Interview mit Hartwig Bazzanella, Verband Innovatives Rechenzentrum

Datacenter vor dem Software-definierten Wandel

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Bild: Karin Jung / Pixelio.de)

Noch ähneln Rechenzentren Mammuts mit reichlich Reserven für alle Fälle. Das wird sich ändern – unter dem Druck der Effizienzsteigerung und ihrer zunehmend von Software-Anforderungen bestimmten Auslegung. Dazu stellte sich Hartwig Bazzanella, vom Verband Innovatives Rechenzentrum (VIRZ) einem Interview.

Sicher muss man zwischen kleinen, mittelgroßen und großen RZs differenzieren. Aber gibt es übergreifende Trends?

Hartwig Bazzanella, Mitglied im Vorstand des Verbands Innovatives Rechenzentrum VIRZ
Hartwig Bazzanella, Mitglied im Vorstand des Verbands Innovatives Rechenzentrum VIRZ (Bild: H. Bazzanella)

Hartwig Bazzanella: Die Rechenzentren sind heute so dimensioniert, dass sie alles können - leider mit der Folge zu groß dimensionierter Kälte- und Elektroversorgung. Die Rechenzentren der Zukunft sind logischer Art, die verteilt irgendwo von einem Ort so orchestriert werden, dass sich der Anwendungszweck über die so verfügbaren Ressourcen realisieren lässt.

Dabei spielen die einzelnen RZs nicht mehr die eierlegende Wollmilchsau, sondern sind auf den jeweiligen Zweck optimal konzentriert. Zum Beispiel kann sich ein RZ optimal auf Big Data mit Hadoop konzentrieren und ein anderes auf SAP oder CRM etc.

In der Tat sind heutige RZs in der Regel auf jede Art von IT ausgelegt.

Hartwig Bazzanella: Derzeit gibt es die beschriebene Ausrichtung nicht, so dass viele Rechenzentren unter einer schwankenden Last betrieben werden. Davon merken die Betreiber noch nicht einmal etwas, weil nicht gemessen wird.

Hier ist es sinnvoll, die Kälte- und Elektroversorgung modular aufzubauen und von der IT zu steuern. Wenn zum Beispiel mehr Elektro- oder Kälteleistung gefordert wird, könnten zusätzliche USV- oder Kältemodule zugeschaltet werden. Die notwendigen Informationen – Sensoren gibt es genug – fließen bisher eher in den Bereich der Gebäudeleittechnik. Dass die IT Steuersignale an die GLT weiter gibt und somit ihre Infrastrukturumgebung steuert, gibt es so gut wie gar nicht, aber das wäre der entscheidende Vorteil in der RZ-Optimierung.

Von Effizienzsteigerung ist viel die Rede. Aber ist das bei den Anwendern wirklich ein Thema? Oder juckt es die nicht, weil es ein relativ gering erscheinender Kostenblock ist?

Hartwig Bazzanella: Bei den großen Playern ist dies tatsächlich nicht das wichtigste Thema, weil die installierte und lizenzierte Software ein Vielfaches teurer ist als die Betriebskosten einer RZ-Infrastruktur. Grundsätzlich ist die Effizienzsteigerung aber ein Punkt, den die meisten RZ-Betreiber sehr wohl beachten. Übrigens hilft hier die EN 50600, die jetzt eine klare Vorgabe zur Definition von PUE sowie der Bewertung der KPIs herausgegeben hat.

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Ist die Wirkung von Investitionen in effizientere Kühltechnik und USV-Anlagen begrenzt, weil diese Ansätze in Wirklichkeit zu kurz greifen?

Hartwig Bazzanella: Natürlich lohnen sich solche Investitionen. Es reicht jedoch nicht, einzelne Systeme effizient zu gestalten, sondern man muss das gesamte System im Blick haben. Messung in den IT-Komponenten sind aber erst dann richtig sinnvoll, wenn die Informationen zur flexiblen Auslegung für Kälte- und Stromversorgung dienen.

Wie kann man sich den Wirkungszusammenhang vorstellen?

Hartwig Bazzanella: Sobald zum Beispiel ein Sensor im Rauchansaugsystem Alarm schlägt, sollte möglichst bald eine Stromabschaltung passieren. Einfach Server abzuschalten geht aber gar nicht. Und genau da liegt das Problem: Was muss in welcher Reihenfolge geschehen? Zum Beispiel erst Datensicherung der Anwendung x, dann gezieltes Herunterfahren dieser Anwendung, Sicherung der abhängigen Anwendung y und dann Herunterfahren der Anwendung z … und dann erst die Abschaltung der Stromversorgung.

Das ist ein Worst-Case-Szenario...

Hartwig Bazzanella: ...aber der richtige Ansatz. Man sollte nicht darüber reden, wie ein Rechenzentrum gebaut und ausgestattet wird, sondern den umgekehrten Weg denken. Zuerst muss geklärt sein, wie sich nach einem Ausfall das Gesamtsystem wieder hochfahren lässt. Danach können alle Aspekte geplant werden, die für ein sicheres RZ nötig sind.

Was bringt die EN 50600, außer dass sie einige andere Normen obsolet macht und europaweit Vergleichbarkeit von Service-RZs schafft?

Hartwig Bazzanella: Die EN 50600 hat neben vielen anderen Aspekten die Frage nach der Kritikalität der Anwendungen aufgegriffen. Auf Basis der Kritikalität müssen die Anwendungen einer Risikoklasse 1 bis 4 zugeordnet werden. Das ist dann die Grundlage, um alle Anwendungen mit der durch die EN50600 vordefinierten Systemarchitektur zu betreiben.

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Sind sich die RZ-Betreiber der Bedeutung von Risikobewertungen bewusst? Liegt das Problem nicht darin, dass IT vom Management als notwendiges Übel wahrgenommen wird, es zwar CIOs gibt, die aber eigentlich nicht zu den Chiefs im Management gehören?

Hartwig Bazzanella: Das ist leider wahr. Es ist in den meisten Fällen so, dass die Geschäftsführung kaum weiß, was in der IT passiert. Und das ist der Bewertung der tatsächlichen Situation nicht unbedingt förderlich. Man muss die Geschäftsführung – mit Ausnahmen – schon sehr deutlich darauf hinweisen, dass sie bestimmte Probleme bekommen werden, wenn dies oder jenes passiert.

Es ist oft so, dass den Verantwortlichen auch nach intensiven Gesprächen noch nicht wirklich klar ist, was die Risiken sind. Wenn aber dann solch ein Problem tatsächlich auftritt, heißt es: Sie hätten mich viel eindringlicher warnen müssen.

Was macht man dagegen?

Hartwig Bazzanella: Wir bei der NCB GmbH, aber auch die Mitglieder im Verband Innovatives Rechenzentrum e.V. (VIRZ), gehen grundsätzlich gemäß der EN 50600 vor und definieren zuerst die Kritikalität der Anwendungen. Wenn die Geschäftsführung eine Applikation als unternehmenskritisch einstuft, fällt diese in die Risiko-Klasse 4.

Das heißt: Sie muss hochverfügbar sein, und systemtechnisch entsprechend umgesetzt werden. Wenn das nicht realisiert wird, fordern wir, dass diese Entscheidung dokumentiert wird.

Zur Software: Sind Automatisierung in der Administration, Virtualisierung, Container und Opern-Source-Einsatz genug, um Kosten zu sparen?

Hartwig Bazzanella: Es geht sicher darum, Kosten zu sparen. Viel wichtiger ist es aber, eine optimale Service-orientierte Anpassung an die Kundenwünsche zu gewährleisten. Dabei besteht der entscheidende Hebel darin, Microservices aus verschiedenen Orten und Quellen zusammenzufassen. Dafür und für die Automatisierung der Prozesse schafft beispielsweise das Software Defined Datacenter mit einer der möglichen Realisierungsmöglichkeiten wie OpenStack die Grundlagen.

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Gibt es bei der RZ-Entwicklung einen Trend zur Größe oder eher zu Modularisierung und Dezentralisierung?

Hartwig Bazzanella: Ich erwarte Rechenzentren mit Schwerpunkt auf bestimmte Kernthemen und einer Orchestrierung, die diese Datacenter mittels einer logischen Orchestrierung für einen bestimmten Zeitraum auf genau eine Kundenanforderung konzentriert. Das lässt sich sehr gut mit Mikrorechenzentren und Kubernetes machen.

In vielen Nachrichten zu neuen Rechenzentren fällt auf, dass die Nähe zum Internet-Knoten eine bedeutende Rolle spielte. Vor allem Frankfurt könnte dadurch zur RZ-Boom-Region werden. Ist die Beobachtung richtig, und was sollte daraus folgen?

Ja, derzeit ist das leider der Trend. Doch die RZs der Zukunft sind unserer Meinung nach logische Rechenzentren, nicht unbedingt Mammut-RZs.

Geben die RZ-Trends Service-Providern Anlass zu Optimismus? Unter welchen Voraussetzungen auf deren Seite?

Hartwig Bazzanella: Bei Dienstleistungs-RZs sehe ich Grund zu Optimismus. Sie können Microservices aus unterschiedlichen Quellen sammeln, zu neuen Services zusammenstellen und anbieten. Den Rahmen dazu liefert OpenStack. Die Dienstleister müssen sich diese Technik schnell aneignen, damit sie so schnell Services für dauernd neue Kundenanforderungen liefern können. Das wird ein ganz großer Markt werden.

Zum Schluss noch ein Zukunftsthema: Wie steht es mit Gleichstrom-Datacenter? Welche Aussichten hat Gleichstrom im Rechenzentrum?

Hartwig Bazzanella: Diese Technik ist aus unserer Sicht eine zukunftsfähige Lösung. Das neue Rechenzentrum der Firma Bachmann in Stuttgart Vaihingen ist beispielhaft (siehe: „Ein exemplarisches Rechenzentrum bei Bachmann in Stuttgart Vaihingen Gleichstrom spart fünf bis zehn Prozent Energie“)

Speziell in kritischen Umgebungen, zum Beispiel in Krankenhäusern, wo die Stromversorgung von der Erdung entkoppelt sein muss, hat diese Lösung sehr viele Vorteile, da eine Ausführung als isoliertes und fehlertolerantes IT-Netz möglich ist. Allerdings ist dies eine Technik, die neu ist und von den normalen RZ-Planern so nicht unterstützt wird. Gleichstrom-RZs sind noch ein sehr junges Thema, aber für zukünftige RZ-Planungen absolut sinnvoll.

* Das Interview führte Ludger Schmitz, freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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