Zwei Projekte von IBM und eine Entwicklung von Accenture zeigen es:

Blockchain geht über Transaktionen hinaus

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Bild: S. Hofschlaeger / Pixelio.de)

Blockchain-Technik könnte mehr verändern als die Transaktionssysteme im Finanzwesen. Die haben ein gewisses Trägheitsmoment, weil sie bewährt sind. Aber Blockchain kann für viel mehr von Nutzen sein.

Das Open-Source-Projekt Hyperledger und noch mehr die aus ihm entwickelte Blockchain-Technik sind in der IT-Industrie auf große Aufmerksamkeit gestoßen. In erster Linie verbinden die Anbieter damit Hoffnungen auf neue Business-Möglichkeiten bei Banken und Versicherungen. Aber es geht dabei nicht unbedingt um das, was man auf den ersten Blick vermuten könnte: einen Nachfolger für Transaktionssysteme. Zwei Projekte von IBM und eine Blockchain-Erweiterung von Accenture zeigen, dass das Potenzial von Blockchain weit über Transaktionen hinaus geht.

IBM-Projekt mit Crédit Mutuel Arkéa

Ende Juni dieses Jahres haben IBM und die französische Bank Crédit Mutuel Arkéa den Abschluss ihres ersten gemeinsamen Blockchain-Projekts bekannt gegeben. Das Ergebnis war hier ein Blockchain-Netzwerk zur vollständigen Identifizierung von Kunden. Das Problem der Bank hatte vorher darin bestanden, dass ein und derselbe Kunde mehrere Verträge mit ihr haben konnte, die aber in unterschiedlichen und von einander isolierten elektronischen Systemen dokumentiert waren. Es hätte also passieren können, dass Bankfiliale A einem Kunden einen Großkredit für einen Immobilien-Deal einräumt, obwohl ein Geschäftskonto des gleichen Kunden bei der Filiale B in den Miesen steht.

Informationen aus Silos zusammenführen

Es ist bei Banken gar nicht so selten, dass verschiedene Services mit von einander getrennten Systemen verbunden sind. Um dadurch entstehenden Risiken zu begegnen, gibt es die Compliance-Anforderung „Know Your Customer“ (KYC). Die französische Kreditbank entschied sich für Blockchain, um die IT-Silos übergreifend zu verbinden.

Blockchain ist bei Crédit Mutuel Arkéa jetzt die übergreifende Plattform, um umfassend über Kunden informiert zu sein. Gleichzeitig dient das von IBM eingerichtete System dazu, unnötige Dublikationen von Informationen in verschiedenen Systemen zu vermeiden.

IBM-Projekt mit Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ

Das zweite Beispiel einer nicht erwarteten Blockchain-Anwendung berichtete IBM vor wenigen Tagen aus Japan. Die Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ (BTMU) beuaftragte Big Blue mit einem Projekt, um die Gestaltung, das Management und die Abwicklung von Kontrakten zwischen zwei Geschäftspartnern per Blockchain zu vereinfachen.

Das Projekt hat mehrere Abschnitte. Ab 2017 möchte die Bank erste Geschäftsverträge per Blockchain verfolgen. Ab Ende des gleichen Jahres sollen erstmals sämtliche Geschäftsvorgänge zwischen der BTMU und einem Geschäftspartner der Blockchain-Verfolgung unterliegen. Und dieser Geschäftspartner ist IBM, dessen Großkunde die Bank ist.

Das Ziel geht hier über die Dokumentation reiner Vertragssachen weit hinaus. Per Blockchain sollen zunächst sämtliche Lieferungen später auch weitere Services von IBM an die Bank überwacht werden. Dabei soll das System am Ende sämtliche Rechnungen und Zahlungen zwischen den Geschäftspartnern automatisieren. Sobald das System seine Funktionsfähigkeit und seinen Nutzen erwiesen hat, könnte es die Bank auf ihre Geschäftsbeziehungen mit weiteren Kunden ausdehnen.

Veränderbare Blockchains dank Accenture

Soeben hat Accenture ein Verfahren entwickelt und patentieren lassen, dass die Blockchain-Anwendung wesentlich flexibler macht. Es wirkt ausschließlich in so genannten Permissioned-Blockchain-Systemen, die ausgewiesene Administratoren unter festgelegten Regeln verwalten. Mit den offenen, dezentralen Permissionless-Systemen wie Bitcoin hat es nichts zu tun. Zu tun hat es mit der permanenten Aufzeichnung der Daten und ihrer Unveränderbarkeit bei Blockchain.

Diese Unveränderbarkeit ist in bestimmten Situationen selbst bei Finanzdienstleistern gar nicht gern gesehen. Denn es kann durchaus vorkommen, dass die Daten verändert werden müssen. Das ist zum Beispiel der Fall, um menschliche Fehler zu beheben, rechtliche und regulatorische Anforderungen umzusetzen oder um Missbrauch zu adressieren.

Beim Accenture-Verfahren bleiben die Blockchain-Schlüsselelemente unangetastet, die eingerichteten Abfolgen können Anwender eines Blockchain-Systems nicht verändern. Aber zuvor festgelegte Administratoren können unter Berücksichtigung definierter Governance-Regeln Informationsblöcke neue schreiben oder entfernen, ohne die Kette zu unterbrechen. Alle Änderungen werden dabei durch eine unveränderbare Markierung kenntlich gemacht.

Fluch und Segen der Unveränderlichkeit

„Die absolute Unveränderlichkeit der traditionellen Blockchain ist Fluch und Segen zugleich“, erläutert Richard Lumb, Leiter der internationalen Finanzdienstleistungspraxis bei Accenture. „Für dezentrale Kryptowährungssysteme war eine permanente Aufzeichnung der Daten absolut hilfreich für den Aufbau von Vertrauen zwischen den Teilnehmern. Für Finanzdienstleister stellt diese Unveränderlichkeit jedoch eine mögliche Hürde dar, da sie einer Vielzahl von Anforderungen mit Blick auf Risikomanagement und Regulatorik unterliegen. Unsere Entwicklung schafft hier einen Mittelweg, der einerseits den fundamentalen Wert der Technologie erhält und andererseits ihre Verbreitung bei Unternehmen ermöglicht.“

Es wäre auch anderswo denkbar, einmal per Blockchain dokumentierte Verträge und Lieferungen noch in der laufenden Abwicklung zu verändern. Es wäre beispielsweise denkbar, während einer angelaufenen Großbestellung das Volumen zu erhöhen und die Kosten anzupassen, ohne gleich einen komplett neuen Vertrag aufsetzen zu müssen, der einen Blockchain-Prozess stören könnte. Das Accenture-Verfahren dürfte also nicht nur für das Finanzwesen interessant sein.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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