins Boot zu holen. Denn für die mittelständischen IBM-Anwender gibt es bereits eine User-Gruppe mit der Bezeichnung „Common Deutschland e. V.“. Die Vereinigung besteht heuer seit 20 Jahren und zählt in Deutschland rund 600 Mitglieder.

Allerdings leidet „die IT-Interessensvertretung für den Mittelstand“ seit einigen Jahren unter leichtem, aber kontinuierlichem Mitgliederschwund. Der 1. Vorsitzende Günter Wiskot hat den Grund auch schon gefunden: „Die Plattform ist weitaus stabiler geworden“. Gemeint ist die AS/400, jetzt „System i“; denn der Verein besteht zu 80 bis 90 Prozent aus System-i-Anwendern.

Ursprünglich sei die Triebfeder für die Vereinsmitglieder gewesen, bei Problemen schnell jemanden mit Kompetenz bei IBM oder Gleichgesinnten zu finden, der den Usern habe aus der Patsche helfen können, führt Wiskot aus. Zumindest der Anspruch, bei IBM den richtigen Ansprechpartner zu finden, entfalle heute jedoch. Big Blue überlasse das Know-how heute seinen Partnern.

Überraschung!!

Diese Einschätzung teilen auch die GSE-Repräsentanten Auer, Weiß und Groth. Doch von deren Willen, in fremden Gefilden nach neuen Mitgliedern zu fischen, haben sie dem Common-Vorstand nichts mitgeteilt. „Das ist ja interessant, das höre ich zum ersten Mal“, so Wiskot. „Man will also wildern gehen.“

Doch abgesehen von seiner Überraschung zeigt sich der Common-Vorsitzende gar nicht einmal abgeneigt, enger mit der GSE zusammenzuarbeiten. Es habe sogar schon einmal eine gemeinsame Veranstaltung zum Thema SOA gegeben, räumt er ein.

Aus zwei mach eins

Außerdem gebe es durchaus Überlegungen, die Kräfte zu bündeln und aus zwei Benutzervertretungen eine zu machen. Schließlich bewegten sich beide Anwendergruppen in dieselbe Richtung, was etwa die Lösungsorientierung angehe. „Wir haben mit GSE durchaus ein gutes Verhältnis, und ich könnte mir eine engere Kooperation vorstellen“, sagt Wiskot.

Doch abgesehen davon, dass dies keine Angelegenheit sei, die einzelne Mitglieder beschließen könnten, scheiterten die Überlegungen bisher an den unterschiedlichen Organisationsstrukturen. Während die GSE eine europäische Vereinigung mit Landesvertretungen sei, gebe es bei Common nur regionale Verbände, mit einem europäischen Dachverband, der nur sehr eingeschränkte Funktionen wahrnehme.

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