Alibaba Yitian 710 für Alibaba Der erste ARMv9-basierter Serverchip kommt aus China

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

„128 Kerne, 60 Milliarden Transistoren, 20 Prozent performanter als alle anderen“: Alibabas Chip-Entwicklungssparte Pingtouge hat „Yitian 710“ vorgestellt. Der Server-Prozessor soll auf der neusten ARMv9-Architektur basieren – damit wäre er der erster seiner Art.

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60 Milliarden Transistoren: Der von THead (Pingtouge), Alibabas Chipsparte, entwickelte Server-Prozessor basiert auf der neusten ARMv9-Architektur und 5-nm-Prozessknoten.
60 Milliarden Transistoren: Der von THead (Pingtouge), Alibabas Chipsparte, entwickelte Server-Prozessor basiert auf der neusten ARMv9-Architektur und 5-nm-Prozessknoten.
(Bild: Alibaba/Pingtouge)

Alibaba hat einen eigenen Server-Chip für seine Datenzentren entwickelt. Der leistungsstarke 5-Nanometer-Chip ist von Pingtouge, der hauseigenen Halbleitereinheit des chinesischen Internet-Konzerns entwickelt worden. Er basiere auf ARM-Architektur und sein Design sei für das Cloud-Computing-Geschäft von Alibaba optimiert worden, berichtet die South China Morning Post (SCMP) in Hongkong.

Der „Yitian 710“ getaufte Chip ist eine „General Purpose CPU“. Den von Alibaba am Dienstag veröffentlichten Spezifikationen zufolge erziele er eine Punktzahl von 440 auf der Testplattform „SPECInt2017“, was ihn 20 Prozent leistungsfähiger mache als alle anderen Chips dieser Art, berichtet das chinesische Halbleiter-Fachportal Bandaoti Shequ.

Solche Bewertungen werden noch unabhängig überprüft werden müssen. In der Tat aber handelt es um den ersten Serverchip, der auf der neuen ARMv9-Architektur basiert, die erst im Frühjahr dieses Jahres vorgestellt worden ist. „Ich glaube, das macht den Yitian 710 zum leistungsstärksten ARM-Server-Chip der Erde,“ wird der Experte Stewart Randall von Intralink in der SCMP zitiert.

Neuste ARMv9-Prozessorarchitektur

Die ARMv9-Architektur war von der englischen Chip-Design-Firma entwickelt worden, um den weltweit rasant steigenden Bedarf an Prozessor-Power mit erhöhter Sicherheit und besseren KI-Fähigkeiten zu bedienen. Das Design war erst im März dieses Jahres auf den Markt gekommen.

Bislang hatten weltweit nur sehr wenige Firmen wie Samsung in Südkorea oder TSMC in Taiwan die Fähigkeit, so fortgeschrittene Serverchips zu entwickeln. Der Yitian 710 enthält einen 128-Core-CPU mit 60 Milliarden Transistoren und einer Taktrate von 3,2 Gigahertz, heißt es in den Medienberichten. Alibaba gab nicht bekannt, wo sein „in-house” entworfener Chip gefertigt wird.

Der Yitian 710 wird so oder so nicht kommerziell erhältlich sein, sondern ist allein für Alibabas eigene Rechenzentren bestimmt. Beim Cloud-Computing ist Alibaba in China Marktführer, mit einem Marktanteil von 33,8 Prozent im zweiten Quartal dieses Jahres, deutlich vor Tencent.

Cloud-Lösungen: Alibaba drittgrößter Anbieter nach Microsoft und Amazon

Im globalen Vergleich ist Alibaba derzeit der drittgrößte Anbieter von Cloud-Lösungen nach Amazon und Microsoft, schreibt das Marktforschungsinstitut Gartner. Durch die Entwicklung eines eigenen Serverchips erwerbe der Internet-Konzern nun eine bessere Kontrolle über die Rechenleistung und Energie-Effizienz seiner Datenzentren, sagen Experten.

Der neue Chip sei auch ein weiteres Zeichen für die „technologische Autarkie“ der chinesischen Nation, die Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping gefordert hatte, kommentierte die stark patriotische und parteinahe Zeitung Global Times in Peking. Seit die USA unter Donald damit begonnen hatten, chinesischen Technologiekonzernen den Zugang zu fortgeschrittenen Halbleitern zu verwehren, wird in China fieberhaft am Aufbau einer eigenen Halbleiter-Industrie gearbeitet.

Chinas Hightech-Konzerne kommen nicht an Hightech-Chips

Auch unter dem Trump-Nachfolger Joe Biden versucht Washington weiter, die chinesische Tech-Industrie zu torpedieren, indem sie etwa den Verkauf der stärksten Chips an chinesische Vorzeige-Konzerne wie Huawei verbietet.

Während solche Boykotte Teilerfolge vorweisen können - so ist etwas das Handy-Geschäft von Huawei so gut wie ruiniert worden - dürfte es sich bei diesem Technologie-Krieg langfristig um eines der größten Eigentore in der Geschichte der Industriepolitik handeln.

Denn Alibaba ist bei weitem nicht der einzige „Crossover-Player“ in China, der gerade mit gewaltigen Ausgaben in Forschung & Entwicklung den hauseigenen Einstieg in das Chipgeschäft beschleunigt. Auch der Suchmaschinen- und KI-Konzern Baidu, der „Wechat“- und Gaming-Konzern Tencent oder der global erfolgreiche Handy-Hersteller Xiaomi basteln an eigenen Halbleiter-Lösungen.

China setzt auf Entwicklung eigener Chip-Designs

Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung fördert als Antwort auf den von Washington gewählten Weg sämtliche Glieder der Halbleiter-Wertschöpfungskette – von der Forschung über Performance-Materialien, Design und Packaging bis hin zur kompletten Fertigung - mit noch höheren Milliardeninvestitionen als zuvor.

Die Fähigkeit zum Design so leistungsstarker Serverchips wie dem jetzt vorgestellten Yitian 710 von Alibaba ist aber auch für sich allein genommen, aus rein technologischer Perspektive, bemerkenswert. Alibabas Chip-Sparte Pingtouge – auf Englisch T-Head – stehe damit ab sofort mit auf der exklusiven Liste der besten Chip-Design-Unternehmen der Erde, kommentierten chinesische Medien – gleichauf mit illustren Namen wie Intel, AMD oder AWS.

Was die Fertigung solcher Chips im 5 Nanometer-Bereich betrifft, so könnte es hingegen noch eine längere Zeit dauern, bis sie ebenfalls von chinesischen Firmen gestemmt werden kann, denken viele Analysten.

Fest steht, dass Peking und seine heimischen Tech-Konzerne mit Nachdruck daran arbeiten, die dafür nötige Infrastruktur zu schaffen - und der Aufbau von Design-Kompetenz für fortgeschrittene Server-Chips wie den Yitian 710 von Alibaba zählt dazu.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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