Rechenzentrumsplaner Alexander Hauser über Restriktionen und Fonds Der Standort verdient beim 'grünen' Rechenzentrumsgroßprojekt in Hanau mit

In Hanau soll innerhalb der nächsten Jahre ein 180-Megawatt-Rechenzentrum entstehen. Das Innovative an dem Projekt: Die Stadt verdient mit – nicht nur über die Gewerbesteuer.

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In Hanau wird ein Datacenter-Park mit sehr hohem Nachhaltigkeitsgrad entstehen.
In Hanau wird ein Datacenter-Park mit sehr hohem Nachhaltigkeitsgrad entstehen.
(Bild: gemeinfrei Pixabay / Pixabay )

„Die Nachfrage nach Rechenzentrumsleistung wächst nach wie vor ungebrochen weiter“, sagt Alexander Hauser, Geschäftsführender Gesellschafter der TTSP HWP Planungsgesellschaft GmbH. Und diese Nachfrage konzentriert sich vor allem auf eine relativ überschaubare Region, nämlich die um Frankfurt.

Allerdings sieht sich die Region immer weniger in der Lage, die Platz- und Elektrizitätsansprüche der Rechenzentrumsbranche ohne Weiteres zu erfüllen. So ist es in Frankfurter Stadtgebiet nicht mehr einfach möglich, neue Rechenzentren zu bauen, es sei denn, es besteht schon ein Baurecht, das noch nicht ausgeschöpft wurde.

Strombedarf mal drei

Ein in Hanau geplantes Projekt zeigt jetzt neue Wege, wie Gemeinden an den materiellen Gewinnen von Rechenzentren beteiligt und gleichzeitig der Weg zur Klimaneutralität beschleunigt werden kann. Derzeit steht die Bauleitplanung für ein 250.000 Quadratmeter großes Gelände, auf dem unter anderem ein 180-MW-Rechenzentrum in mehreren Bauabschnitten entstehen soll.

Es wird zwar noch einige Jahre dauern, bis das erste Datacenter-Gebäude in Hanau sich mit Rechnern füllt. Doch während der einjährigen Verhandlungen mit der Stadt Hanau ist nun ein neues Konzept zustande gekommen, dessen Konstruktion vielleicht die Blaupause für ähnliche Projekte sein kann.

„Man muss bedenken, dass das Rechenzentrumsgelände den Strombedarf der Stadt Hanau in etwa verdreifachen wird“, sagt Hauser, der die vertraglichen Vereinbarungen im Vorfeld der Absegnung des Bauleitplans mitverhandelte. Den Bau selbst übernimmt der Projektentwickler P3 Logistic Parks, hinsichtlich der späteren Betreiber laufen die ersten Verhandlungen.

Energie, Technik, Finanzen

Herausgekommen ist bei dem Verhandlungsmarathon ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept, das sowohl technische als auch energetische und finanzielle Maßnahmen umfasst. Dabei geht es um nachhaltige Energie-Erzeugung, den Bezug von lokalem Grünstrom, einen modernen Generator als Notstromversorgung, Kühlmittel, das wenig Klimawirkungen hat und weitgehenden Verzicht auf das stark klimawirksame Isolationsgas Schwefelhexafluorid (SF6).

Zudem ist eine transparente Kohlendioxid-Berechnung der Gesamtanlage geplant. Weitere Vereinbarungen beziehen sich auf den angepeilten PUE (Power Usage Effectiveness), CER (Cooling Efficiency Ratio) und ein umfassendes Energie-Management-System. Schließlich soll sparsam mit Wasser umgegangen, auch die Abwärme genutzt und ein Green-Building-Zertifikat erworben werden. Letzteres bedeutet auch die Wahl besonders nachhaltiger Baumaterialien.

Blauer Engel? „Zu komplex“

Auf eine Zertifizierung nach dem Blauen Engel für Rechenzentren verzichtet das Projekt aber. Der Grund: „Die Zertifizierung ist extrem aufwändig, im Markt eher wenig akzeptiert und der Standard an einigen Stellen zu komplex.“ Natürlich wolle man das Rechenzentrum so nachhaltig wie möglich bauen, doch dafür seien verbindliche Vereinbarungen mit dem Standort genauso gut geeignet.

In der mittelhessischen Stadt Hanau finden modernste Technik und Fachwerkidylle zusammen.
In der mittelhessischen Stadt Hanau finden modernste Technik und Fachwerkidylle zusammen.
(Bild: gemeinfrei Pixabay / Pixabay )

Zunächst war geplant, die Versorgung in den ersten Jahren mit rund 80 Prozent Grünstrom zu gestalten und erst in spätestens fünf Jahren auf 100 Prozent Grünstrom gemäß §79 EEG auszudehnen. Nun sind Überlegungen weit gediehen, gleich von Anfang an 100 Prozent Grünstrom zu nutzen.

Regionalversorgung ist vorläufig illusionär

Das zweite Ziel, weitestgehend regionale Energie zu verwenden, ist laut Hauser kaum erreichbar. Das gelte sowohl in Form von Wind- als auch von Solarenergie. Man brauche sehr viel Fläche in der Nähe für ausreichend Photovoltaik-Strom oder mindestens 50 neue 2-MW-Windgeneratoren. Die wolle in der Umgebung keiner.

„In unmittelbarer Nähe entsteht jedoch eine 7-MW-PV-Solarfarm, deren Energie natürlich auch für die Rechenzentren verwendet werden kann“, sagt Hauser. Den Rest werde man in Form von europäischen Zertifikaten erwerben.

Kaufvereinbarungen für Erneuerbare Energie direkt mit Providern (PPA, Power Purchase Agreements) sind dagegen nicht verpflichtend vorgesehen. „So viel wie hier gebraucht wird, können nur die größten Provider liefern, und wir wollten den späteren Betreibern bei der Beschaffung freie Hand lassen.“

Regelmäßiger Zuschuss für den regionalen Klimafond

Doch genau hier konnte mit Hanau eine Lösung vereinbart werden, von der die Stadt, die auch industrielle Großverbraucher wie Heraeus beherbergt, direkt profitiert: Für den Anteil des Stromverbrauchs, der nicht aus der Region stammt, zahlen die Rechenzentrumsbetreiber einen festgelegten Betrag in den Klimafond der Stadt Hanau. Das Geld wird also dafür aufgewandt, den Kohlendioxid-Ausstoß der Stadt zu senken oder sie anpassungsfähiger gegen Klimaveränderungen zu machen.

„Das sind im Jahr sechsstellige Summen“, sagt Hauser. Das bedeute für die Stadt einen Nutzen, der über das Übliche ähnlicher Gewerbeprojekte hinausgeht.

Diesel und Gas für Notstrom – muss das sein?

Hinsichtlich des Notstromgenerators wird es wohl trotz alles Flehens aus Politik und Wissenschaft, sich endlich und so schnell wie möglich aus kohlenstoffbasierten Energieträgern auszusteigen, bei Dieselgeneratoren für die ersten Bauabschnitte bleiben. Später sind Gasgeneratoren wahrscheinlicher.

In Hanau gibt es neben Beispielen klassischer Industriekultur wie dieser Lokomotive bald auch einen sehr großen Datacenter-Campus.
In Hanau gibt es neben Beispielen klassischer Industriekultur wie dieser Lokomotive bald auch einen sehr großen Datacenter-Campus.
(Bild: gemeinfrei Pixabay / Pixabay )

Warum nicht Batterien oder Brennstoffzellen? „Erstens brauchen Lithium-Batterien in diesen Größenordnungen sehr viel Platz und zweitens erzeugt auch die Extraktion von Lithium Kohlendioxid und hängt noch dazu von sehr wenigen Standorten, etwa Bolivien, ab,“ argumentiert Hauser. Brennstoffzellen seien noch nicht so weit. Zudem liefe der Dieselgenerator nur 15 bis 20 Stunden im Jahr, das sei sehr wenig.

Wie dem auch sei: Wie viel CO2 letztlich entsteht, soll durch Sachverständige berechnet werden. Die Zahlen werden anschließend offengelegt.

1 kW Strom für 8 kW Kühlung

Was die Kühlung angeht, ist eine CER (Cooling Efficiency Ratio) von mehr als acht angestrebt. Das bedeutet, dass für jedes Kilowatt, das für die Kälte-Erzeugung aufgewendet wird, acht oder mehr Kilowatt 'weggekühlt' werden. Üblich sind Werte von sechs bis sieben.

„Denkbar ist eine hybride Trockenkühlung, die auch Adiabatik einbezieht, so dass sie bei heißen Temperaturen eingesetzt werden kann“, so Hauser.

Neuere Technologien wie direkte Flüssigkühlung oder Immersionskühlung werden nicht angedacht. Hauser: „Immersion ist vor allem interessant für Spezialanwendungen.“ Für ein so großes Rechenzentrum brauchte man Unmengen von Öl – das würde wahrscheinlich die Stadt nicht akzeptieren, weil das Rechenzentrum in einem Wasserschutzgebiet liegt.

Abwärmenutzung: BHKW übernimmt

Direkte Kühlung der Bauelemente mit Wasser, was höhere Ab-Temperaturen ermöglichen würde, sei dagegen für rotierende Festplatten und diverse andere Komponenten nicht geeignet. Überdies böten bislang nur wenige Anbieter entsprechende Komponenten an. Bislang würde nur rund ein halbes Prozent der energieverbrauchenden IT-Komponeten in Rechenzentren diese Kühlmethode nutzen.

Als glücklicher Umstand für das Nachhaltigkeitskonzept erweist sich, dass ein Kraftwerk zur Erzeugung von Fernwärme in der Nähe demnächst abgeschaltet wird. Auf dem Datacenter-Gelände entsteht ein Blockheizkraftwerk, in das ein Teil der Abwärme einspeisen lässt. „Die Leitungen, in die wir einspeisen könnten, sind nur etwa 50 Meter entfernt“, sagt Hauser. Derzeit laufen Verhandlungen darüber, wie die Anbindung im Detail erfolgen kann.

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