NL-IX sammelt Branche bei Neutral Peering Days 2018

Das Interconnect-Geschäft wandelt sich

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Die Bilanz der zweitägigen Neutral Peering Days 2018: 22 Sponsoren, 34 Sprecher, 450 Besucher.
Die Bilanz der zweitägigen Neutral Peering Days 2018: 22 Sponsoren, 34 Sprecher, 450 Besucher. (Bild: NL-ix)

Die von NL-IX in Den Haag ausgerichteten „Neutral Peering Days 2018“ thematisierten Wandel und Herausforderungen der Interconnection-Branche – und das nicht nur mit einem zusätzlichen Vortrags-Track zum Trendthema „Digitale Transformation“.

Am 13. und 14. September 2018 lud der zum niederländischen TK-Anbieter KPN gehörende Internetknoten NL-IX zu den Neutral Peering Days nach Den Haag. Der Name der Veranstaltung war dabei durchaus Programm – unter den 22 Sponsoren der Konferenz befanden sich auch Mitbewerber, wie Equinix oder Interxion. Und die sorgten während der Veranstaltung für überhaupt kein böses Blut, sondern diskutierten vor 450 Besuchern konstruktiv über den Wandel der Branche.

Trafficverteilung neu gemischt

Jan Hoogenboom stellte diesen Umbruch gar als Krise dar. Deren Begleitumstände präsentierte der NL-IX-CEO im Rahmen eines Impulsvortrages für eine folgende Panel-Diskussion am ersten Veranstaltungstag. Demnach konzentriere sich der Traffic zunehmend: Verteilten sich vor zehn Jahren noch 80 Prozent der Daten im Metro-Bereich auf 800 Netze, sei die Zahl mittlerweile auf acht Netze gesunken.

In Summe werden zwar immer mehr Bits und Bytes übertragen; der relative Anteil des klassischen Peering sinke jedoch, während Caching und Private Networking Interconnects (PNI) zulegen. Transitverkehre entwickelten sich zudem auch preislich zu einer praktikablen Alternative für Peering: Waren Transits in der Vergangenheit bis zu 100 mal teurer als Peering, koste letzteres bei den etablierten Anbietern mittlerweile mehr.

Von eben jenem Establishment versuchten sich die Vertreter des 2001 gegründeten NL-IX übrigens immer wieder abzugrenzen und arbeiteten offensichtlich am Selbstbild eines kleinen, effizienten Anbieters. Statt Geld mit großen Büros, teuren Business-Class-Flügen oder unnötig viel Personal zu verbrennen, wolle man sich lieber auf Kosten und Performance konzentrieren.

Dabei beließen es die Gastgeber in Den Haag nicht bei leeren Worten, sondern kokettierten auch mit einem gewissen Start-up-Geist: CEO Hoogenboom trat im T-Shirt vors Publikum und gestaltete seine Wortbeiträge erfreulich kurz und knackig; geladene Gäste durften sich beim familiären Barbecue zum Ausklang der Peering Days davon überzeugen, dass der unscheinbar in der Laan Copes von Cattenburch 73 gelegene Firmensitz tatsächlich nicht übertrieben luxuriös wirkt.

In genau jenem Verzicht auf Luxus erkennt der Anbieter dann auch eine Chance im Kampf um Marktanteile. Mit einer „Hyper Cost Effectiveness“ könne man mit PNI, Caches im Netz sowie Transit um 80 Prozent des Traffic-Marktes konkurrieren (Access und Content Networks); die restlichen 20 Prozent gesteht Hoogenboom unflexiblen Nischenanbietern zu.

NL-IX fokussiert sich dabei auf möglichst rentable Standorte und hat erst vor kurzem angekündigt, neun Prozent seiner Points of Presence (PoP) zu schließen. Ziel sei es, an jedem Standort zu den zwei größten Anbietern zu gehören.

Zielgruppe: Unternehmen sollen ISP werden

Zudem will NL-IX Unternehmen offenbar davon überzeugen, selbst als Service Provider aufzutreten. Aus Sicht des CTO Jan Paul wäre dies eine konsequente, zuverlässige und kostengünstigere Alternative zur Buchung direkter Verbindungen zu Cloud-Anbietern. Sicher sei dieser Ansatz auch, denn Organisationen könnten somit in Eigenregie DDoS-Attacken aus bestimmten Regionen abwehren.

Unternehmen müssten hierfür freilich eine Autonomous System Number (ASN) beantragen und sich um das BGP-Setup kümmern. Allerdings entwickelt der Internetknoten hierfür auch Hilfestellungen und stellt auf Github etwa ein Framework für die Konfiguration von „Bird“ Route-Servern bereit.

Hackathon-Teilnehmer wehren DDoS ab

Für Service Provider jeder Art aufschlussreich dürften die Ergebnisse des während der Konferenz veranstalteten Hackthons gewesen sein. Gesucht wurden dabei Ansätze, um DDoS-Attacken abzuwehren. Mitbringen mussten die Teilnehmer der vier antretenden Teams hierfür lediglich ihre klugen Köpfe und Laptops, die Veranstalter stellten vier virtuelle Maschinen sowie zwei Router vom Sponsor Juniper Networks zur Verfügung und installierten eigens einen ausschließlich für den Wettbewerb gedachten ISP.

Betreut wurde der Hackathon vom zuvor bereits erwähnten Jan Paul sowie dem Vorjahressieger Jair Santanna, einem Assistant Professor an der University of Twente. Dessen DDoSDB lieferte zugleich ein wesentliches Werkzeug für die Hacker – die online verfügbaren Datenbank stellt anonymisierte Fingerprints und Sample-Daten bereits bekannter Angriffe zur Verfügung.

Als Sieger setzte sich nach anderthalb Tagen schließlich das Team des IT-Infrastrukturexperten Serverius durch: Mit einem defensiven Layer-7-Tool, das Web-Anwendungen vor Angriffen schützt. Hierfür priorisierten die Entwickler eingehende Anfragen, und stellten Requests von all zu aktiven Quellen einfachen hinten an.

Vortrags-Track von technisch bis philosophisch

Die Gewinner wurden gleich auf dem Security-Track des zweiten Veranstaltungstags gekürt. Ähnlich technisch tiefgreifendere Erkenntnisse lieferte auch der teils parallel dazu abgehaltene Vortragsreihe zum Thema „Peering Tech“. Hier bot etwa Thomas Weible vom Anbieter Flexoptix eine Einführung in PAM4 (Pulse Amplitude Modulation) und die kommenden 400G-Transceiver. Ulrich Schlegel von Adva Optical beschäftigte sich derweil mit „The ins and outs of Quantum Encryption“.

Tags zuvor standen die Vorträge unter den großen Themenfeldern „Peering & Interconnect“ sowie „The Digital Transformation“ und erreichten teils philosophische Züge. So erläuterte der Berater David Linssen von Kirk & Blackbeard, warum die digitale Tranformation weniger von Technik getrieben wird als von Menschen und der kreativen Kultur innerhalb von Unternehmen.

Zusätzlich zu den fest gebuchten Sprechern durften übrigens alle anwesenden „Peering Personals“ spontan eine wortwörtlich gemeinte Minute Bühnenzeit beantragen, um sich respektive ihr Unternehmen vorzustellen.

Die Peering Days sind tot, es lebe die Interconnection

Im kommenden Jahr will NL-IX erneut zur Konferenz laden. Dem Wandel der Branche geschuldet wird diese dann aber nicht mehr das Peering im Namen tragen, sondern als Neutral Interconnect Days daherkommen.

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