IDC-Analyst Meyer: „Automatisierung und Software-Skills bringen Rechenzentren Erfolg“ Ein Admin, 30 Server – und die Aufgabenlast steigt. Was tun?

Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Cloud Computing schön und gut – doch was brennt Rechenzentrumsbetreibern und -Admins tatsächlich auf den Nägeln? Dieser Frage geht eine aktuelle IDC-Studie nach. IDC-Analyst Thomas Meyer hilft im Gespräch mit Ariane Rüdiger, die ihn im Auftrag von DataCenter-Insider traf, die Aussagen von 200 IT- und Facility-Managern auszuwerten.

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Abbildung 1: Die monitären Bedingungen für die Errichtung und die Modernisierung von Rechenzentren sind nicht schlecht, waren aber schon einmal besser. (IDC)
Abbildung 1: Die monitären Bedingungen für die Errichtung und die Modernisierung von Rechenzentren sind nicht schlecht, waren aber schon einmal besser. (IDC)

Ursprünglich verfasst haben die Studie Giorgio Nebuloni und Chris Ingle. Es geht um die Leistung von Rechenzentren, und den Herausforderungen, mit denen sich RZ-Betreiber gegenübersehen, und den Möglichkeiten, die RZ-Performance zu verbessern.

Worin bestehen Ihrer Untersuchung nach die wichtigsten Herausforderungen, denen sich Datenzentrumsbetreiber derzeit gegenüber sehen?

Thomas Meyer: Da ist zuerst einmal die unsichere Wirtschaftslage, die sich in sich oft sehr schnell ändernden Gegebenheiten auch für einzelne Unternehmen niederschlägt. Darauf müssen die Firmen und damit auch deren IT sofort reagieren. Das verlangt deutlich mehr Flexibilität, die aber gerade zehn bis 15 Jahre alte Rechenzentren mit mehreren Gerätegenerationen kaum aufbringen.

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Diese Rechenzentren haben auch riesige Klimatisierungs- und Kühlkosten. Zwar setzen mittlerweile die meisten Firmen auf Virtualisierung – das führt aber oft zu einer unüberschaubaren Masse virtueller Maschinen für die sich dauernd ändernden Workloads, und das wiederum erhöht den Managementaufwand.

Ein Administrator ist oft für dreistellige Server-Zahlen zuständig, wir finden ein Verhältnis von 1:30 optimal in traditionellen Umgebungen. Außerdem steigt durch Virtualisierung die Leistungsdichte und damit auch das Risiko in den Rechenzentren. Und schließlich wachsen auch die Speicherberge ungebremst weiter – für dieses Jahr erwarten wir ein Datenwachstum um 50 Prozent, das gleiche gilt bis 2015.

Dazu kommt finanzieller Erfolgsdruck: Investitionen sollen sich immer schneller rechnen – ROIs werden inzwischen oft monatlich geprüft. Da bleibt kaum Raum für langfristige Planung, die sich nun im Übrigen hin zum Sourcing verlagert. In Zukunft müssen Anwender hybride Systeme verwalten, die zum Teil inhouse, zum Teil bei Dienstleistern liegen. Auch das ist neu.

Das klingt nach einem kaum zu bewältigenden Berg. Trotzdem gewinnt man bei Betrachtung Ihrer Zahlen den Eindruck, dass die meisten Betreiber mit ihren Rechenzentren doch recht zufrieden sind.

Thomas Meyer: Sie beziehen sich auf die Key Performance Indicators, die wir abgefragt haben. Und tatsächlich sind die meisten Befragten mit den Indikatoren, die sie als die wichtigsten einstufen, recht zufrieden. Zum Beispiel bewerten die Anwender Budgetkontrolle als am wichtigsten von allen Indikatoren, und hier erreichen oder übertreffen knapp 90 Prozent die eigenen Erwartungen, nur etwas über 10 Prozent sind unzufrieden.

Über alle KPIs hinweg erreicht die Zufriedenheit mit der eigenen IT erstaunliche 81 Prozent. Es fällt aber auf, dass kostenorientierte KPIs in der Regel von mehr Unternehmen erfüllt werden als qualitative wie die Einhaltung von Service Levels, die Zeit zur Bereitstellung neuer Services und die Kenntnisse der IT-Mitarbeiter. Offensichtlich bleibt angesichts der Belastung der IT-Abteilungen nur wenig Zeit für Weiterbildung, neue Konzepte und die Verbesserung von Services.

Dennoch ist 80 Prozent im Durchschnitt doch ein erstaunlich hoher Wert, finden Sie nicht? Das sieht ja so aus, als hätten die Rechenzentrumsbetreiber im Großen und Ganzen ihre Aufgaben wunderbar erledigt und könnten gelassen in die Zukunft schauen.

Thomas Meyer: Das täuscht. Wenn man sich die Kosten-KPIs und die SLA-, Time-to-Market- oder Mitarbeiter-bezogenen KPIs getrennt ansieht, erkennt man: Nur zehn Prozent der RZ-Betreiber erreichen in beiden Dimensionen hohe Werte. Die betrachten wir als die erfolgreichen Unternehmen.

Dann gibt es rund 40 Prozent Unternehmen, die wir als die Durchschnittsfirmen bezeichnen. Sie erreichen im Wesentlichen ihre Budgetziele, bringen aber auch bei den anderen Kriterien recht ordentliche Leistungen. Darunter rangieren die Nachzügler.

Sie liegen bei den Budget-KPIs in etwa gleichauf mit dem Durchschnitt, aber sie haben Probleme mit den übrigen Indikatoren. Und schließlich gibt es 20 Prozent Ineffektive, die häufig schon Probleme mit den Kosten haben und gar nicht dazu kommen, sich über andere Dinge überhaupt Gedanken zu machen.

Weiter mit: Was nützen hoch fliegende Projekte, wenn sie das Budget sprengen?

Bewerten Sie die Kostenkriterien, verglichen mit den anderen, nicht als zu gering? Was nützen hoch fliegende Projekte, wenn sie das Budget sprengen?

Thomas Meyer: Das stimmt durchaus. Nur korreliert eben in unserer Studie das eine schon mit dem anderen: Die erfolgreichsten Rechenzentrumsanbieter haben auch die Kosten am besten im Griff. Aber das können sie eben nur deshalb, weil sie die richtigen modernen Technologien einsetzen und wissen, wie man optimalen Nutzen aus ihnen zieht.

Können Sie das an einem Beispiel näher erklären?

Thomas Meyer: Gern. Nehmen Sie Virtualisierung. Der Virtualisierungsgrad ist in allen Unternehmen ähnlich hoch, er steigt auch weiter. Doch manche Firmen ziehen viel größeren Nutzen aus der Technologie als andere.

Wer Erfolg hat, verwaltet die virtualisierte Umgebung viel besser. Zum Beispiel setzen 20 Prozent der Erfolgreichen zumindest die Tools ein, die Speicher- und Server-Hersteller für die Verwaltung von Server-Umgebungen anbieten – bei den anderen Gruppen sind es nur fünf Prozent.

Oft wissen deren Mitarbeiter einfach nicht, wie sie solche Umgebungen richtig administrieren sollen – die Hälfte der wenig erfolgreichen Unternehmen monierte mangelnde Kenntnisse ihrer IT-Mitarbeiter. Management-Suiten nutzen bei den Erfolgreichen 30 Prozent, bei den anderen nur die Hälfte.

Viele der Erfolgreichen versuchen auch, auf eine einzige Managementumgebung für virtualisierte Server und Speicher zu vereinheitlichen. Das spart ungeheuer viel Schulungsaufwand und damit Zeit, die für andere Aufgaben zur Verfügung steht.

Entscheidend sind also Softwarekenntnisse?

Thomas Meyer: So sieht es aus, und zwar auf der Infrastruktur- und der Anwendungsebene. Die Erfolgreichen sind hier entscheidend besser. Zum Beispiel hat ein Drittel der Erfolgreichen geschäftswichtige Altanwendungen in modernen Code umgesetzt, statt einfach auf Standardsoftware zu migrieren und sich so nicht mehr von anderen Unternehmen abzuheben.

Bei den übrigen Gruppen haben das nur 15 Prozent getan – hier ist die vorherrschende Strategie, Standardsoftware zu kaufen. Auch SAP findet sich bei den Erfolgreichen öfter, obwohl es als sehr komplex empfunden wird.

weiter mit: Was zeichnet die Spitzenreiter aus?

Was zeichnet die Spitzenreiter aus?

Thomas Meyer: Am besten fahren unserer Ansicht nach Rechenzentren, die Server-Virtualisierung mit einem geeigneten Infrastruktur-Management verbinden, die prioritär in Automatisierung investieren – in Wissen und in Produkte, gleichzeitig aber die Lizenzkosten im Griff behalten Ihre Mitarbeiter brauchen gute Programmierkenntnisse und sollten lange im Unternehmen bleiben. Fluktuation ist bei den weniger gut aufgestellten Unternehmen ein großes Problem.

Wo sollten Unternehmen ansetzen, die selbst ihre Leistung verbessern möchten?

Thomas Meyer: Für alle ist wichtig, dass sie alle Säulen des Rechenzentrums ansehen: Infrastrukturhardware, Infrastruktursoftware, Anwendungen und Workloads sowie ihre Facilities. Denn hier kann man bei einer Modernisierung wirklich viel Geld sparen, das dann für andere Zwecke verfügbar ist.

Für alle gilt, sich auf eine überschaubare Zahl von Projekten zu konzentrieren. Weniger ist oft mehr. Weiter sollten die Unternehmen virtualisierten Umgebungen besser verwalten und zumindest die Tools der Systemhersteller nutzen. Außerdem sollten die RZ-Betreiber eine einheitlichen Speicherstratregie entwickeln, denn das ist aus unserer Sicht ebenfalls ein erfolgsentscheidender Faktor.

Gelten diese Regeln für alle, oder muss man doch differenzieren zwischen den erfolgreichen RZ-Betreibern und denen, die noch Defizite haben?

Thomas Meyer: Es gibt durchaus spezifische Ratschläge für die einzelnen Gruppen: Nachzügler sollten zum Beispiel besonders darauf achten, dass sie wenige Projekte angehen, die aber gut umsetzen. Denn für mehr haben sie oft weder die Mitarbeiter noch das Geld.

Sie sollten von alter Hardware auf Standard-x86-Architekturen migrieren, die Server-Wartung zentralisieren, grundlegende Mechanismen für die Server-Virtualisierung und die von den Herstellern angebotenen Management-Umgebungen einsetzen. Außerdem müssen sie in gemeinsam genutzten Speicher investieren.

Die Nachzügler setzen am besten bei der oft mangelhaften Sicherung des Speicher-Backends an, indem sie in Sicherungs-Tools investieren, die zu ihrer Virtualisierungsumgebung kompatiblen sind. Sie sollten möglichst auf Verwaltungs-Tools aus einer Hand standardisieren und ihre Mitarbeiter so schulen, dass sie die Möglichkeiten der Virtualisierungsumgebung auch wirklich verstehen und nutzen können.

Dann können sie anfangen, ihre Workloads zu optimieren und ihre Facilities mit einfacheren Vorrichtungen wie Kalt- und Warmgängen auszurüsten, um das Verhältnis von Rechen- zu Kühlenergie zu verbessern.

Die durchschnittlichen Firmen müssen vor allem den Kenntnisstand ihrer IT-Mitarbeiter erhalten und ausbauen. Wichtig sind insbesondere interne Softwarekenntnisse, damit sie beispielsweise intern unternehmensspezifische Analysesoftware entwickeln können, aus der sich en Wettbewerbsvorteil ergeben könnte.

Automatisierungsvorhaben und IT-Ausgaben sollten sich an den Geschäftszielen orientieren und auf Wettbewerbsvorteile zielen. Außerdem sollten sie ihre Investitionen auf diesen Gebieten wie geplant um fünf Prozent pro Jahr steigern, statt zu sparen. Denn diese Ausgaben rechnen sich, genau wie Investitionen beispielsweise in neue Kühltechniken.

In der Studie schaut man auch weiter in die Zukunft. Wo sehen Sie auf mittlere Sicht die wichtigsten Trends, die RZ-Betreiber beachten sollten?

Thomas Meyer: Am wichtigsten ist sicher der Trend, zumindest Teile der IT-Aufgaben in die Cloud auszulagern. Das ist von strategischer Bedeutung, sollte aber das Management der Unternehmen nicht verleiten, auf die Schnelle die IT-Budgets herunterzufahren.

Denn wichtige Teile der IT werden noch lange intern bleiben, was bedeutet, dass in Zukunft hybride Infrastrukturen verwaltet werden müssen und man klare Kriterien für die Cloud-Provider-Auswahl und den Einsatz von Cloud-Services entwickeln muss.

Daneben gibt es Trends wie Workload-optimierte Server, Flash-Speicher, modulare Stacks auf der Hardwareseite, SaaS-Management-Tools und vereinheitlichte Management-Umgebungen bei der Infrastruktursoftware, In-Memory- sowie NoSQL-Datenverarbeitung und SaaS-Angebote bei den Anwendungen.

SAP wird immer öfter auf nur einer Plattform mit einer CPU laufen. Schließlich stehen ein Siegeszug moderner Kühltechniken und modulare Strategien beim Aufbau von Datenzentren bevor, weil das einfach Geld spart, das sonst keinerlei greifbaren Nutzen bringt.

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