Wenig Resonanz für das UBA-Umweltzertifikat Blauer Engel bekommt bei Rechenzentren lahme Flügel

Autor / Redakteur: Andreas Beuthner / Ulrike Ostler

Seit fast einem Jahr gibt es den „Blauen Engel“ für Rechenzentren, doch bislang ziert fast nirgendwo ein umweltfreundliches Engel-Zertifikat den Zugangsbereich der Datacenter. Woran liegt das?

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Der Klimaschutz, die Verminderung des Energieverbrauchs und die Schonung von natürlichen Ressourcen sind wichtige Ziele des Umweltschutzes. Das Umweltzeichen für den energiebewussten Rechenzentrumsbetrieb unterstützt bei der Erhöhung der Energie- und Ressourceneffizienz in Bezug auf die zu erbringende IT-Dienstleistung.
Der Klimaschutz, die Verminderung des Energieverbrauchs und die Schonung von natürlichen Ressourcen sind wichtige Ziele des Umweltschutzes. Das Umweltzeichen für den energiebewussten Rechenzentrumsbetrieb unterstützt bei der Erhöhung der Energie- und Ressourceneffizienz in Bezug auf die zu erbringende IT-Dienstleistung.
(Bild: RAL)

Rechenzentren gehören zu den Lieblingskunden der Energieversorger. Das könnte sich ändern. Denn das Umweltbundesamtes (UBA) will RZ-Betreibern zeigen, wie sie ihre Energiekosten reduzieren können: „Mit dem Blauen Engel für Rechenzentren geben wir den Unternehmen eine klare Vorgehensweise an die Hand, mit der sie ihre IT sparsamer und umweltfreundlicher machen können,“ erläutert der UBA-Vizepräsident Thomas Holzmann.

Hat im Moment keine Veranlassung das Umwelt-Zertifikat zu erwerben: "Es gibt sehr viele Zerfikate, die Energie-Effizien im Rechenzentrum belegen", sagt Sebastian Brandis, Geschäftsführer der E-Shelter Facility Services.
Hat im Moment keine Veranlassung das Umwelt-Zertifikat zu erwerben: "Es gibt sehr viele Zerfikate, die Energie-Effizien im Rechenzentrum belegen", sagt Sebastian Brandis, Geschäftsführer der E-Shelter Facility Services.
(Bild: e-shelter)
Zwar zweifelt kaum ein Branchenkenner daran, dass in Server-Schränken, Strom- und Klimatisierungssystemen noch erhebliches Sparpotential steckt, doch die Anträge auf Zertifizierung bei der zuständigen RAL gGmbH hält sich in Grenzen: "Es gibt eine Reihe von Zertifikaten, die die Qualität und Effizienz von Rechenzentren bescheinigen, da ist der Blaue Engel nur eines davon und noch nicht sehr stark im Markt etabliert. Aktuell sehen wir keine Veranlassung, dieses Zertifikat zu erwerben", sagt Sebastian Brandis, Geschäftsführer der E-Shelter Facility Services.

Das freilich heißt nicht, dass der Frankfurter Rechenzentrumsplaner und -betreiber den ressourceneffizienten Energie-Einsatz einfach ignoriert. Im Gegenteil: Im November 2012 hat E-Shelter im Auftrag der Stadt Rüsselsheim ein rund 4.500 Quadratmeter großes Datacenter eröffnet, das hinsichtlich der Energie-Effizienz Standards setzt: Gekühlt wird mit Frischluft, einer so genannten Hybridaußenluftkühlung, die bis zu 30 Prozent Energiekosten gegenüber konventioneller Kühlung einspart.

Die Marktbeobachter sagen ... aus und vorbei!

Einen größeren Bedarf bei RZ-Betreibern nach einem neuen Umwelt-Label kann sich auch Wolfgang Schwab, Manager Advisor & Program Manager Efficient Infrastructure bei der Experton Group nicht vorstellen: "Der Hype von Green IT isat vorbei, die entsprechenden wirtschaftlich sinnvollen Maßnahmen sind umgesetzt. Das Thema Green IT ist Geschichte. Ein Zertifikat als solches brauchen die Anbieter letztlich nicht."

Aus Sicht des IT-Beraters haben IT-Dienstleister ihre Hausaufgaben in Sachen Energieeffizienz gemacht, schon um die Kostenseite zu optimieren und einen schnellen Return on Investment (ROI) zu erhalten. Bei Anwenderunternehmen allerdings könnte das anders aussehen, "wenn dadurch eine Außenwirkung erzielt werden kann, beispielsweise in Form von Nachhaltigkeitsberichten", betont Schwab.

Blauer Engel über Bremen

Den Weg zur effizienten Nutzung von Energie und Ressourcen sowie zur kontinuierlichen Verbesserung der IT-Infrastruktur geht auch der Bremer RZ-Betreiber Erecon. In punkto Blauer Engel vertreten die Bremer einen anderen Standpunkt: „Ich sehe große Chancen, dass der Blaue Engel sich durchsetzt, gerade deshalb, weil die Energiekosten absehbar unaufhörlich steigen“, sagt Erecon-Vorstandsvorsitzender Harald Rossol. Das Bremer Unternehmen war der erste RZ-Dienstleister mit blauem Umweltengel.

Nicht nur fürs Marketing: Für so ein Zertifikat muss der RZ-Betreiber die Nachhaltigkeit des Rechenbetriebs nachweisen. Das Umweltzeichen wird für das Gesamtrechenzentrumsgebäude, das durch einen festen Standort und eine eindeutige Bezeichnung charakterisiert wird, vergeben.
Nicht nur fürs Marketing: Für so ein Zertifikat muss der RZ-Betreiber die Nachhaltigkeit des Rechenbetriebs nachweisen. Das Umweltzeichen wird für das Gesamtrechenzentrumsgebäude, das durch einen festen Standort und eine eindeutige Bezeichnung charakterisiert wird, vergeben.
(Bild: Erecon/RAL gGmbH)

Dem Prüfverfahren für das Testat RAL-UZ 161 – so die offizielle Bezeichnung für den Blauen Engel - kann das IT-Consulting-Unternehmen einiges abgewinnen; denn es war der Hebel für Kosteneinsparungen durch einen energiebewussten Rechenzentrumsbetrieb: „Wir haben mit Hilfe des Blauen Engel viel Geld gespart“, unterstreicht Rossol. Mit der Zertifizierung sind Optimierungsmaßnahmen verbunden, die sowohl ökonomische als auch ökologische Anforderungen betreffen.

Informatiker der TU Berlin haben einen Datacenter Benchmark (DCB) entwickelt, der auf sieben RZ-spezifischen Kennzahlen beruht und als Grundlage für die RAL-UZ 161-Vergabeprüfung dient. Die TU Berlin (Fachgebiet für Informations- und Kommunikationsmanagement FG IKM) ist ein von der RAL gGmbH empfohlenes Prüfinstitut für die Vergabekriterien des Blauen Engels. Herzstück des Prüfungsberichts sind Ergebnisse aus der Zustandsanalyse des Datacenter. Die Kennzahlenbildung, der Kennzahlenvergleich und die Bestimmung der Benchmarks erfolgen anhand der DCB-Methodik.

Was steckt im Engel?

Im Einzelnen müssen Bewerber zunächst die Energie-Effizienz ihrer Infrastruktur durch den Kennwert EUE (Energy Usage Effectiveness) bestimmen und ein dauerhaftes Energie-Management-System auf der Basis von DIN EN ISO 50001 oder EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) etablieren. Dadurch werden beispielsweise Beschaffungskriterien für Energie-effiziente Komponenten festgelegt und die Server-Virtualisierung vorangetrieben. Außerdem erfassen solche Management-Systeme die Jahresarbeitszahl des Kühlsystems - eine wichtige Entscheidungshilfe für technische Interventionen im Cooling-Bereich.

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Immerhin betreut die TU Berlin derzeit 61 registrierte RZ-Betreiber, die das Online-Benchmark-Tool der FG IKM einsetzen. Nach TU-Angaben betrifft das eine Serveranzahl von zusammen 36278, deren Leistungsverbrauch kontinuierlich erfasst wird. Die Evaluierungsphase dauert etwa vier Wochen und führt zu einem Prüfbericht, den die TU-Mitarbeiter erstellen. Mit diesem Dokument kann man die Erteilung des Umweltzeichens bei der RAL gGmbH beantragen.

Komplexe Vielfalt des System-Designs: Die Infrastruktur von Rechenzentren sind im Einzelfall sehr unterschiedlich. Deshalb sind die Empfehlungen zur Energie-Einsparung keine starren Handlungsanweisungen sondern Hilfestellung zur Umsetzung der Energie-Effizienzmaßnahmen.
Komplexe Vielfalt des System-Designs: Die Infrastruktur von Rechenzentren sind im Einzelfall sehr unterschiedlich. Deshalb sind die Empfehlungen zur Energie-Einsparung keine starren Handlungsanweisungen sondern Hilfestellung zur Umsetzung der Energie-Effizienzmaßnahmen.
(Bild: CoM-IT/Drexel University)
Neben den betriebswirtschaftlichen Vorteilen ist es vor allem der Image-Gewinn, den sich RZ-Betreiber von einem blauen Siegel versprechen. Angesicht der Klimadiskussionen und der Ressourcenverknappung wächst das Umweltbewusstsein in den Anwenderunternehmen.

Grün ist Bestandteil der Unternehmenspolitik

In der Corporate Governance vieler Unternehmen findet sich immer häufiger der Hinweis auf einen nachhaltigen Betrieb. Die Botschaft der Umweltengel könnte eher verfangen und Vertrauen zwischen den Geschäftspartnern schaffen.

Den Vergleich mit diversen Bio-Siegeln im Supermarkt weist Rossol entschieden zurück. Der Erecon-Chef pocht darauf, dass hier kein dubioses Limbo-Siegel im Umlauf ist, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Zertifikat. „Das setzt einen neuen Standard in der Zertifizierung und dokumentiert einen echten Mehrwert – weil es eben nicht nur dem Marketing dient, ein buntes Etikett auf ein Produkt zu pappen“, betont Rossol.

Blaue Engel auf internationaler Mission

Nach anderen Einschätzungen fällt es dem Umweltengel vor allem im internationalen Umfeld sichtbar schwer, sich durchzusetzen. Beispielsweise pflegt die Green Data Center Alliance bereits seit November 2010 ein eigenes Data Center Energy Efficiency Framework (DCEEF). Seit letztem Jahr ist die European Datacentres Association (EUDCA) unterwegs, die auf europäischer Ebene nicht nur Lobby-Arbeit für die DC-Branche gegenüber den Regulierungsaktivitäten der EU-Kommission betreibt, sondern auch europaweite Zertifizierungen und Standards für Rechenzentren durchsetzen will.

Die Eudca-Aktivitäten richten sich vor allem gegen die Dominanz der US-Zertifizierer, die nach wie vor die Maßstäbe für effiziente Rechenzentren setzen und sich das auch teuer bezahlen lassen.

Der Autor:

Andreas Beuthner aus Gauting ist freier Fachautor.

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