Besuch bei Verne Global Das Rechenzentrum in Feuer und Eis

Autor: Ulrike Ostler

Wer über den Co-Locator Verne Global berichtet, spricht über Strompreise, dunkle Tage, helle Nächte, grüne Energie, Wirtschaftsförderung, den Patriot Act, Feuer und Eis; denn das Rechenzentrum befindet sich auf Island, inmitten seismischer Aktivitäten. Kunden aus Europa und USA lagern hierhin ihre IT aus, in Tier-III-, -IV- sowie 99,99-Prozent-Verfügbarkeits-Tier-I-Datacenter. Neugierig?

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Jorge Balcells, der technische Director von Verne Global, lädt zum Besuch des Rechenzentrums ein.
Jorge Balcells, der technische Director von Verne Global, lädt zum Besuch des Rechenzentrums ein.
(Bild: Ulrike Ostler)

Es vergeht kein Tag, an dem in Island keine Erschütterungen im Boden gemessen werden, denn das rund 103.125 Quadratkilometer große Eiland, 300 Kilometer von Grönland und 1.000 Kilometer von Norwegen entfernt, liegt auf einer sehr aktiven tektonischen Spalte, die die eurasische Kontinentalplatte von der amerikanischen trennt, und die Insel durch Auseinanderdriften pro Jahr einige Zentimeter wachsen lässt.

Trotzdem wackelt im Rechenzentrum nichts, versichert Jorge Balcells, Director of Technical Services bei Verne Global. Der rund 178.000 Quadratmeter große Rechenzentrums-Campus auf dem Gelände der ehemaligen NATO-Basis nahe Reykjavik, befindet sich auf einem massiven Felsen, der quasi in dem ihn umgebenden Zitterboden schwimmt. Umgeben ist das Areal von rot-schwarzem Tuffgestein, auf dem maximal gräuliches Moos wächst.

Balcells ist Fragen nach Vulkanausbrüchen, zischenden Geysiren, Gletschern, Wetter und sonstigen Lebensbedingungen in Island gewohnt: „Jeder Kunde, dem wir unsere Anlagen zeigen“, fragt nach den Standortbedingungen.

Der grüne Strom

Tatsächlich hat die Vermarktung von Rechenzentrumskapazität und der Ansiedlung von Datacenter viel mit diesen Bedingungen zu tun. Zum Beispiel ist die Energie für die Beheizung und für die Stromerzeugung komplett „grün“, und zwar nicht ausschließlich für das eine Rechenzentrum, sondern für alle Haushalte der rund 330.000 Inselbewohner, die öffentlichen Einrichtungen und die Industrieansiedlungen. Alle Gebäude werden mit Fernwärme versorgt, auch Verne Global.

Das Rechenzentrum in Feuer und Eis
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Der Strom wird zu rund zwei Dritteln aus Wasserkraft gewonnen und zu einem Drittel aus heißen Quellen beziehungsweise Wasserdampf. Das Wasser stammt zum Großteil von den Abflüssen der Gletscher. Da Island zu elf Prozent mit Gletschern bedeckt ist, darunter mit rund 8.399 Quadratkilometern der größte Europas, Vatnajökull, scheint diese Ressource fast unerschöpflich. Doch in Island „experimentieren“ die Stromversorger auch mit Windkraft, erläutert Rikardur Rikardsson, Director of Business Development des Energie-Erzeugers Landsvirkjun.

Fast in Sichtweite von Verne Global: das Geothermiekraftwerk Svartsengi.
Fast in Sichtweite von Verne Global: das Geothermiekraftwerk Svartsengi.
(Bild: Ulrike Ostler)

BMW beispielsweise, das bereits 2013 zehn seiner HPC-Cluster - jährlicher Energieverbrauch von 6,31 Gigawatt pro Stunde - von den Standorten in Deutschland in das emissionsfrei arbeitende Rechenzentrum verlegte, konnte allein dadurch seinen jährlichen Kohlendioxidausstoß um 3.570 Tonnen reduzieren.

Die Strompreisentwicklung

Der Stromerzeuger, der zu 72 Prozent in staatlicher Hand liegt, liefert nicht nur Verne Global den Strom, sondern tritt auch als Partner des Rechenzentrumsbetreibers auf. Die Wege in Island scheinen eben kurz, die Verflechtungen groß und der Strom ist nicht nur grün, sondern auch günstig.

So kann Landsvirkjun, das als Kunden lediglich industrielle Abnehmer hat und 75 Prozent des isländischen Stroms erzeugt, derzeit Zwölf- und gar 15-Jahres-Verträge anbieten, die garantieren, dass der jetzige Preis über diesen langen Zeitraum erhalten bleibt. Rikardsson erläutert, dass zwar die Gewinnung den Kosten in Europa entspreche, die nur zu einem Bruchteil ausgeschöpften Quellen aber den Verkauf zu einem sensationell niedrigen Preis erlaube. Schließlich entfallen alle verdeckten Kosten, etwa Abgaben auf die Belastung durch Kohlendioxyd.

Sein Arbeitgeber wirbt bei dieser Vertragslaufzeit mit 43 Dollar pro Megawatt-Stunde. BMW hat seine Energiekosten für den Betrieb der HPC-Applikationen jedenfalls schon im ersten Anlauf der Auslagerung um bis zu 82 Prozent reduziert.

Beste Qualität, auch in Tier I

Darüber hinaus ist, anders als so mancher bei grüner Energie erwartet, die Stromversorgung außerordentlich stabil. Im Vergleich Deutschland, USA, Schweden, Norwegen, Island steht seit 2013 nur Norwegen etwas besser da. In Deutschland sinkt stattdessen die Qualität seit 2010 und liegt damit niedriger als die in den Vergleichsländern.

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Die gleichbleibend gute Versorgung erlaubt Verne Global Tier-I-Kapazität aufzubauen, obwohl es für diese jeweils 1.800 Quadratmeter großen Rechnerräume weder USV-Anlagen noch Notfallgeneratoren gibt, eine Verfügbarkeit von 99,99 Prozent anzubieten. Das Failover ist per Software gesteuert. Die Innenwände sind in Leichtbauweise aus feuerfesten Materialien entstanden. Die Raumhöhe beträgt rund vier Meter, die Kühlung erfolgt direkt per Frischluft.

In einem der Tier-I-Räume von Verne Global.
In einem der Tier-I-Räume von Verne Global.
(Bild: Ulrike Ostler)

Das erlaubt den Betrieb von Racks, die bis zu 5 Kilowatt aufnehmen können. Allerdings werden diese anders als gewohnt montiert: quasi zu Seite gekippt, so dass die Rechner, Platten und Netzwerkkarten wie in Bücherregalen angeordnet sind. Der technische Direktor bei Verne Global Balcells betont, wie stolz er und sein ganzes Team auf dieses Angebot an die Kunden ist: „ Keiner sonst hat das“, sagt er. „Wir fordern die Kunden auf, darüber nachzudenken, ob tatsächlich jede Anwendung und alle Daten gleichermaßen kritisch sind, so dass sie in ein Tier-IV- oder Tier-III-Rechenzentrum müssen.“

Freie Wahl zwischen den Verfügbarkeits- und Sicherheitssstufen

Wählen die Kunden die Tier-I-Alternative von Verne Global, kommt sie das auf jeden Fall noch einmal günstiger. „Konservativ geschätzt“, so Balcells, „entsprechen die Einsparungen 30 - 35 Prozent.“

So wundert es nicht, dass die zwei Tier-I-Rechenräume gut gefüllt sind: Der erste Raum mit 30 x 60 Metern, seit rund einem Jahr in Betrieb, ist komplett ausgelastet, der zweite, seit Mai dieses Jahres live, etwa zur Hälfte. Da das Konzept derart erfolgreich ist, baut Verne Global weitere Tier-I und Tier-II-Rechenzentren auf. Sie sind fast fertig. „Wir fragen unsere Kunden: Was willst du haben? Was willst du zahlen? Und wir können ihnen jede Verfügbarkeitsklasse, sogar im Mix, anbieten. Ich habe noch kein anderes Datacenter gesehen, dass das kann“, sagt Balcells.

Das Rechenzentrum leitet seine Bezeichnung von Jules Vernesab, der den Fatasie-Roman "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" schrieb. Die Vorlage wurde zuletzt 2008 in Island verfilmt.
Das Rechenzentrum leitet seine Bezeichnung von Jules Vernesab, der den Fatasie-Roman "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" schrieb. Die Vorlage wurde zuletzt 2008 in Island verfilmt.
(Bild: Verne Global)

Doch auch die Co-Location-Flächen mit einer Tier-III- und Tier-IV-Einstufung sind durchaus ungewöhnlich. Die Einrichtung in jeweils 400-Quadratmeter-Einheiten stammt von Colt. Die mit „ftec“ bezeichneten Rechenzentrums-Bauteile wurden in Nordengland hergestellt, bei der Erweiterung im Mai 2013 zum Beispiel mit dem Schiff nach Island transportiert und vor Ort aufgebaut. In Betrieb genommen wurde die erste Anlage im dritten Quartal desselben Jahres.

Der Temperaturfaktor

Fällt hier der Strom aus, kann Verne Global auf ein eigenes Umspannwerk beziehungsweise eigene Generatoren auf dem Gelände zurückgreifen. Ansonsten verfügen die Einrichtungen, auch im Tier-I- und -II-Bereich über Stromanschlüsse aus verschiedenen Richtungen von unterschiedlichen Anbietern. Die Kühlung basiert auf Freiluft- und indirekter Frischluftkühlung. „In den vergangenen Jahren haben wir nur Stunden mit zusätzlicher generierter Kälte gearbeitet“, so Balcells.

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Auch hier profitiert Verne Global von den isländischen Gegebenheiten. Obwohl die Insel knapp unter dem Polarkreis liegt, sinken die Temperaturen selten auf zweistellige Minusgrade. Im Winter liegt in dieser Gegend nur wenig Schnee und es bleibt zumeist bei Temperaturen rund um den Nullpunkt.

Im Sommer hingegen klettern die Anzeigen auf den Thermometern selbst im Juni und Juli selten über 25 Grad. Schuld daran ist der Golfstrom, der die Insel umfließt. Bemerkenswert ist jedoch der kräftige Wind, der im Fall eines Vulkanausbruchs, wie beim Eyjafjallajökull 2010, die lästige und giftige Asche weg von dem Verne-Global-Gelände blasen würde, da dieses recht nah am Meer liegt.

Kommunikation nach Europa und in die USA

Neben den Sicherheitsvorkehrungen, die insbesondere durch jede Menge Kameras und Sensoren, Schlösser und Sicherheitspersonal auffallen, fällt bei den potenziellen Kunden auf die Anbindung an die Kommunikationsnetze ins Gewicht. „Anbieterneutralität“ heißt das Stichwort. Um es gleich zu sagen: Damit kann Island und somit Verne Global (noch) nicht dienen, die Vielfalt hält sich in Grenzen. . Man bemühe sich jedoch, weitere Carrier ins Land zu holen, heißt es vage etwa von Einer Hansen Tómasson, bei der Werbeagentur Promote Iceland zuständig für Foreign Direct Investment.

Kurzinfo zu Verne Global
Kurzinfo zu Verne Global
(Bild: Verne Global)

Fast noch wichtiger sind die Unterseekabel, die Island mit der Welt verbinden: Farice ist der dortige Anbieter, die drei modernsten Unterseekabel landen in den Rechenzentren von Verne Global. „Farice 1“, von Osten kommend und seit 2014 mit einer Kapazität von 720 Gigabit pro Sekunde aktiv, erhielt im August vor zwei Jahren ein Upgrade auf 8.000 Gigabit pro Sekunde.

Es verband zunächst Torshavn mit Reykjavík und später auch London. Im September 2009 nahm Farice das zweite Highspeed-Kabel in Betrieb: Danice. Dieses stößt vom Westen auf die Insel, führt nach Kopenhagen und Amsterdam.

Carrier und Provider

Noch während der Bauarbeiten begannen die Arbeiten am dritten Kabel: “Greenland Connect”, es verbindet Island, Grönland und Neuschottland, eine kanadische Provinz. Besitzer ist nicht Farice, sondern Tele Greenland, nutzt aber denselben Endpunkt wie Danice.

Zudem hat im März dieses Jahres Epsilon, ein globaler Anbieter von Kommunikationsdienstleistungen in privater Hand, Farice eine ausgelagerte Netzwerklösung geliefert, über die sich Kunden aus 170 Ländern mittels der Seekabelinfrastruktur von Farice mit Verne Global verbinden können. Epsilon aber unterhält rund 500 Carrier-Beziehungen. Mit existierenden Points of Presences (PoPs) in London und Frankfurt kommen der Partnerschaft zwischen Farice und Epsilon, die weltweit mehr als 500 Carrier-Beziehungen von Epsilon zugute.

Die Latenzen

Doch wie lange dauert nun eine Transaktion zwischen Island und München beispielsweise? Verne Global hat jüngst ein Whitepaper erstellt, in dem das Unternehmen auf 20 Millisekunden Latenz kommt, die auf die Entfernungen London und Paris zu Verne Global sowie 41 Millisekunden von New York aus. Im Vergleich dazu beträgt die Latenz zwischen New York und Luela, wo Facebook sein erstes außeramerikanisches Rechenzentrum gebaut hat, 52,5 Sekunden, zwischen London und Luela 18,7 Sekunden.

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„Wir machen uns nichts vor“, sagt Verne-Global-Manager Balcells, „unsere Kunden werden kaum jemals ihre kompletten Rechenzentren an uns auslagern.“ Für den Betrieb zeitkritischer Systeme sei die Verzögerung schlichtweg zu groß.“

Aber um kostengünstig Backup-Ressourcen aufzubauen, oder zeitlich unkritische Infrastruktur in kostengünstigere Regionen zu verlagern, biete sich Verne Global an. „Schauen Sie sich Unternehmen wie Facebook an: Die verteilen ihre Ressourcen bewusst weltweit in verschiedenen Zonen, um bei Produktionsausfall an einem Standort auf andere Ressourcen zuverlässig zugreifen zu können. Das sollte Vorbildfunktion haben.“

Island ist für seine Gletscher, Geysire, den Fisch- und Walfang sowie die Ponys berühmt. Doch für einen Besuch aus Deutschland braucht es einen gültigen Personalausweis und rund 3,5 Stunden Flugzeit.
Island ist für seine Gletscher, Geysire, den Fisch- und Walfang sowie die Ponys berühmt. Doch für einen Besuch aus Deutschland braucht es einen gültigen Personalausweis und rund 3,5 Stunden Flugzeit.
(Bild: Ulrike Ostler)

Daten in Sicherheit

Ein wesentlicher Punkt sei für die meisten Kunden außerdem, dass Island zwar kein EU-Mitglied sei, die europäischen Gesetze für den Datenschutz jedoch adaptiere. Unter anderem sei Island nicht an den Patriot Act gebunden, der für amerikanische Betreiber gelte. Selbst wenn US-Firmen also Verne-Global-Raum nutzen, überquerten die Kundendaten nicht die amerikanische Grenze (mehr zu Datenschutz, Datensicherheit und Compliance, siehe Download-Link unten).

Überhaupt sei Island „freundlich, friedvoll und sicher“, sagt Tómasson, der Promote-Iceland-Manager. „Nicht zuletzt spielt es eine große Rolle, wie man in einem Gastland willkommen geheißen wird.“ Darüber hinaus können sämtliche an der Rechenzentrumsansiedlung Beteiligte – Verne Global, Kraftwerk, Kraftwerksbetreiber und Werbeagentur – Zahlen beibringen, welche monetären Vorteile ein Datacenter in Island letztlich bringt.

Die Gesamtkosten in zehn Jahren

Zum Beispiel steuert das Beratungsunternehmen Broad Group eine TCO-Betrachtung über zehn Jahre bei (siehe: Abbildung 30 der Bildergalerie) Bei einer angenommenen Größe von 400 Racks, bei dem jeder selbst bestückte Server-Schrank 3 Kilowatt aufnimmt, sich der Standort an zentrale Stelle in einer Stadt befindet, die Energiekosten rund 40 Prozent der Betriebskosten ausmachen, schneidet ein Rechenzentrum in Deutschland am schlechtesten ab, eines in Island am besten.

Weitere Parameter im Ländervergleich von Deutschland, Island, Finnland, Irland, Schweden, Großbritannien und Virginia (USA) waren ein 6-Prozent-Anteil der Telekom-Gebühren an den Unterhaltungskosten inklusive internationale Verbindungen (nach London beziehungsweise New York). Ausgeschlossen waren Steuern, Inflation und Währungsrisiken.

Diese sollen nicht nur potenzielle Verne-Global-Kunden überzeugen, sondern auch potenzielle Investoren, die Rechenzentren in nordischen Ländern in Erwägung ziehen. Da dürfte es schmerzen, wenn Microsoft sich vor kurzem schlussendlich für einen Standort in Dänemark entschieden hat.

Bedeutsame Gesetzesänderungen

Die Reaktion des isländischen Parlaments folgte umgehend. Am 29 Juni 2015 beschloss die Regierung eine Reihe von Gesetzesänderungen, die vor allem mit steuerlichen Vorteilen, die Investitionen ankurbeln sollen: „Lög um ívilnanir til nýfárfestinga á ĺslandi“ (bisher nur ins isländischer Sprache verfügbar; die englische Übersetzung ist in Arbeit).

Hier im Nationalpark Pingvellir wurde vor über 1.000 Jahren die erste Alpingiversammlung abgehalten, eine Art Parlamentssitzung.
Hier im Nationalpark Pingvellir wurde vor über 1.000 Jahren die erste Alpingiversammlung abgehalten, eine Art Parlamentssitzung.
(Bild: Ulrike Ostler)

Sie betreffen alle Ansiedlungen, nicht nur Rechenzentren. So gibt es etwa bei der Grund(erwerbs)steuer einen Nachlass von bis zu 50 Prozent. Die Sozialabgaben sinken auf 15 Prozent und die Gewerbesteuer von 20 auf 15 Prozent (Angaben ohne Gewähr).

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Über den Autor

 Ulrike Ostler

Ulrike Ostler

Chefredakteurin Datacenter-Insider, Vogel IT-Medien GmbH/ DataCenter-Insider