Sensorik

Die Gold Digger in der Big Data Falle

| Autor / Redakteur: Karin Pfeiffer / Matthias Back

Schnittmengen zu benachbarten Technologien oder Märkten erkennen und stimmige Konzepte übertragen, das hat sich bei Wirtschaftspionieren bekanntlich schon oft als Erfolgsrezept bewiesen. In der Telekommunikation etwa gelten Datentarife nach Volumen längst als Währung. Das hat auch die Endress + Hauser Gruppe erkannt und sogar erste Erfahrungen gesammelt: „Zunächst sind wir in Richtung Micropayment gegangen, also die Abrechnung pro Info“, erzählt Chief Operation Officer (COO) Michael Ziesemer am Hauptsitz im schweizerischen Rheinach. „Aber das hat Nachteile bei so vielen Transaktionen. Flats wie zum Beispiel Monats- oder Jahrespauschalen sind sinnvoller.“

Endress + Hauser beschäftigt sich schon länger damit, in die Auswertung der Daten zu investieren. „Noch bevor es Big Data hieß“, erzählt Ziesemer. „Das Thema dreht sich nicht nur um die Technik und ihre Anwendungsmöglichkeiten, es ist ganz klar auch eine Frage der Businessmodelle: Nach welchen Modellen wird bezahlt und wie bringt man diese dem Kunden nahe?“ Damit skizziert er die Koordinaten, innerhalb derer sich klassische Sensorikhersteller als Entrepreneure in Sachen Industrie-4.0-Zukunft im Moment noch bewegen: Wo Pioniere hingehen, ist noch niemand. Doch auch die Kundschaft muss erst folgen. „Oft herrscht zu dem Thema für viele Kunden noch keine Klarheit über den Nutzen“, weiß Alexander Gerstner, Produkt Marketing Manager Sensor Solutions bei der Baumer GmbH mit Hauptsitz im schweizerischen Frauenfeld. Die Mehrzahl der Anwender sei noch zurückhaltend. „Unserer Auffassung nach findet am Markt derzeit eher ein Technology-Push als ein Market-Pull statt.“

Das sehen andere Keyplayer ähnlich. „Wenn es uns nicht gelingt, auch klar bezifferbaren Kundennutzen für neue ,big data'-zentrierte Geschäftsmodelle zu erkennen und zu kommunizieren, werden wir uns bei der erfolgreichen Etablierung solcher Ideen schwer tun“, erklärt auch Dr.-Ing. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pepperl + Fuchs GmbH. Das Mannheimer Unternehmen prüft derzeit unterschiedliche Ideen, „welche der von unseren Sensoren generierten Daten für neue, zusätzliche Geschäftsprozesse geeignet sein können und in welcher Form wir diese Daten bereitstellen müssen“. Darunter auch die Möglichkeit, die Daten selbst zu sammeln und diese zum Beispiel für „Lifecyle Management“- oder „Conditioned Based Maintenance“-Ansätze zu nutzen und die Erkenntnisse dann als Dienstleistung zur Verfügung zu stellen.

Dahinter steckt mehr als „nur“ eine Produktneuheit. „Wir entwickeln zur Zeit unsere eigene digitale Agenda“, berichtet Dr. Kegel, was einen spürbaren Wandel im Haus bedeuten könnte. Jeder Unternehmensbereich soll in puncto notwendiger und sinnvoller Veränderungen, die mit der vollständigen Digitalisierung der Wirtschaft einhergingen, seinen eigenen Maßnahmenplan mit der Unternehmensleitung abstimmen. „So entsteht unser eigener ,Industrie-4.0-Masterplan´, der alle Unternehmensbereiche und Prozesse umfasst.“ Was alles umgekrempelt wird und mit welchem Ziel, damit rückt der CEO freilich noch nicht heraus.

Endress + Hauser verrät zumindest schon ein paar Anhaltspunkte seiner Ausrichtung. „Wir bieten bereits seit einigen Jahren Anwendungen, in denen wir unseren Kunden Daten zur Verfügung stellen. In der Fertigung entstehen zum Beispiel Kalibrierungsprotokolle und Kunden brauchen Ersatzteilinfos oder Inbetriebnahme-Dokumentationen“, erläutert der COO des internationalen Konzerns. Logistik sei ein weiteres Feld, wo das bereits realisiert werde. „Übergabedaten eignen sich dafür. Ein Beispiel? Wenn Öl vom Land aufs Schiff für die Pumpe geliefert wird, dann wechselt im Prinzip der Eigentümer des Öls.“ Und der dritte Bereich für Big-Data-Anwendungen bei Endress + Hauser sei Engineering, Stichwort eclass und Prolist. „Wir gehen Tempo, wir wollen frühzeitig mit Lösungen beim Kunden sein“, macht Michael Ziesemer eine Wettbewerbsansage. „Und zwar auch, wenn diese noch nicht umfangreich sind in Industrie 4.0, sondern eine Teillösung. Der Kunde kann Produktivitätsfortschritte heben, sammelt Erfahrung. Und wir auch.“

Ich muss meine Logistik kostengünstiger machen

In gängigen Aufgabenstellungen erste Schritte in den Markt setzen also. „Unsere Kunden explorieren die Möglichkeiten von IOT und Industrie 4.0 genauso intensiv wie wir auch“, umreißt Dr. Kegel den Stand der Dinge. „Aber klare Kundenanforderungen sind bisher draus noch noch nicht entstanden. Es sind vielmehr bereits seit langem existierenden Anforderungen wie Datenaustausch und Geräte-Integration, die wir jetzt mit den neuen Möglichkeiten des IOT gegebenenfalls zufriedenstellend lösen können.“

Dass Kunden nicht gezielt Big-Data-Anwendungen nachfragen, kann auch Ziesemer bestätigen. „Sie kommen meist mit den Themen Kosten, für die Instandhaltung, für Energie oder Rohstoffe. ,Ich muss meine Logistik kostengünstiger machen', ist so eine typische Anforderung.“ ifm DataLink wiederum kennt die Herausforderung, Energiemonitoring in 20 Jahre alte Maschinenparks zu integrieren und mit Software zu verbinden. Kunden kämpften zudem mit ständig wechselnden Steuerungen. So und ähnlich lauten die Herausforderungen beim Kunden. Da wird ein Sensor zum Bindeglied zwischen alten Systemen und neuen Möglichkeiten.

Und genau in dieser Schnittstellenfunktion steckt vermutlich einiges an Potenzial für Geschäftsmodelle. Denn Schnittstellen verknüpfen bekanntlich unterschiedliche Dinge, Materien, Subjekte, Welten oder Zustände. Ob der Mehrwert in die eine oder andere Richtung der Schnittstelle oder in beide entsteht, das hängt von Konzept und Perspektive ab. „Auch ein Sensor hat ja zwei Seiten“, erklärt Ziesemer den Ausgangspunkt für verschiedenste strategische Ausrichtungen. „Eine Seite hin zum Prozess, das sind die applikationsspezifischen Lösungen, da wird spezialisiert, etwa für unterschiedliche Werkstoffe. Die andere Seite der digitalen Schnittstelle weist hin zu Informationen, Protokollen, da wird standardisiert.“

Und es ist vor allem wohl die Seite, die Richtung neue Geschäftsfelder weist. Der Meinung ist zumindest auch Dr. Kegel. „Sensorik bleibt weiterhin die applikationsspezifische Schnittstelle zwischen realem Prozess, realer Physik und der elektronischen Verarbeitung der Signale“, so der CEO von Pepperl + Fuchs und prognostiziert: „Zum Prozess hin werden wir eher wenig Veränderungen sehen. Gänzlich anders wird die elektronische Verarbeitung der Sensorsignale und Daten. Durch die erhöhten Bandbreiten können vor allem sehr viel mehr im Sensorbereich vorhandene Informationen übertragen werden, die bisher nur im Sensor 'intern' genutzt wurden.“

Der Sensor bekommt also neue Aufgaben, und als Schnittstelle hat er künftig zusätzlich zu tun. In vielerlei Hinsicht. Denn wo zwei Welten aufeinandertreffen, da hapert es oft in der Verständigung. Verschiedene Steuerungen, Software-Lösungen aus Warenwirtschaft- und Produktionssysteme – bevor Dinge miteinander reden, müssen sie lernen, sich zu verständigen, den Datenfluss quasi simultan übersetzen Und Entwickler müssen auf derselben Ebene ticken.

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Karin Pfeiffer
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