Ernteversicherung, Schuldscheindarlehen und verteiltes Rechnen

Was kann Blockchain?

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Florian Karlstetter

Ethereum agiert als weltweit verteilter Computer.
Ethereum agiert als weltweit verteilter Computer. (Bild: ethereum.org)

Ursprünglich ausschließlich als Basis von Bitcoin und andere Kryptowährungen wahrgenommen, stellt sich die Blockchain mittlerweile als universelle Technologie für verschiedenste Anwendungen in digitaler und realer Welt heraus.

Am 26. Juni 2017 sah sich Ethereum-Entwickler Vitalik Buterin genötigt, per Twitter Gerüchte über seinen Tod zu widerlegen. Als Lebensbeweis veröffentlichte er ein Foto. Darauf zu sehen ist neben ihm selbst auch ein Zettel, auf den Nummer und Hashwert eines aktuellen Blocks der Ethereum-Blockchain gekritzelt wurden. Damit lieferte Buterin eine weitere Anwendung für die Blockchain, und kommentierte: „Another day, another blockchain use case.“

Mit der Aussage seines Tweets trifft der Entwickler den Nagel auf den Kopf. Derzeit vergeht anscheinend kein Tag, an dem die Blockchain nicht als Grundlage neuer Geschäftsideen dient. Und das ist kein Zufall.

Zwar galt die Technologie zunächst ausschließlich als Rückgrat der Kryptowährung Bitcoin. Von einer Nutzung als tagtägliches, digitales Zahlungsmittel ist der Bitcoin dabei allerdings noch entfernt – zu schwer wiegen hohe Volatilität, verzögerte Übermittlungszeiten und – zumindest für Micropayments recht hohe – Transfergebühren. Auf der anderen Seite werden die Skripting- und Anwendungsfähigkeiten des zugrunde liegenden Blockchain-Ansatzes zusehends erweitert.

Von Bitcoin-Erweiterungen bis zur Turing-Maschine

Die Initiatoren der Counterparty Platform haben beispielsweise ein Protokoll entworfen, das die Bitcoin-Infrastruktur um erweiterte Funktionen ergänzt. Anwender könnten so beliebige Arten digitaler Tokens handeln oder Smart Contracts entwerfen und auf der Bitcoin-Blockchain ausführen – unter Smart Contracts sind dabei spezifische digitale Vereinbarungen oder Programme zu verstehen, erläutern die Macher hinter dem Counterparty-Protokoll.

Als komplett eigenständige und von Bitcoin unabhängige Infrastruktur soll Ethereum noch einen Schritt weiter gehen. In seinem Vortrag „Ethereum for Dummies“ skizzierte Gavin Wood auf der Entwicklerkonferenz „devcon one“ den Ansatz bereits Ende 2015 als weltumspannenden, nicht zerstör- oder zensierbaren Turing-vollständigen Computer. Dem entsprechend vielfältig sind auch die Anwendungen des zugrundeliegenden Protokolls.

Unterschiedlichste Anwendungsfelder

Das unter dem Titel „A Next-Generation Smart Contract and Decentralized Application Platform“ auf GitHub zugängliche Whitepaper kategorisiert dem entsprechend drei generelle Anwendungsfelder für die (Ethereum)Blockchain, bei denen Geld nicht zwingend eine Rolle spielen muss. Folgende Kategorien listet das Papier:

  • Finanzanwendungen, mit denen Nutzer Geldwerte, Derivative oder komplette Dienstverträge anlegen und verwalten.
  • Semifinanzelle Anwendungen, bei denen neben Geld auch eine gewichtige nicht-monetäre Seite im Spiel ist. Als Beispiel hierfür nennt das Papier „self-enforcing Bounties“ und meint damit automatisiert ausgezahlte Prämien für die Mitwirkung an der Lösung mathematischer Probleme.
  • Nicht finanzielle Anwendungen, wie Online-Abstimmungen oder dezentralisierte Verwaltungen.

Werbung, Ernteversicherung und Cloud Computing

Und auch wie man sich derlei Anwendungen konkret vorstellen kann, lässt das Whitepaper nicht unbeantwortet. Prominent beschreibt der Text etwa Tokens, die unterschiedliche Werte repräsentieren können – angefangen von realen Gütern wie US-Dollar oder Gold über Aktien und fälschungssichere Coupons bis hin zu Anreizen und Prämien, die überhaupt keinen klassischen Wert mehr verkörpern.

Genutzt werden derlei Tokens aktuell beispielsweise vom alternativen Browser Brave. Mit dessen Basic Attention Tokens (BAT) sollen Werbetreibende für die Aufmerksamkeit von Endnutzern bezahlen. Im dezentralen Speichernetzwerk Storj dienen STORJ genannte und auf Ethereum basierende ERC20-Token als Anreiz, der Infrastruktur freie Speicherkapazitäten zur Verfügung zu stellen. Mit Gridcoins können sich schließlich jene Anwender entlohnen lassen, welche die Rechenleistung ihrer heimischen PCs wissenschaftlichen Projekten zur Verfügung stellen.

Tokens lassen sich überdies als Berechtigung zur Stimmabgabe in einer dezentralen autonomen Organisation (DAO) nutzen. Die durch Smart Contracts beschriebenen Organisationen sind dabei nicht ohne Tücke. So nutzte ein Angreifer Schwachstellen in den Smart Contracts der 2016 auf Ethereum gegründeten „The DAO“ aus. Diese Attacke führte schließlich zur Spaltung der Infrastruktur (Fork) in Ethereum Classic (ETC) sowie Ethereum.

Zu den weiteren beschriebenen Anwendungen der Blockchain zählen Sparkonten oder smarte Treuhanddienste. Wenn Kontrakte auf Wetterdaten zugreifen, lassen sich überdies Ernteversicherungen modellieren: Werden unzureichende Niederschläge festgestellt könnten Bauern so etwa automatisch Beihilfen ausgezahlt werden.

Ernsthaftes Interesse etablierter Unternehmen und Banken

Trotz ihres nicht immer leicht zu greifenden und oft experimentellen Wesens findet die Blockchain verstärkt auch das Interesse etablierter Unternehmen. So verkündete IBM bereits Anfang 2016 die Unterstützung des Hyperledger Projects der Linux Foundation; Entwickler unterstützen Big Blue mit entsprechenden PaaS-Angeboten, wie der auf Bluemix-basierenden IBM Blockchain als Managed Service für Hyperledger Fabric. Im Zusammenspiel mit der Watson IoT Platform solle die Blockchain überdies mit dem Internet der Dinge verwoben werden.

Auch SAP rechnet bereits fest mit der Blockchain, um digitale Kassenbücher umzusetzen.

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Daimler AG und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) haben zudem kürzlich gemeinsam die Blockchain-Technologie eingesetzt, um eine Finanztransaktion darzustellen. Bei dem Pilotprojekt wurde ein Schuldscheindarlehen über 100 Millionen Euro – parallel zum regulatorisch erforderlichen Prozess – komplett digital auf einer Blockchain abgebildet.

Blockchain Bundesverband gegründet

Der kürzlich gegründete Blockchain Bundesverband sieht in der Technik noch weiteres Potenzial für den öffentlich-rechtlichen Bereich. So fordert die Interessenvertretung unter anderem, dass bis 2020 mindestens ein öffentliches Register mit Blockchain-Technologie erprobt werden solle. Überdies wünscht sich der Verband die staatliche Anerkennung Blockchain-basierter Vertrauensdienste und Schnittstellen zur Datenauskunft und -bereitstellung.

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