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Rechenzentrumsmarkt organisiert sich trotz unterschiedlicher Interessen Gehört die Zukunft chinesischen RZ-Technologien?

Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Hier die Kollokateure, dort die Content- und Cloud-Anbieter, da die Hersteller– so könnte man die Interessen der RZ-Branche wohl grob einteilen. Dennoch organisiert sich die gesamte RZ-Branche nun europaweit in einem Dachverband. Was steht auf der Agenda?

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Eine Stimme für die Rechenzentrumsbranche: Im Mai gründte sich die Gründung European Data Center Association ( EUDCA).
Eine Stimme für die Rechenzentrumsbranche: Im Mai gründte sich die Gründung European Data Center Association ( EUDCA).
(Bild: www.eudca.org)

Wo baut man ein Rechenzentrum am besten hin? Diese Frage bewegt die Gemüter, seit die Energiekosten steigen und die Preissensibilität der Kunden wächst. Zu beantworten ist sie nicht so einfach, wie sich auf der „Datacentres 2012“ im Mai, einer Veranstaltung der britischen Broad Group in Nizza, zeigte.

Denn oberflächlich betrachtet ist ein Rechenzentrumsbau da am günstigsten, wo beispielsweise kalte Luft oder Kühlwasser und nachhaltige Energie in Hülle und Fülle verfügbar sind. Ein Plus ist auch, wenn man als Umgebung ein noch nicht erschlossenes Gewerbegebiet hat, denn dann kann man für das Areal von Anfang solche Nutzer auswählen, die mit der RZ-Abwärme wirklich etwas anfangen können.

So machen es zum Beispiel die Greenfield Datacenters in Norwegen: die Energie kommt aus nachhaltiger Wasserkraft, die Abwärme sollen neu entstehende Gärtnereien in der Umgebung dazu nutzen, Tomaten und anderes temperatursensible Gemüse in dem kalten Klima anzubauen, ohne horrende Heizkosten zu haben.

Der Nordpol lockt nicht jeden RZ-Betreiber

Das Ganze ist ein Win-Win-Spiel. Auch Google und andere Content-Giganten ziehen sich gern in den Norden zurück, wenn es um neue Rechenzentren geht. Die kühle Luft macht teure Klimatechnik überflüssig.

Doch das ist, wie sich auf der Konferenz zeigte, durchaus nicht für jeden RZ-Betreiber eine Alternative. Gerade Kollokateure, die nur das Drumherum bereitstellen, in das ihre Kunden dann die eigenen Server- oder Storage-Ressourcen integrieren, sehen sich zumindest derzeit noch dazu gezwungen, in der Nähe ihrer Kunden zu bleiben.

Ihnen ist auch im Zweifel wichtiger: möglichst viel Connectivity als billige Energie. Das bedeutet dann Standorte wie Frankfurt, London oder Paris, auch wenn Mieten, Löhne und allerlei andere Posten auf der Rechnung höher ausfallen als auf dem flachen Lande.

Noch suchen die RZ-Kunden die Nähe zu den Daten

„Wenn jemand wertvolle Daten bei uns speichert, will er sie nahe bei sich“, sagt etwa Rupprecht Rittweger, Gründer und Geschäftsführer des Kollokateurs E-Shelter. Auch das Cloud-Geschäft werde an dieser Situation vorläufig wenig ändern. „Die Kunden wollen auch bei Cloud-Computing, dass die Rechenressourcen nahe an den breitesten Auffahrten auf den Datenhighway sitzen“, sagt Kevin Dean, Chefmarketier von Interxion. Und die befänden sich nun einmal da, wo auch heute die meisten Rechenzentren stünden.

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Ob das auf Dauer so bleibt, wenn Strompreise steigen oder je nach Angebot und Nachfrage stark fluktuieren, muss sich zeigen. Sicher ist jedenfalls, dass Rechenzentren als Großverbraucher den Ressourcen Strom und Wärme zukünftig mehr Aufmerksamkeit widmen sollten – einerseits, um nicht zu viel zu bezahlen, andererseits aber auch, um sich nicht Gewinnchancen entgehen zu lassen.

RZ-Betreiber als Energiehändler

„Rechenzentren stehen am Schnittpunkt der Infrastrukturen für Energie und Daten“, sagte etwa Aaron Davis, Marketingchef bei Schneider Electric. Paul Sharp, Gebäudemanager des Kollokateurs Telehouse, empfahl, in Zukunft die verwendeten und erzeugten Ressourcen nicht als Abfall oder Kosten zu begreifen, sondern als Markt, den es zu nutzen und zu gestalten gelte. „Wir haben bei einem unserer neuen Rechenzentren acht Megawatt Wärme als Verkaufsprodukt“, sagte er. Wer diese Chancen nicht nutze, werde wichtige ökonomische Möglichkeiten verschenken, die gerade angesichts eines zunehmend transparenten und damit preissensiblen Marktes für Cloud-Services für Gewinne sorgen könnten.

Der Rechenzentrumsmarkt könnte also durchaus mehrere Segmente mit möglicherweise recht unterschiedlichen Interessen entwickeln: Hier die ortsgebundenen Betreiber, denen naturgemäß daran gelegen sein muss, dass der Strom für sie nicht trotz ihres Standorts zu teuer wird und Kohlendioxid-Zertifikate möglichst billig zu haben sind. Dort diejenigen, die ihren Standort frei wählen können, weil die Kunden ihre räumliche Nähe nicht brauchen und die infolgedessen von einer strengen Regulierung beispielsweise der Energieverbräuche nur profitieren können.

Einheitliche Stimme für die Branche

Trotz möglicherweise unterschiedlicher Interessen möchte die europäische Rechenzentrumsbranche in Zukunft auf politischem Gebiet mit einer Stimme sprechen. Sie schließt sich deshalb in einem europäischen Verband, der EUDCA (European Data Center Association) zusammen.

Er wurde auf der Kongressmesse in Nizza offiziell aus der Taufe gehoben. Fürs Lobbying in Brüssel, eine der Hauptaufgaben der Organisation, hat man sich einen ehemaligen Vize-Kommissionspräsidenten aus Brüssel geholt.

Neben der Beeinflussung europäischer Gesetzgebungs- und Regulierungsvorhaben, beispielsweise Verbrauchsrichtlinien für Rechenzentren oder den Einbezug von RZs in den Kohlendioxid-Zertifikate-Handel, soll der Verband die Kommunikation untereinander und die Weiterbildung fördern. Außerdem soll er zusammen mit den europäischen Behörden Zertifizierungsrichtlinien und -verfahren für Rechenzentren für den hiesigen Markt erarbeiten.

Votum für eine europäische RZ-Heimat

„Derzeit müssen die europäischen Betreiber die Tier-Zertifizierungen ihrer Rechenzentren in den USA beantragen und bezahlen, wir möchten, dass dieses Geld in Europa bleibt“, sagt der derzeitige Vorstand des Verbands, Bernard Lecanu. In den nächsten zwei Jahren möchte der Verband rund 200 Mitglieder gewinnen, die aus ganz Europa stammen können. So soll die Branche europaweit ein einheitliches Gesicht gewinnen. Denn Landesverbände wie Eco in Deutschland seien schlicht nicht in der Lage, grenzübergreifend tätig zu werden.

Ob es klug ist, in den Verband auch Hersteller von RZ-Equipment wie Siemens, Schneider und andere aufzunehmen, muss sich zeigen. Schließlich wollen RZ-Betreiber möglichst wenig davon verwenden. Andererseits aber können so die potenziellen Kunden ihren Bedarf direkt zu Ohren derer bringen, die ihn dann hoffentlich befriedigen.

Die Zukunft gehört vielleicht chinesischen RZ-Technologien

Vielleicht kann EUDCA auch dazu beitragen, dass europäische Hersteller und Betreiber noch eine Weile eine wichtige Rolle auf den Rechenzentrumsmärkten der Welt spielen werden. Denn am Horizont droht auch hier, wie einige Referenten auf dem Kongress aufzeigten, eine chinesische Übermacht.

„Die nächste technololgische Revolution im Rechenzentrumsbereich kommt sehr wahrscheinlich nicht aus Europa, sondern wird wahrscheinlich in einer der weit über hundert Millionenstädte in China entwickelt, deren Namen wir noch nicht einmal kennen und wo vielleicht gerade das neue Silicon Valley entsteht“, sagte der Schneider-Manager Aaron Davis (siehe: Abbildung 3).

Oliver Jones, Geschäftsführer von Chayora, einem jungen Unternehmen, das Immobilien für Rechenzentrumsbauten in China entwickelt, konnte diese Sicht nur bestätigen. Im Reich der Mitte würden Rechenzentren als zentraler Punkt neu entstehender Städte geplant und gebaut, berichtete Jones, denn das Land habe vor, innerhalb der Geltung des nächsten Fünf-Jahres-Planes jeden Chinesen mit einem Glasfaserzugang auszustatten.

Neue Marktführer

Über den können die Chinesen dann, sollten sich die ehrgeizigen Pläne umsetzen lassen, auf vielfältigste, oft wohl aus der Cloud kommende Online-Dienste zugreifen. Weil in China nur Services anbieten kann, wer dort auch einen Server betreibt, führe dieser Plan zum Bau vieler neuer Rechenzentren im Land und zu hohen Investments in die Technologie-Entwicklung.

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„Hier werden vollkommen neue technologische und wirtschaftliche Leader entstehen“, ist Jones überzeugt. Aber die finden dann in der EUDCA hoffentlich wenigstens ein gut organisiertes Gegenüber für Gespräche mit der europäischen Branche vor.

Die Autorin:

Ariane Rüdiger ist freie Journalistin in Müpnchen.

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