Gewährleistung erschwindeln als Geschäftsmodell? Dem Garantie-Gauner auf der Spur

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Wenn IT-Verantwortliche defekte Festplatten, die sie bei Ebay oder anderen Quellen erworben haben, als Garantiefall ihres Arbeitgebers einreichen, ist der erschlichene Profit groß. Die Betrugsmasche verbietet sich moralisch und gesetzlich; außerdem: Eine Spezial-Software überführt die Garantie-Sünder.

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Ermittler von Corma rekonstruieren den Verlauf eines Garantiebetrugs.
Ermittler von Corma rekonstruieren den Verlauf eines Garantiebetrugs.
(Bild: Corma)

Die Masche ist nicht neu und hängt mit den weitreichenden Befugnissen von IT-Verantwortlichen in Rechenzentren oder großen Firmen zusammen. Spielarten des Betruges mit Garantie gibt es viele.

Bastian Moritz, Experte für Garantiebetrug der Ermittlungsagentur Corma, führt ein Beispiel aus, bei dem in einem Rechenzentrum eines Großkunden ein Mitarbeiter immer wieder neue Festplatten über Garantie ordert. Der IT-Manager schickt in diesem Betrugsszenario auch defekte Platten zurück, allerdings mit unkenntlichen Seriennummern. Diese hat er sich extern über Ebay besorgt.

Eingangskontrolle: „Correct“

Beim Eingang der Retouren beim Garantiegeber müssen die Artikel per Hand erfasst werden, weil die Nummer unkenntlich ist. Da es sich aber um zum Vorgang passende Festplatten handelt, fällt diese Eingangskontrolle als „Correct“ aus.

Damit fällt dieser Vorgang zunächst nicht auf. Erst die Betrachtung aller Retouren zu diesem Großkunden kann zeigen, dass hier eine auffällig große Anzahl an Festplatten eingesendet wurde.

Größenordnung

In einem Fall hat ein Mitarbeiter beispielsweise über knapp zwei Jahre lang auf diese Weise mehr als 600 Festplatten im Wert von je rund 400 Euro über Garantien erbeutet und so über 240.000 Euro Gewinn gemacht. In ähnlicher Weise gelangen Garantiebetrüger auch an neue PCs, Tablets, Server und Druckerteile.

Anleitung zum Betrug?

Als Gebrauchsanleitung für Garantiebetrug sollte man dieses Rechenbeispiel jedoch nicht verstehen. Drei bis fünf Prozent ihrer Einnahmen verlieren Unternehmen jährlich durch Betrug bei der Garantieabwicklung – neben der Automobilbranche sei „insbesondere die ITK-Branche zunehmend betroffen“, heißt es seitens der privaten Betrugsermittler.

Doch mit den Betrugsfällen steigt auch die Sensibilität der geprellten Garantiegeber für die Problematik. In ihrem Auftrag überführen Betrugsspezialisten wie die Corma mit Erfolg derlei Garantie-Gauner.

Algorithmen gegen Betrüger

Wenn Software-Algorithmen Muster in großen Datenmengen erkennen, kommen teilweise sehr erstaunliche Ergebnisse heraus. Das erfolgreiche Windel-Bier-Bundle in Kassennähe ist ein berühmt gewordenes Beispiel. Supermärkte bieten das Bundle für Väter, die sich nach einer Arbeitswoche schnell für das Wochenende eindecken.

Das ist nur ein Beispiel für die Ideen, die herauskommen, wenn Marketing stark mit Business Intelligence beziehungsweise Algorithmen.gekoppelt wird. Inzwischen leisten sie auch wertvolle Dienste in der Betrugsbekämpfung und helfen auch bei Garantiebetrug.

So setzen die Ermittler von Corma unter anderem eine Software ein, mit der große Mengen an Garantiedaten automatisch analysiert und nach ihrem Betrugspotenzial priorisiert werden. Anhand der ermittelten Daten kann das Team für die einzelnen Unternehmen Richtwerte festgelegen.

Automatische Meldungen

Auffälligkeiten werden so quasi automatisch gemeldet. Lässt sich ein Verdacht durch Beweise belegen, kann der Hersteller abwägen, ob er juristische Schritte einleitet oder lediglich eine Vertragsstrafen verhängt. Bei Vertragspartnern könne, so Moritz, eine Vertragsstrafe wirkungsvoller und schneller greifen als der Gang vor Gericht.

Delikte nehmen zu

Bastian Moritz ist Experte für Garantiebetrug bei den Ermittlern von Corma.
Bastian Moritz ist Experte für Garantiebetrug bei den Ermittlern von Corma.
(Bild: Korma)
Trotz neuer Aufklärungstechniken scheint sich die Garantiebetrugsproblematik zu verschärfen. Für Moritz liegt ein Grund der Zunahme dieser Delikte darin, dass „die Hersteller ihre Garantieleistungen seit Jahren ausbauen, sie aber zu einseitig auf Servicequalität und Kundenzufriedenheit prüfen.“

Ein weiterer Grund: Die Hersteller verlieren ihre Führungs- und Kontrollfunktion durch die Verlagerung der Garantie-Abwicklung an viele externe Partner, meist über viele Landesgrenzen. Potenzielle Täter können gleichermaßen Mitarbeiter des Endkunden, des Service-Partners, in der Qualifying-Abteilung des Call Centers, innerhalb der Logistik-Kette und auch des Herstellers selbst sein.

Internationale Ermittlungsarbeit

Das Problem des Garantiebetrugs muss also auf internationaler Ebene angegangen werden, denn die Verflechtungen wurden immer komplexer. „Oft geraten die Betrüger erst ins Blickfeld, wenn sie waghalsiger werden. Unseren Erfahrungen nach muss man aber davon ausgehen, dass ein Hersteller, der seine Garantieleistungen vollständig an externe Unternehmen verlagert, auch mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit Einbußen durch Betrug erleidet“, so Moritz.

Wenn das stimmt, sollte sich der Aufwand für Präventivmaßnahmen (siehe Kasten) recht schnell auszahlen.

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