Blockchain-Hype trifft auf -Skepsis

Blockchain - in den Medien top, in der Praxis flop

| Autor / Redakteur: Otto Geißler / Ulrike Ostler

Blockchain-Pioniere aus der Industrie hadern mit Problemen wie zum Beispiel der Skalierbarkeit, Interoperabilität und Obsoleszenz. Das dämpft die Stimmung unter den Anwendern, meint eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) und Cisco Systems.
Blockchain-Pioniere aus der Industrie hadern mit Problemen wie zum Beispiel der Skalierbarkeit, Interoperabilität und Obsoleszenz. Das dämpft die Stimmung unter den Anwendern, meint eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) und Cisco Systems. (Bild: gemeinfrei: geralt / pixabay / CC0)

Über die fabelhaften Chancen der Blockchain als disruptive Technologie berichtet die Fachpresse nonstop in den höchsten Tönen. Doch aktuelle Studien spielen eine ganz andere Melodie: Mit der Skepsis der Anwender gegenüber der noch sehr jungen Technologie kehrt der Bezug zur Realität wieder zurück.

Entgegen vieler Prognosen befasst sich momentan eher ein geringerer Teil der Anwender mit der Blockchain und dem Internet of Things (IoT). Innerhalb dieser erlesenen Gruppe steckt wiederum der größte Teil noch in einer Proof-of-Concept-Phase. Das ergab eine aktuelle Studie der renommierten Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) mit dem Netzwerkspezialisten Cisco Systems.

Im Fokus der Untersuchung steht vor allem die aktuelle Einschätzung des Potenzials der Blockchain und IoT für die Industrie. Dabei fällt auf, dass trotz der zahlreichen zukunftsweisenden und durchaus lukrativen Business-Cases, die Investitionen in diese noch recht unausgegorenen Technologien in den vergangenen zwei bis drei Jahren hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück blieben. Ein Widerspruch? Ist die Blockchain immer noch das ungeliebte Aschenputtel der digitalen Transformation?

Interoperabilität und Skalierbarkeit?

Einerseits existiert in der Industrie gemäß der BCG-Studie ein breites Verständnis für den Nutzen von IoT, jedoch aber nicht für die Anwendung und den Nutzen der Blockchain. 40 Prozent der Manager, IT-Manager mal ausgenommen, gaben beispielsweise in Großbritannien zu, dass sie die Funktionen einer Blockchain nicht verstanden haben.

Hinzu kommt der schlechte Leumund der Krypto-Währungen, die mit der Blockchain als Basistechnologie unberechtigterweise in Verbindung gebracht werden. Aus diesem Grunde gingen Länder wie China und Südkorea dazu über, das Initial Coin Offering (ICO) gleich von vorn herein zu verbieten. Des Weiteren bestehen regulatorische beziehungsweise rechtliche Unsicherheiten, die natürlich jeder neuen Technologie anhaften. Man denke dabei nur an das neue Datenschutzgesetz und die Forderung nach einem „Vergessen“ von persönlichen Daten.

Argwöhnisch beäugen die Anwender den gegenwärtig noch bestehenden Mangel an Standards sowie eine eher klägliche Auswahl an Enterprise-Ready-Plattformen. Das bedeutet, dass sich die Pioniere einer Blockchain-IoT-Lösung auf Probleme im Hinblick der Interoperabilität und Skalierbarkeit gefasst machen müssen.

Gemeinschaftliche Initiativen gegen Obsoleszenz

Darüber hinaus können Probleme auftauchen, wenn der Provider, an den sich der Anwender gebunden hat, das Marktgeschehen nicht überlebt. Zu diesem Zweck wurden erst kürzlich Kooperationen wie die Trusted-IoT-Alliance ins Leben gerufen, um wichtige Akteure zusammenzubringen. Laut der Studie haben derzeit mehr als 400 Unternehmen eine IoT-Plattform im Angebot. Die Autoren sind der Auffassung, dass davon nur etwa 50 wirklich einsatzfähig sind.

Des Weiteren beobachten sie eine stetig zunehmende Anzahl an Zusammenschlüssen von Unternehmen zu branchenspezifischen Konsortien. Der Vorteil liegt auf der Hand: Diese Initiativen profitieren davon, dass mehrere Unternehmen gemeinschaftlich bereit sind, Zeit und Geld in die neue Technologie zu investieren. Dazu sollten sie nach Meinung der Studienverfasser bei der Entwicklung neuer Lösungen alle Stakeholder mit einbeziehen, die dann in ein sogenanntes „minimal lebensfähiges Ökosystem“ (MVE) einbezahlen.

In der Automobilindustrie hoben BMW, General Motors, Bosch, ZF sowie verschiedene deutsche Blockchain-Start-ups wie zum Beispiel Spherity, Xain und diverse Beratungsunternehmen wie Cognizant sowie andere Firmen die Mobility Open Blockchain Initiative (MOBI) aus der Taufe.

Dieses gemeinnützige Kollektiv hat es sich zum Ziel gesetzt, Mobilitätsdienste effizienter, umweltfreundlicher, sicherer und preiswerter zu machen. Dafür sollen Standards gefördert und die Einführung von Distributed-Ledger-Technologien wie die Blockchain sowie andere damit in Verbindung stehenden technologischen Innovationen beschleunigt werden.

Viele stehen noch ganz am Anfang

Die BCG-Studie identifizierte über 35 Anwendungsfälle von Unternehmen, welche die Blockchain mit IoT im Einsatz halten. Daraus wurden verschiedene Kategorien von Anwendungen wie zum Beispiel Operation Tracking, Authentifizierung oder autonome Machine-to-Machine-Interaktionen gebildet. Dabei ist zu beachten, dass die meisten dieser Anwendungen noch in einer Proof-of-Concept-Phase verharren, wenn nicht gar erst auf dem Reißbrett sind.

Lediglich etwa 25 Prozent der von der Studie untersuchten Fälle haben die Phase des Proof-of-Concept passiert. Bei den beobachteten Branchen hat im Bereich Blockchain und IoT die Automobil- und Konsumgüterindustrie die Nase weit vorn. Gefolgt von Gesundheit, Technik und Telekommunikation sowie Industriegüter. Knapp ein Drittel der identifizierten Anwendungsfälle ist branchenübergreifend einsetzbar, während sich der Rest nur auf eine Branche bezieht.

Eine aktuelle Studie des Capgemini Research Institute bestätigt die Analyse der BCG-Berater: 87 Prozent aller Umfrage-Teilnehmer sehen sich selbst noch ganz am Anfang in diesem Prozess und nur ein Zehntel der Befragten hat nach eigener Aussage schon eigene Pilotprojekte auf den Weg gebracht. Was die Investitions-Rentabilität angeht, so sehen 92 Prozent den Return on Investment (ROI) als größten Knackpunkt. 82 Prozent der Teilnehmer äußerten außerdem Bedenken, dass die Transaktionssicherheit der Blockchain zu Akzeptanzproblemen(!) seitens ihrer Partner führen könnte.

Kurzfristiger und langfristiger Nutzen

Für Anwender, die die Blockchain mit dem IoT eingeführt haben, arbeiteten die Studienautoren der BCG drei entscheidende ökonomische Vorteile heraus: Dazu gehören Kostenreduzierungen, Erlösverbesserungen und Risikominderungen. Die Reduzierung von Kostenanteilen entsteht im Prinzip durch das Ausschalten von Intermediären sowie durch die Automatisierung von Transaktionen entlang der Wertschöpfungskette.

Erlösverbesserungen können beispielsweise durch die Reduzierung von Plagiaten oder die Implementierung von Smart Contracts zur Automatisierung von Transaktionen und Zahlungen zwischen Maschinen beziehungsweise Geräten herbeigeführt werden. Die Blockchain-Technologien tragen auch dazu bei, Geschäftsrisiken zu minimieren. Dies kann geschehen, indem die Qualität und Authentizität der Produkte während ihres gesamten Lebenszyklus gewährleistet bleibt.

Die Verfasser der BCG-Studie erwarten, dass mit der Implementierung einer Blockchain und entsprechendem IoT ein wirtschaftlicher Nutzen in zwei Phasen resultieren kann:

Auf kürzere Sicht wird sich gemäß der Berater die Kombination von Blockchain und IoT zunächst auf die Effizienzsteigerung innerhalb von Unternehmen und die weitere Automatisierung der Papierwege auswirken, die zur Erfüllung von Risiko- und regulatorischen Anforderungen erforderlich sind. Erreichen die Technologien dann ihre Reifephase, werden die Unternehmen dann auf lange Sicht neue Geschäftsmodelle erschließen und so Ihre Umsatzerwartungen deutlich nach oben korrigieren können.

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