Kritik und Dramatik Der Feuerwehrbericht zum Brand im Straßburger OVHcloud-Rechenzentrum beklagt Mängel

Von Ulrike Ostler

Berichte verschiedener französischer Medien berichten über die Mängel im Straßburger Rechenzentrum von OVHcloud, das im vergangenen Jahr einem Brand zum Opfer fiel, darunter das Fehlen einer automatischen Löschanlage sowie eine „schwierige Stromabschaltung“. Sie beziehen sich dabei auf die Aussagen der Feuerwehr Niederrhein.

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In der Nacht von 9. auf den 10 März 2021 hat ein Feuer ein OVHcloud-Rechenzentrum komplett zerstört, zwei weitere in Mitleidenschaft gezogen.
In der Nacht von 9. auf den 10 März 2021 hat ein Feuer ein OVHcloud-Rechenzentrum komplett zerstört, zwei weitere in Mitleidenschaft gezogen.
(Bild: © STIS 67 - Laurant Schoenferber)

Fast ein Jahr nach dem Brand auf dem Straßburger Datacenter-Campus von OVHcloud, in der Nacht zum 10. März, hat das Feuerwehr-Department Bas-Rhin im Februar einen Einsatzbericht mit Analyse veröffentlicht (siehe: Download). Damals wurde ein Rechenzentrum des Cloud-Anbieters komplett zerstört, zwei weitere in Mitleidenschaft gezogen.

Schon kurz darauf berichtete „Le Monde Informatique“, Feuerwehrleute hätten mit Wärmebildkameras zwei Wechselrichter in Flammen gesehen (siehe: Download). Diese seien am Morgen gewartet worden, wobei viele Teile gewechselt worden seien. Doch beim Neustart am Nachmittag schien alles gut funktioniert zu haben. Ob hier tatsächlich die Brandursache liege, war damals noch unklar, bestätigt sich jetzt aber.

Der aktuelle Bericht der Feuerwehrleute zeigt vor allem Mängel auf, die aus ihrer Sicht das Löschen erschwert haben und dokumentiert den Verlauf des Einsatzes. So traf die Feuerwehr, die kurz nach Mitternacht gerufen wurde, einige Minuten später vor Ort ein. Zu dem Zeitpunkt brannte es in dem Raum mit einem Wechselrichter und einem Hochspannungstransformator im Erdgeschoss des „SBG2“-Gebäudes bereits. Dieser Raum verfügte über eine Decke aus intumeszierendem Holz, das ist Holz, das sich unter Hitze-Einwirkung wellt, aber immerhin eine Stunde lang feuerfest ist.

Der Einsatz

Das Bereitschaftspersonal des Standorts war zu diesem Zeitpunkt bereits evakuiert worden. Wie dramatisch sich die Situation entwickelte, lässt sich aus Bemerkungen wie „sie sind auch mit Lichtbögen rund um die Zugangstür zum Gebäude konfrontiert "und „helle Blitze schlagen mit ohrenbetäubendem Lärm ein" zu entnehmen.

Die Feuerwehrleute versuchten, den Strom abzuschalten, um das Risiko für die eigene Mannschaft zu verringern, und setzten Feuerwehrschläuche ein, um die Flammen zu löschen. Sie stellen jedoch fest, dass es für das Gebäude keine Möglichkeit gab, den Strom abzuschalten. Damit blieb nur die Brandbekämpfung mit Brandbekämpfung mit Kohlendioxid oder mit Wasser übrig. Ersteres ist aber nur sinnvoll im Innenbereich, da sich das Kohlendioxid verflüchtigt.

Doch zunächst hatten laut Feuerwehr zur Wasserentnahme nur Hydranten zur Verfügung gestanden, der Zugang zu einem Teich sei versperrt gewesen und erst ein Löschschiff der deutschen Kollegen habe genügend Wasser bereitstellen können.

Nachlässigkeit oder Verfügbarkeit

Ob es sich bei der fehlenden Abschalteinrichtung um eine Nachlässigkeit handelt oder um ein gewolltes Konstrukt, da Rechenzentren ohne Strom nun einmal nicht funktionieren und daher über ausgeklügelte Kontrollmechanismen verfügen sollten, die eine Abschaltung erübrigen sollten, ist nicht erkennbar. Die Verfasser des Feuerwehrberichts bemerken jedoch, der Umstand gehe auf eine „eine wirtschaftsstrategische Entscheidung des Unternehmens“ zurück.

So seien zur Kompensation eines Netzausfalls zwei Generatorebenen vorgesehen gewesen. Später in dem Bericht sind insgesamt vier Stufen der Stromversorgung genannt.

Deshalb wandte sich die Feuerwehr an den Energieversorger Electricité de Strasbourg, um die Stromversorgung des Gebäudes von außen zu unterbrechen. Das aber war erst ab 3:28 Uhr möglich, also fast drei Stunden nach Ausbruch des Feuers. Ein Feuerwehrler merkt an: „Zu diesem Zeitpunkt war noch Strom in den Wechselrichtern vorhanden.“

Begünstigung des Feuers

Eine automatische Löschanlage hätte das Feuer unmittelbar und effektiv bekämpfen können. Doch eine solche gab es in dem Gebäude nicht, wie auch Detektoren für die Erkennung nicht.

Ein weiterer Punkt, den der Bericht hervorhebt, betrifft die Architektur des Rechenzentrums: Das SBG2-Gebäude war so konzipiert, dass die Kühlung der Server durch einen ständigen Luftstrom gefördert wird. Das war Energie-effizient, führte in diesem Fall allerdings dazu, dass die beiden Innenhöfe des Gebäudes als Kamine fungierten, die das Feuer anheizten.

Die Feuerwehr merkt an, dass die Rechenzentren nicht als „Risiko-Einrichtungen“ im Sinne der ‚Klassierte Anlagen zum Schutz der Umwelt‘ (Installations classées protection de l'environnement) ICPE-Gesetzgebung eingestuft sind, einer Regelung, die in diesem Fall der Feuerwehr weitergehende Befugnisse einräumt hätte.

Rund 18 Prozent der über OVHcloud versorgten IP-Adressen sollen durch den Brand verursachten Ausfall unerreichbar gewesen sein und insgesamt 3,6 Millionen Webseiten auf mehr als 460.000 Domains offline. Als Reaktion auf den Brand hat OVH angekündigt, ein Brandlabor für Rechenzentren bauen zu wollen. Einen Kommentar zu dem Feuerwehrbericht liegt nicht vor.

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