Heftiger Widerstand zeigt Wirkung Gibt Nvidia die ARM-Übernahme auf?

Von Sebastian Gerstl

Das Scheitern der bis zu 54 Milliarden Dollar schweren ARM-Übernahme durch Nvidia steht offenbar kurz bevor: Medienberichten zufolge habe der GPU-Spezialist Kunden bereits informiert, dass man nicht mehr mit einem erfolgreichen Abschluss rechnet. Auch Noch-Eigner Softbank bereitet offenbar alternative Pläne vor.

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Nvidia scheint sich darauf vorzubereiten, die geplante Übernahme des britischen Prozessorherstellers Arm abzublasen. Der Versuch, Wettbewerbshüter zum Absegnen der Pläne zu überzeugen, hätten keinerlei Wirkung gezeigt, heißt es aus informierten Kreisen.
Nvidia scheint sich darauf vorzubereiten, die geplante Übernahme des britischen Prozessorherstellers Arm abzublasen. Der Versuch, Wettbewerbshüter zum Absegnen der Pläne zu überzeugen, hätten keinerlei Wirkung gezeigt, heißt es aus informierten Kreisen.
(Bild: Clipdealer)

Es scheint, als hätte die letzte Stunde des beabsichtigten Deals bald geschlagen: Nvidia hat Kunden bereits mitgeteilt, dass man nicht mehr damit rechne, die geplante Übernahme von ARM zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Dies meldet der Nachrichtendienst Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise. Demnach bereite sich auch der japanische Softbank-Konzern, der aktuelle Eigentümer, als Alternative auf den geplatzten Verkauf auf einen separaten Börsengang der britischen Prozessorschmiede vor.

Die geplante Arm-Übernahme hatte in der gesamten Halbleiter- und Elektronikbranche ein gewaltiges Echo ausgelöst. Mit über 40 Milliarden Dollar – je nach Erhebungen ist diese Zahl auch bereits auf bis zu 54 Milliarden Dollar angewachsen – wäre die Transaktion die mit deutlichem Abstand teuerste Firmenübernahme in der Geschichte der Halbleiterindustrie geworden.

Von der ersten Stunde an stießen allerdings die Kaufpläne durch Nvidia auf einen massiven Gegenwind: Nicht nur Kartellbehörden, sondern auch zahlreiche Vertreter aus der Chipindustrie – viele davon Lizenznehmer der ARM-Prozessor-IP – äußerten Bedenken oder massive Kritik an einer Möglichen Übernahme und befürchteten eine schwere Verzerrung der Wettbewerbsverhältnisse, sollte Nvidia die Kontrolle über die Chip-Designs von ARM erlangen.

Zu den heftigsten Kritikern aus Unternehmensseite zählten unter anderem Intel und Xilinx die mit Nvidia auf dem Servermarkt konkurrieren, oder Qualcom und Samsung, die in mobilen Anwendungen zu Nvidias Wettbewerbern zählen - und die allesamt Lizenznehmer der RISC-Prozessor-IP von ARM sind.

Weltweiter Widerstand, keine Fortschritte bei Verhandlungen

Heftiger Widerstand regte sich auch in Großbritannien, dem Stammsitz von ARM. Vertreter der britischen Chipindustrie warnten vor einer Schwächung des gesamten britischen Marktes, sollte eine der „Kronjuwelen" der britischen Tech-Industrie auf diese Weise den Besitzer wechseln. Nigel Toon, CEO des britischen KI-Chip-Startups Graphcore, sagte gegenüber der „Financial Times“, der Nvidia-ARM-Deal sei „schlecht für den Wettbewerb, schlecht für den gesamten Markt, und schlecht für Britannien“.

Er denke, dass die Industrie eine Verzerrung des Wettbewerbs erwarte. „Das ist eine Marktmacht, die in die Hände eines großen Spielers kommt, der den Wettbewerb im Allgemeinen für den Markt reduzieren wird."

Dementsprechend hatte die britische Wettbewerbsaufsichtsbehörde CMA bereits Anfang 2020 angekündigt, sich eingehend mit der Transaktion befassen zu wollen. Seitdem haben sich die prüfenden Blicke der weltweiten Wettbewerbshüter eher noch verschärft: Im Oktober 2021 kündigte die EU-Kommission an, den Kauf von ARM durch Nvidia genauer prüfen zu wollen.

Die amerikanische Marktaufsichtsbehörde FTC reichte im Dezember 2021 sogar Klage gegen die angekündigte Firmenübernahme ein. Als Gründe wurden unter anderem eine massive Innovationsbremse für den gesamten Markt und befürchtete Nachteile insbesondere für andere US-Unternehmen, die zum Wettbewerbskreis von Nvidia zählen, befürchtet. Ferner signalisierten die chinesischen Behörden zuletzt, selbst dann die Übernahme weiter blockieren zu wollen, wenn sie in anderen Märkten abgesegnet werden würden.

Öffentlich noch kein Zurückrudern

Bloomberg zufolge sind führende Vertreter sowohl von ARM als auch von Nvidia weiterhin darum bemüht, die Aufsichtsbehörden von einer Freigabe zu überzeugen. Es seien noch keine endgültigen Entscheidungen gefallen, heißt es von Seiten Nvidias. Öffentlich beteuern beide Unternehmen jedenfalls ihr weiteres Engagement für den Kauf.

„Wir halten weiterhin an den Ansichten fest, die wir in unseren letzten behördlichen Einreichungen ausführlich dargelegt haben," zitiert Bloomberg Nvidia-Sprecher Bob Sherbin. „Diese Transaktion bietet eine Gelegenheit, ARM zu beschleunigen und den Wettbewerb und die Innovation zu fördern". Auch ein Vertreter des Softbank-Konzerns äußerte sich gegenüber dem Nachrichtendienst hoffnungsvoll, dass die Transaktion noch zustande käme.

Wert der größten Chiphersteller weltweit (in Mrd. US-$), gemessen am Börsenwert der Unternehmen.
Wert der größten Chiphersteller weltweit (in Mrd. US-$), gemessen am Börsenwert der Unternehmen.
(Bild: Bloomberg)

Gemessen am Börsenwert ist Nvidia derzeit nach dem taiwanesischen Auftragshersteller TSMC das wertvollste Unternehmen der Halbleiterbranche, noch vor anderen Größen der Industrie wie Samsung, Qualcomm oder Intel. Der Kurs war durch KI-Technologien, aber auch durch gesteigerte Verkäufe während der COVID-19-Pandemie und durch die Ankündigung des Arm-Deals massiv beflügelt worden.

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Ein Scheitern dieser Pläne dürfte dem Kurs zwar einen Dämpfer verpassen. Letztendlich werde Nvidia aber wahrscheinlich auch ohne ARM gut zurechtkommen, meint Stacy Rasgon, Analystin der Investment-Manager von Sanford C. Bernstein.

„Obwohl der Besitz des Vermögenswertes wunderbar gewesen wäre, glauben wir nicht, dass sie ihn unbedingt haben mussten," meint Rasgon. „Der Deal hätte Nvidias Vorstoß in den Bereich der Rechenzentrumschips unterstützen können, aber das Unternehmen kann und wird vermutlich seine eigenständigen Bemühungen ohne Probleme fortsetzen".

Hinweis:Diesen Artikel hat DataCenter-Insider vom Schwesterportal „Elektronik Praxis“ übernommen.

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