Wie die einstige „Freeware“ Business-fähig wurde

20 Jahre „Open Source“

| Autor: Ludger Schmitz

Die Öffnung für das Software-Business führte zu Verwerfungen mit dem Free-Software-Vordenker Richard Stallman.
Die Öffnung für das Software-Business führte zu Verwerfungen mit dem Free-Software-Vordenker Richard Stallman. (Bild: Pexels, Pixabay / CC0)

„Freeware“ ist kostenlos und damit für Softwarehersteller nicht gerade ein attraktives Produktetikett. Deswegen entstand am 3. Februar 1998 der Begriff Open Source, was nicht ohne Probleme abging.

Bis in die späten 1990er Jahre liefen die ersten quelloffenen Programme – von Linux und Debian über Python und Perl bis hin zu Apache, Sendmail und Fetchmail – unter der Bezeichnung „Freeware“. Sie alle waren kostenlos, aber die Köpfe der jungen IT-Bewegung erkannten, dass der Begriff hinderlich war, Softwarehäuser vom neuen Konzept der Software-Entwicklung zu überzeugen (siehe: Anmerkung am Textende).

„Free“ wird vor allem als „kostenlos“ verstanden

Bruce Perens, der Initiator der eigentlich sehr auf freie Software bedachten Linux-Distribution Debian, erklärte es so: „Das Wort ‚frei‘ ist für Unternehmen insofern ein bisschen einschüchternd, indem sie denken, sie könnten kein Geld mit etwas verdienen, was frei ist. Im Englischen gibt es das Problem, dass wir, wenn wir ‚frei‘ sagen, meistens kostenlos meinen...“

Der Meinung waren auch noch einige andere führende Persönlichkeiten der damaligen „Freeware“-Bewegung: Eric Allman (Sendmail), Brian Behlendorf (Apache), Guido van Rossum, (Python), Linus Torvalds (Linux), Paul Vixie (BIND/DNS), Larry Wall (Perl) und Phil Zimmerman (PGP). Besonders engagiert zeigte sich dabei Eric Raymond, der Entwickler von Fetchmail, dessen Aufsatz „The Cathedral and the Bazaar“ im Mai 1997 auf dem vierten Linux-Kongress in Würzburg für Aufsehen gesorgt hatte.

Brainstorming im kleinen Kreis

Auf Einladung von Raymond trafen sich einige Köpfe am 3. Februar 1998 in dessen damaliger Firma VA Research in Mountain View. Alle bewunderten die GPL, die GNU Public License, von Richard Stallman und der Free Software Foundation. Aber der Begriff „Free Software“ hätte das Problem nicht gelöst. „Sourceware“ war auch nicht gut. Schließlich, so berichtete später Raymond, schlug Christine Peterson vom Foresight Institute „Open Source“ vor. Das fand die Mehrheit.

Die Open Source Initiative feiert das 20-jährige Jubiläum mit einer „World Tour„“; siehe dazu Download „The 20th anniversary of Open Source“
Die Open Source Initiative feiert das 20-jährige Jubiläum mit einer „World Tour„“; siehe dazu Download „The 20th anniversary of Open Source“ (Bild: Open Source Initiative (OSI))

Noch im gleichen Monat wurde die Open Source Initiative (OSI) gegründet, die alsbald den Begriff markenrechtlich schützen ließ. Bekannt wurde Open Source aber erst durch eine Pressemitteilung zum Ende des „Freeware Summit“ im April 1998. Auf diesem hatten sich die oben genannten Projektleiter und einige mehr getroffen und sich endgültig auf „Open Source“ verständigt.

„Free Software“-Opposition reagiert heftig

Nicht eingeladen zu diesem Treffen war Richard Stallman, der Initiator des GNU-Projekts (GNU is Not Unix), Gründer der Free Software Foundation (FSF) und Vordenker der GNU General Public License (GPL). Die Teilnehmer kannten Stallman als vehementen und kompromisslosen Fürsprecher von „Free Software“. Stallman betonte mit diesem Begriff immer den Aspekt der Freiheit der Software, als Freiheit der IT-Anwender von den Softwarehäusern und ihren fesselnden Lizenzen.

Stallman reagierte auf die Begriffsschöpfung Open Source erwartungsgemäß heftig. Insbesondere nahm er Eric Raymond zum Ziel, dem er spalterische Absichten vorwarf: „Die Open-Source-Bewegung ist Eric Raymonds Versuch, die Bewegung der freien Software von ihrem Hauptanliegen, der Freiheit wegzubringen.“

Der PR-Coup gelingt

Den Rest der Open-Source-Befürworter interessierte das relativ wenig. Sie hatten mit dem Begriff Open Source deutlich mehr Aufmerksamkeit in der Presse erfahren als zuvor. Und sie hatten mit der Open-Source-Definition eine durchaus „freie“ Grundlage für die Open Source Initiative geschaffen.

Die Definition hatte übrigens Bruce Perens im Prinzip aus den „Debian Free Software Guidelines“ abgeschrieben. Sie enthielt damals neun, heute zehn Kriterien, die eine Software erfüllen musste, um als „Open Source“ durchzugehen.

Open Source Initiative setzt Maßstäbe

Diese zehn Kriterien sind entscheidend für die Zulassung einer Open-Source-Lizenz. Als Eigentümerin der Marke „Open Source“ kann einzig die Open Source Initiative eine solche Lizenz zulassen. Die Kriterien sind nicht bis ins Detail präzise formuliert, und das schafft ein Problem: Heute haben 83 Lizenzen ein OSI-Prädikat als zugelassene Open-Source-Lizenz. Die sind aber in feinstem Juristensprech gehalten.

Schon das macht es für einzelne Entwickler, Anwenderunternehmen und Softwarehäuser schwer, sich für eine Lizenzform zu entscheiden, wenn sie eine Software Open Source stellen wollen. Eine Lösung für das Problem ist nicht absehbar. Die meisten Interessenten verwenden deshalb vorzugsweise eine der bekannteren Lizenzen.

Die Zeit heilt alte Wunden

Als Begriff hat sich – nicht zuletzt durch die Wortwahl der Presse – Open Source längst durchgesetzt. Der durch die Begriffsschöpfung einst gerissene Graben zwischen der Open-Source- und der Free-Software-Fraktion hat sich in den Jahren auch eingeebnet.

So beteiligt sich in Deutschland die Open Source Business Alliance häufig an Initiativen der Free Software Foundation Europe, zuletzt beispielsweise in der europaweiten Kampagne „Public Money, Public Code“ und in einem offenen Brief zum Desaster mit der Anwaltssoftware "beA".

Anmerkung: Wesentliche Teile der historischen Darstellung und alle Zitate entstammen dem Buch von Glyn Moody: Die Software Rebellen. Die Erfolgsstory von Linus Torvalds und Linux. Verlag Moderne Industrie, Augsburg 2001.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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