Keine Endzeitzsenarien, keine Sozialromantik sondern Wirtschaftlichkeit EVP Vera Schneevoigt über ihre Aufgabe und Fujitsu in Deutschland

Redakteur: Ulrike Ostler

„Durch jeden Kabelschacht gekrochen“ beschreiben Mitarbeiter, wie sich ihre neue Chefin eingearbeitet hat: Vera Schneevoigt leitet seit Februar als Executive Vice President das internationale Produktgeschäft von Fujitsu. Sie ist Geschäftsführungsmitglied der Fujitsu Technology Solutions GmbH, verantwortet Forschung und Entwicklung, Einkauf, Produktion sowie das Qualitäts- und Supply Chain Management. Wie leitet frau einen Computer-Hersteller in Deutschland?

Firmen zum Thema

„Ich mache meinen Job von Herzen gerne“, sagt Vera Schneevoigt, Executive Vice President,Product Supply Operations Service Platform bei Fujitsu, und gehe jeden Morgen mit einem Lachen auf dem Gesicht ins Büro.“
„Ich mache meinen Job von Herzen gerne“, sagt Vera Schneevoigt, Executive Vice President,Product Supply Operations Service Platform bei Fujitsu, und gehe jeden Morgen mit einem Lachen auf dem Gesicht ins Büro.“
(Bild: Ulrike Ostler)

Eine eher kleine Frau, ohne technische, sondern kaufmännische Ausbildung, mit Vorliebe schwarz-weiß gekleidet, Tochter eines Schweißers, der zum Politiker wurde, Abitur in den 80ern auf einem Mädchengymnasium, weitgereist, welterfahren, ein Energiebündel – Ideen, Fragen, Wissen und sprudeln. „Brasilianer halten mich für eine Brasilianerin“, sagt sie über die Wirkung ihres Aussehens, aber wohl auch ihr Temperament beschreibend und weil dort gerade Fußballweltmeisterschaft war, sie in dem südamerikanischen Land schon gearbeitet hat und das Interview kurz nach dem Sieg der deutschen Nationalelf stattfand.

„Ich mache meine Arbeit von Herzen gerne“, strahlt sie und man sieht ihr weder ein frühes Aufstehen noch lange Arbeitstage und Tarifverhandlungen an. Sie hat ausgerechnet, dass sie kurz vor Weihnachten in diesem Jahr ihre Vorstellungsrunde durch alle Fujitsu-Standorte abgeschlossen haben dürfte: „Da mache ich mir nichts vor. Zurzeit bin ich die Ameise unter dem Supermikroskop.“

Kein Wunder: In dieser Position soll Schneevoigt mit internationalen Initiativen strategische Ziele des Unternehmens umsetzen. Die Product Business Group International Business von Fujitsu zählt derzeit mehr als 100.000 Kunden und 45.000 Partner weltweit.

Sie sind eine Frau, haben kein Ingenieursstudium und arbeiten für ein japanisches High-Tech-Unternehmen. Diese Kombination ist für diese Position ungewöhnlich, oder?

Vera Schneevoigt: Ich habe in einem Unternehmen aus dem Turbinen-Generatoren-Bereich gelernt; zwar hat mich damals auch bereits die Lehrwerkstatt interessiert, doch zugleich habe ich mich in dem Kaufmannsberuf besser aufgehoben gefühlt. Aber eine gewisse Technikaffinität und echtes Interesse sind sicherlich vorhanden: Als es die ersten PCs gab, hatte ich einen zuhause und auch jetzt noch kümmere ich mich ich daheim um alle Elektronik.

Doch letzten Endes mache ich keinen Hehl daraus, dass ich keine Ingenieurin bin und zwinge die Leute dazu, mir alles einfach zu erklären. Aber genau so müssen wir auch unsere hochkomplexen Produkte schließlich verkaufen.

IT-Unternehmen, die einen höheren Frauenanteil im Management einsetzen, erwirtschaften eine um und 30 Prozent höhere Kapitalrendite und insgesamt einen um 34 Prozent höheren Aktiengewinn als vergleichbare Firmen, besagt eine von der EU-Kommissarin Neelie Kroes initiierte Studie.

Vera Schneevoigt: Sagen Sie das nicht meinem Chef; der macht unter Umständen sofort eine Zielvorgabe für mich daraus.

Frauen sollen es aber in der japanischen Geschäftswelt noch schwerer haben als hierzulande, man erwartet eine devote Haltung.

Vera Schneevoigt: Devot sind dort, in dieser stark hierarchischen Gesellschaft, auch Männer. Aber tatsächlich gibt es kein Land, in dem mehr Frauen Universitätsabschlüsse haben als in Japan und weniger Frauen in der Geschäftswelt zu finden sind. Der Mann versorgt die Familie.

Das ist zunehmend ein Problem; denn zugleich ist die Alterspyramide noch viel deutlicher ausgeprägt als hierzulande. Die Überalterung der Gesellschaft ist viel weiter fortgeschritten; man schätzt, dass Japan in punkto demographischer Wandel etwa 10 bis 15 Jahre vor uns liegt. Die jüngste Wirtschaftskrise hat die bestehenden Schwächen in der Gesellschaft und Wirtschaft sehr deutlich hervortreten lassen.

Doch Japaner denken sehr praktisch. Nun will man alles, vieles, anders als bisher. Premierminister Shinzo Abe etwa hat ein Programm initiiert, das junge, ausgebildete Paare dabei unterstützt, als „delegates“ auszuwandern und mit Know-how zurückzukommen. Bisher sind sie lediglich abgewandert – auch, weil Frauen im Beruf keine Chancen hatten.

Innerhalb von Fujitsu berichten nun seit einiger Zeit ausländische Mitarbeiter direkt an japanische Vorgesetzte, ein Prinzip, das Präsident Masami Yamamoto eingeführt hat. Und vielleicht ist ein Grund, ausgerechnet mich einzustellen, dass ich allein in meiner Person für „vieles anders als bisher“ stehe.

Aber es stimmt schon, in Japan muss man sich sehr zurücknehmen; ich würde bei einem geschäftlichen Auftritt nicht einmal das anziehen, das ich jetzt trage.

Die Produktion von Computern in Deutschland ist einzigartig und eine ständige Herausforderung, immerhin war der Standort schon mehrfach in den roten Zahlen. Mitarbeiter, Partner aber auch die Region, die Politik erwarten, dass Sie das Werk, Forschung und Entwicklung in Deutschland erhalten.

Vera Schneevoigt: Mein Handeln ist nicht sozialromantisch, sondern knallhart wirtschaftlich bestimmt. Es ist unmöglich, auf ewig zu versprechen: Der Standort bleibt erhalten. auch wenn das eines meiner wichtigsten Ziele ist. Dies funktioniert nur, wenn wir profitabel sind.

Ich sehe vier Aufgabengebiete für mich:

Erstens: Die Kommunikation – ich möchte vermitteln, was Fujitsu-Technik ausmacht, was die Produktion in Augsburg und Deutschland bedeutet und schafft sowie für was das japanische Unternehmen Fujitsu steht. Wussten Sie beispielsweise, dass wir einen weltweit Verantwortlichen für Social Responsibility haben und die ethischen Grundsätze bis hinein in unsere Vertragsgestaltung reichen? Oder dass wir einen Sustainability Officer haben, für Umweltschutz und ressourcenschonendes Arbeiten.

Hier im Werk zum Beispiel haben Mitarbeiter bei einem Ideenwettbewerb vorgeschlagen, dass wir, um Energie zu sparen, nur jede zweite Deckenlampe in den Hallen anschalten und die Arbeitsplätze, wo es notwendig ist, mit LED-Leuchten ausstatten. Das schon nicht nur die Umwelt, sondern spart pro Jahr und Halle rund 50.000 Euro. Der Start der Aktion ist noch nicht einmal zwei Monate her.

Zweitens: Alle Mitarbeiter müssen globaler denken lernen und die Vernetzung der Welt erkennen und in Ihren Verantwortungsbereich integrieren.

Jeder, oder nur das Management?

Vera Schneevoigt: Nein, das Wissen gehört in jede Ebene. Es geht beispielsweise um Einfuhr- und Ausfuhrrechte in jedem Land, darum, wie Garantien in jedem Land gehandhabt werden, um Zertifizierungen für die verschiedenen Märkte ….

Drittens: Außerdem geht es um Innovationen in Bezug auf Technik und Produkte, die zusammen mit den japanischen Kollegen das Unternehmen nach vorne bringen, um als Nummer 1 in der IT wahrgenommen zu werden.

Viertens: Und schließlich geht es darum, das Unternehmen wirtschaftlich zu führen, zu schauen, wie teuer die Prozesse sind und die richtigen Handlungsfelder zu identifizieren, die dafür geeignet sind, Kosten zu sparen.

„Ich bin keine Sozialromatikerin“, betont Schneevoigt.
„Ich bin keine Sozialromatikerin“, betont Schneevoigt.
(Bild: Ulrike Ostler)

Apropos Kosten: Sie beschäftigen Leiharbeiter. Das klingt eher nach Ausbeutung, denn nach Wertschöpfung und ethischen Grundlagen.

Vera Schneevoigt: Wir beschäftigen Leiharbeiter wegen der Expertise, zum Beispiel im Offshore, und wegen der Kosten, etwa in Bereichen mit geringwertiger Ausbildung, mit regionalem Bezugsraum. Denn dadurch ist es schlichtweg einfacher, vor allem in der Produktion agil zu handeln.

Zwar ist selbstverständlich eines der Ziele, so viele Mitarbeiter wie möglich fest anzustellen. Allerdings kann sich in Deutschland kein Unternehmen Mitarbeiter leisten, die Leerlauf haben.

Zudem gibt es keine Möglichkeit , die eigenen Mitarbeiter hoch und `runter zu stufen. Das sieht die Tariflandschaft in Deutschland nicht vor. Letztlich bin ich mit Leiharbeitern flexibler. Doch anders als in anderen Unternehmen gilt bei uns der Grundsatz einer fairen Gleichbehandlung. So erhalten auch Leiharbeiter Boni, wie die Festangestellten – wir setzen die Vorgaben des equal pay um.

Auch für das Ausphasen der Mitarbeiter ins Rentnerleben werden wir Neues ausprobieren wollen und müssen. Es soll eine Art „Rentner-GmbH“ geben, in der Mitarbeiter, die im Rentenalter sind, weiterarbeiten – freiwillig, versteht sich – so viel wie sie können und wollen. Damit wollen wir unter anderem eine Gelegenheit schaffen, dass sie in befristeten Projekten ihr Wissen an Junge weitergeben beziehungsweise diese anleiten. Bei Bosch, der Otto Gruppe und Daimler gibt es bereits Ähnliches.

Sie haben die Innovationskraft angesprochen. Die ITK-Branche verzeiht Fehlentscheidungen kaum und Langsamkeit gar nicht.

Vera Schneevoigt: Ja, ja! Man sieht es an den Firmen Blackberry, Microsoft, Nokia und Apple. Letztere war weg und ist nun stärker als zuvor wieder da … Das Auf und Ab ist in allen Branchen die Regel nur: In der IT:Branche ist das brutal … Intern müssen wir daher kontinuierlich weiter daran arbeiten, den Wirkungsgrad unserer Prozesse zu erhöhen, das Feedback unserer Kunden und Partner weiterhin in neue Entwicklungen einfließen zu lassen, sowie unsere Kooperationen insbesondere mit Hochschulen zu intensivieren.

Sie haben schon zweimal einen Standort schließen müssen. Also: Butter bei die Fische! Für wie lange sehen Sie die Computerfertigung von Fujitsu in Deutschland gesichert?

„Zurzeit bin ich die Ameise unter dem Supermikroskop“, so Schneevoigt.
„Zurzeit bin ich die Ameise unter dem Supermikroskop“, so Schneevoigt.
(Bild: Ulrike Ostler)

Vera Schneevoigt: Das hängt nicht von mir ab. Die Entscheidung wird in Japan gefällt.

Doch ich beteilige mich nicht an Endzeitzsenarien …. Gefühlt ist die Produktion der am meisten gefährdete Bereich. Doch hier gibt es derzeit keine Probleme – und auch die nächsten Jahre nicht, sollten die Kosten nicht explodieren und vertriebs- sowie tarifpolitisch alles im Griff bleibt.

Mein Vorgänger Heribert Göggerle hat hier vorbildliche Arbeit geleistet. Das schafft mir Freiraum.

Außerdem hat die hiesige Produktion dem Konzern stark geholfen, als nach der Naturkatastrophe – einem Beben, gefolgt von einem gewaltigen Tsunami und dem Tod von fast 19.000 Menschen sowie der Zerstörung des Atomkraftwerks Fukushima – die japanische Fertigung erheblich eingeschränkt war. Damals, 2011, war der deutsche Zukauf erst drei Jahre im Konzern. Diese Hilfe hat sicherlich unser Ansehen und die Position gestärkt.

(ID:42830518)