„Da finden wir noch ein Plätzchen“

CIOs und IT, ab in die Besenkammer!

| Autor: Ulrike Ostler

Interviewpartner Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH, hat eine klare Vorstellung davon, was einen CIO heute kennzeichnet und welche Rolle er übernehmen sollte.
Interviewpartner Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH, hat eine klare Vorstellung davon, was einen CIO heute kennzeichnet und welche Rolle er übernehmen sollte. (Bild: IBM)

Es ist keine Frage, ob Industrie 4.0 stattfindet, sondern die, was aus der jetzigen IT und den CIOs wird. Denn kommt es zum Streit um die richtige IT im Unternehmen und Business-Lenker müssen zwischen Engineering, Produktion und der Enterprise-IT entscheiden, gewinnt … , jawohl, nicht der CIO. Welche Wahl hat also der kluge IT-Chef? Friedrich Vollmar, IBM, setzt sich mit der Frage auseinander.

Es ist kein allzu positives Bild, das Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales und Solutions bei der IBM Deutschland GmbH, von den Chief Information Officer, CIOs, beziehungsweise jetzigen IT-Leitern zeichnet. „Kleine Diktatoren“ seien sie, „autokratisch“ und fixiert auf eine IT, die sich in Verwaltung, Gehaltabrechnung und ERP-Systemen erschöpft, und die Nutzer auch schon einmal deus ex machina mit dem kompletten Austausch eines Mail-Systems über Nach drangsaliert und Änderungen aus Sicherheitsbedenken blockiert.

Vollmar, der hier klar Position bezieht, ist seit Anfang 2000 in der IBM Software Group als Bereichsleiter für ein Team im technischen Vertrieb zuständig. Er vertritt IBM im Bitkom , leitet den Arbeitskreis Software und ist einer der Mitautoren des im Internet veröffentlichten Bitkom SOA-Leitfadens www.soa-know-how.de .

Vor allem aber begleitet er aktiv die Industrie-4.0-Initiativen, zuerst als Mitglied des Lenkungskreises der Plattform Industrie 4.0.und Leiter der AG2 Referenzarchitektur und Standards in der Plattform, seit 2015 unter anderem als Mitglied der neuen Plattform Industrie 4.0 . Seit Anfang 2014 verantwortet er zusätzlich das Industrie 4.0 Team der IBM Deutschland.

Wie nah ist uns die Umsetzung der Vision von Industrie 4.0 schon?

Friedrich Vollmar: Legen Sie heute ein Laptop in ein beliebiges Auto, macht die darin enthaltene Informationstechnik nur noch einen Bruchteil dieser Umgebung aus. Im Fahrzeug selbst steckt das 20 bis 30fache an Leitung. Rund die Hälfte der Maschinenentwicklung ist reine Software-Entwicklung. Zudem rechne ich damit dass selbstfahrende Autos und Lastwagen eine Zulassung für das deutsche Straßennetz erhalten. Schon jetzt fährt ein Daimler-Truck in Nevada. Der LKW-Fahrer werden nur noch über die Aktionen des Fahrzeugs und Zustände der Komponenten wie Reifen und Bremsen informiert.
Auch heute schon entsteht ein Fahrzeug, ein Flugzeug erst einmal und ausschließlich im Computer. Erst wenn hier die Entwicklung und die Tests zufriedenstellend ausfallen, wird Gummi geformt und Blech gebogen. Erst vor kurzem hat ein 3D-Drucker eine Flugzeug-Turbine ausgespuckt – ein Teil, das extrem belastbar und lange halten muss.

IoT, Industrie 4.0 und 3D-Druck – der Zusammenhang revolutioniert unter anderem die Logistik, die Beschaffung. Doch noch ist vergleichsweise wenig über diese Zusammenhänge zu lesen. Noch stehen eher der talkende Kühlschrank, das wirklichkeitsnahe Erleben im Computerspiel und maximal die Herstellung von Prototypen im Vordergrund.

Friedrich Vollmar: Das ist in meinem beruflichen Umfeld ganz und gar nicht der Fall. Hier setzen viele 3D-Drucker ein. Natürlich ist in der 3D-Technik noch nicht die volle Leistungsfähigkeit erreicht, die Drucker sind etwa zu langsam, so dass die Unternehmen überlegen müssen, in welchen Bereichen die Systeme wirtschaftlich zum Einsatz kommen. Doch das Potenzial ist riesig, immerhin ist ein Drucker eine „general publish“-Maschine, will heißen, mit einem Drucker lassen sich unterschiedlichste Modelle herstellen. Es muss lediglich eine andere Software eingespielt werden. Das einzige, was dafür transportiert werden muss, sind die Daten.
Die Keynotes der diversen Veranstaltungen, die ich so besuche, in denen es um Innovationen geht, etwa für den Automobilbau, handeln von Software; tatsächlich sind 80 bis 90 Prozent der Innovationen Software. Der Verband deutscher Ingenieure VDI spricht also nicht von ungefähr über Autos als rollende Rechenzentren.
Kein Wunder also, dass Industrie-Unternehmen wie Daimler in einem Maße Software-Ingenieure, - Programmierer und Architekten anwirbt, die einem IT-Unternehmen wie IBM zur Ehre gereichen würde. Erst kürzlich erwarb der Hannoveraner Automobilzulieferer Continental für rund 600 Millionen Euro den Software-Spezialisten Elektrobit Automotive aus dem fränkischen Erlangen. Laut Conti sollen die 1.900 Software-Spezialisten in den Konzern integriert werden. Die Erlanger sind in drei Bereichen aktiv: das Auto als Teil des Internets, das Auto als fahrende Sensorsammlung in einer komplett vernetzten Verkehrswelt und das Auto mit wachsenden Autopiloten-Funktionen.

Also: Die Frage ist nicht: Kommt Industrie 4.0? Sie lautet: Wo in diesen Szenarien steckt der CIO?

Verliert oder gewinnt die CIO-Rolle an Bedeutung?

Friedrich Vollmar: Entweder der CIO nimmt die zugegebenermaßen risikobehaftete Herausforderung an und übernimmt eine Führungsrolle für die gesamte IT im Unternehmen – Produktion und Enterprise -, oder ….
Sagen wir es einmal so: Kürzlich erzählte mir der Produktionsleiter eines Automobilzulieferers, dass ein Rechenzentrum, wie bisher üblich, bei ihnen nicht mehr gebe, es sei aufgelöst. Und wo sind CIO und kommerzielle IT abgeblieben? „Da finden wird noch ein Plätzchen.“

Also CIO und bisherige IT ordnen sich dem Industrie-4.0-Geschehen unter oder gehen gar darin auf?

Friedrich Vollmar: Entweder das oder der CIO lernt schnellstens, eine Führungsrolle zu übernehmen und zwar eine, die intermediär geprägt ist. Schließlich war es einmal so, dass IT als Innovationsmotor galt. Warum sollte die IT-Erfahrung nicht nutzbar sein?
Bis jetzt stimmen die Prozesse in der IT und Produktion nicht überein, es scheint, als wolle jeder Bereich für sich das Rad neu erfinden, statt sich Brücken zu schaffen um etwa gemeinsame Standards einzuziehen, SOA zum Beispiel. Heute sitzt auf einer Maschine, ist die Maschine, etwa ein 8-Wege-ARM-Prozessor, der mit anderen IT-Devices kommunizieren muss. Dennoch gibt es beispielsweise keine gemeinsame Beschaffungskette mit der IT. Auch die Berichtswege verlaufen komplett getrennt.
Der CIO kann sich aktiv einbringen, etwa um IT einzukaufen, um gemeinsame Grundlagen zu definieren, um zu beraten. Tut er das nicht, wird der CIO, der IT-Leiter vom Innovationstreiber zum Getriebenen.

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Kommentar aus Linkedin von Klemens Dreesbach, Global Strategy Lead: Und so wahr!!!  lesen
posted am 29.09.2015 um 14:46 von Unregistriert


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