Streitthema Robo Advisory

Glorifizieren wir die Algorithmen?

| Autor / Redakteur: Jochen Werne* / Ulrike Ostler

Was machen Robo Advisor in Banken mit dem Geld der Kunden? - KI und Big Data sind eben nicht ausschließlich Technik-Themen.
Was machen Robo Advisor in Banken mit dem Geld der Kunden? - KI und Big Data sind eben nicht ausschließlich Technik-Themen. (Bild: ©shurchkov / stock.adobe.com)

Disruption – dieses Wort hört man heutzutage oft, wenn es um die Bankenbranche geht. Soll heißen: Das traditionelle Geschäftsmodell hat vollständig ausgedient, kein Stein bleibt auf dem anderen. Manch einer behauptet sogar, dass „Robo Advisory“ die persönliche Beratung ablösen wird. Jochen Werne, Direktor Marketing, Business Development & Treasury bei der Bankhaus August Lenz & Co. AG in München, bezieht Stellung.

Die automatisierte und digitalisierte Finanzberatung wird in Fachmedien als einer der wichtigsten Fintech-Trends genannt und zu einer ernst zu nehmenden Bedrohung für die traditionellen Anbieter von Finanzdienstleistungen. Das Analyse-Unternehmen BI Intelligence rechnet damit, dass im Jahr 2020 global mehr als acht Billionen Dollar Anlagevermögen per Computer verwaltet werden.

Die si genannten Robo Advisor versprechen größtmögliche Objektivität durch Algorithmen-basiertes Empfehlungsmanagement. Und in Gartner’s Hype Cycle sind sie on the rise, weshalb sie aktuell in den Finanzmedien auch zum Trendthema avancieren.

Hierbei drängt sich natürlich gleichwohl für Robo-Advisor-Anbieter, wie auch für klassische Beraterbanken, die Frage auf, was nach dem Hype passiert. Dann nämlich, wenn nüchterne Customer Acceptance-, Rentabilitäts- und Real Client Performance Kennzahlen die Euphorie des überdurchschnittlichen Wachstums abgelöst haben.

Was kommt unter dem Strich heraus?

Besonders die letzte Kennziffer, die nach der echten, persönlich erwirtschafteten Performance, wird den aufgeklärten Kunden interessieren. Diese beinhaltet weit mehr als die übliche in Charts und Prospekten aufgeführte Performance eines Investments mit oder ohne Kosten. Sie gibt Aussage darüber, was der einzelne Kunde wirklich mit seinem Investment verdient hat, inklusive aller Kosten, die er aufgrund emotionaler Entscheidungen, respektive Fehlentscheidungen, bezahlen musste.

Hierbei sollte sich dann später weder Robo Advisor, noch der klassische Berater aus der Affäre ziehen können, wenn er nicht in der Lage war, den Kunden in der Baisse zu überzeugen nicht zu verkaufen, sondern zu kaufen und in der Hausse vice versa. Und dies ist die Königsdisziplin der hochqualitativen Beratung – sich gegenüber Ängsten und Euphorie behaupten zu können.

Ergänzendes zum Thema
 
Über das Bankhaus August Lenz

Unbestreitbar haben Kunden heute neue Kommunikationsgewohnheiten und hohe Ansprüche an die Digitalisierung, besonders im Bankgeschäft. Eine standardisierte digitale Vermögensverwaltung kommt dem entgegen. Sie ist schnell, sachlich und logisch. Für Anleger ist sie zudem bequem, oftmals mit geringen Kosten verbunden und somit selbst für kleinere Beträge möglich. Auch für die Anbieter ist Robo Advisory günstig. Dem Bedürfnis der Kunden nach persönlicher Betreuung versuchen Anbieter mit Chats und Apps zu entsprechen. Das sind alles Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen sind.

Robo Advisor sind stark limitiert in ihren Empfehlungen

Vermögensverwaltung – und wir sprechen hier keineswegs nur von großen Summen – ist aber nicht nur eine rational analytische Angelegenheit. Geldanlage ist ein Servicethema, zu dem Vertrauen und der damit verbundene Wohlfühlfaktor gehört. Eine Langzeitbindung zwischen Kunde und Vermögensverwalter kann nur durch persönlichen Service entstehen.

Dazu gehören Dinge, für die Robo Advisor nur bedingt geeignet sind. Etwa zum Thema Altersvorsorge. Oder die generelle Frage, ob und wie viel Geld überhaupt langfristig angelegt werden kann – oder ob es nicht sinnvoller ist, es kurzfristig zur Verfügung zu haben.

Die individuelle finanzielle Situation richtig einzuschätzen ist keine einfache Angelegenheit, wenn man, wie im Fall von Robo Advisory, auf sich allein gestellt ist. Anleger müssen dafür eine gehörige Portion Grundwissen mitbringen. Sie müssen sich über ihre Finanzlage und über ihre Anlageziele im Klaren sein. Ebenso, über welche Beträge sie verfügen möchten – einmalig oder regelmäßig. Wie lange möchte man das Geld anlegen? Wie wichtig es ist, jederzeit auf das Kapital zugreifen zu können. Und sie müssen die Flut von Finanznachrichten, die tagtäglich über sie hereinbricht, verfolgen und richtig interpretieren.

Was können und dürfen Robo Advisor und wie werden sie geprüft und verglichen?
Was können und dürfen Robo Advisor und wie werden sie geprüft und verglichen? (Bild: ©shurchkov / stock.adobe.com)

Bewertung im Kontext

Die stets vorhandenen Fragen der Behavorial Finance – und die möglichen Verwerfungen durch sie – können durch Algorithmen kaum gelöst werden. Die Fragen von Robo Adviser zu Vermögenssituation, Anlagezielen oder Risikoneigung sind standardisiert und damit zu ungenau für eine individuelle Einschätzung, die besonders bei der Geldanlage dringend vonnöten ist.

„Sind Sie mäßig oder stark risikobereit?“ – darauf gibt es im Einzelfall ganz unterschiedliche Antworten. Das Hauptproblem von Robo Advisory: Der Kunde muss letztlich nicht viel Ahnung von Geldanlage und Vermögensverwaltung vorweisen. Es bleibt unklar, ob er tatsächlich alle Hintergründe und Finessen verstanden hat. Das wiederum bedeutet, dass Robo Advisor nur für versierte Anleger geeignet sein können. Aber auch das ist wieder der Beurteilung des Einzelnen überlassen.

Technische Systeme können nicht nur Fehler haben, sondern auch Fehlanreize bieten. Was, wenn der Kunde die eigenen Kenntnisse überschätzt, ungeeignete Produkte erwirbt und am Ende sogar Vermögen verliert? Und wen fragt er, wenn unvorhergesehene Ereignisse wie ein 11. September oder die Lehman-Pleite die Märkte erschüttern? Reicht in diesen Fällen eine Chatbox via App, um auf die Sorgen der Kunden einzugehen? Ganz abgesehen davon, dass es aufgrund der kurzen Zeit, in der Robo Advisor auf dem Markt sind, noch keine Erfahrungswerte über ihre langfristige Performance gibt.

Alleinlassen versus Empathie

Individuelle Situationen müssen empathisch erfasst werden. Neugier, Ausdauer, emotionale und soziale Kompetenz sind wichtige Parameter in der persönlichen Beratung. Die vielbeschworene Befreiung von Emotion durch Robo Advisor ist somit eine der größten Schwächen dieser Innovation.

Jeder Anleger benötigt ein für ihn maßgeschneidertes Konzept, das alle finanziellen Belange seines Lebens umfasst – vom Immobilienkredit über Krankenversicherung und Altersvorsorge bis hin zu Wertpapieren. Und: Diese individuelle Situation ändert sich in aller Regel mit der Zeit. Investitionen müssen daher kontinuierlich an neue Bedürfnisse angepasst werden.

An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei

Dennoch bleibt die Digitalisierung unbestreitbar Dreh- und Angelpunkt im Bankgeschäft. Allerdings würde man zu kurz greifen, wenn man Algorithmen & Co. glorifiziert – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass viele, auch große Marktteilnehmer die Digitalisierung noch immer nicht mit letzter und fokussierter Konsequenz umsetzen.

Damit sich ein Produkt durchsetzen und disruptiv werden kann, braucht der Kunde eine Auswahl, die sich in Konditionen und Performance unterscheidet. Dafür aber gibt es noch zu wenige Anbieter von Robo Advisory, und diese ähneln sich zu sehr.

Dazu kommt der kulturelle Aspekt, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Die Technologie-Affinität in Deutschland ist weniger ausgeprägt als etwa in den USA. Im Gegenzug spielt hierzulande ein Faktor bei der Geldanlage eine tragende Rolle: Vertrauen und kulturell ausgeprägte Risiko-Aversität. Nicht nur in einen Berater, sondern auch in den Datenschutz und die Datensicherheit. Unter all diesen Prämissen betrachtet dürfte das größte Potenzial für die standardisierten Systeme in Kooperationsmodellen bestehen, einer Hybridlösung aus persönlichster Beratung mit starker technischer Unterstützung.

Der Autor Jochen Werne, Direktor Marketing, Business Development & Treasury bei der Bankhaus August Lenz & Co. AG in München, wagt sich an ein strittiges Thema.
Der Autor Jochen Werne, Direktor Marketing, Business Development & Treasury bei der Bankhaus August Lenz & Co. AG in München, wagt sich an ein strittiges Thema. (Bild: Bankhaus August Lenz)

Mein Fazit

Natürlich werden die Finanzhäuser sich ändern (müssen). Die Zukunft liegt dennoch sicher nicht allein in der Digitalisierung. Sondern auch in der individuellen Beratung, dem persönlichen Draht auf höchstem Niveau. Das Bankhaus Lenz pflegt das System des „Family Bankers®“, der Partner und Vertrauensperson für die gesamten finanziellen Belange des Kunden ist – und sein Sparringspartner in Sachen Behavioral Finance. Ergänzend dazu erhält der Kunde alle digitalen Lösungen, die er benötigt, um stets sein Vermögen im Blick und im Griff zu haben. Die Symbiose von Mensch und Technologie, so lautet die Antwort auf die Disruption.

* Jochen Werne ist diplomierter Marketing- und Banking-Spezialist und verantwortet als Prokurist die Bereiche Marketing, Product Management, Business Development, Payment Service und Treasury bei der Bankhaus August Lenz & Co. AG in München. Er ist Mitglied des Innovation Leadership Teams der Mediolanum Banking Group, des Expertenrats von Management Circle sowie des IBM Banking Innovation Councils und Keynote-Speaker auf zahlreichen internationalen Banking- & Innovationskonferenzen vertreten. Darüber hinaus wurde er bereits mehrfach für die Förderung internationaler Beziehungen ausgezeichnet und ist Co-Founder des NGO’s Mission4Peace, des Global Offshore Sailing Teams und Botschafter der Peter Tamm sen. Stiftung des Internationalen Maritimen Museums Hamburg.

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posted am 27.06.2017 um 16:24 von Unregistriert


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