Crowdfunding und Private Server

Start-up Protonet baut Server mit purer Passivkühlung

| Autor: Ulrike Ostler

Das Hamburger Start-up Protonet hat auf der CeBIT sein jüngstes Server-Modell "Carla" (links im Bild) vorgestellt
Das Hamburger Start-up Protonet hat auf der CeBIT sein jüngstes Server-Modell "Carla" (links im Bild) vorgestellt (Bild: Protonet GmbH)

Der Server „Maya“ entstand quasi für den Hausgebrauch, ist sechseckig, so groß wie eine Kaffeedose, knallig orange und aus pulverbeschichtetem Stahl. Inzwischen gibt es ein System für Büros, genannt „Carlita“ und mit „Carla“ eins, was auch im herkömmlichen Sinn als Server bezeichnet werden kann. Der Clou: Die Hardware funktioniert ausschließlich mit passiver Kühlung.

Der Protonet-Gründer Ali Jelveh will den Anwendern die „Angst vor Servern“ nehmen und das bedeutet, dass jedes einzelne Merkmal der ungewöhnlichen Rechner auf diesen Aspekt ausgerichtet ist.

Farbe und Form: Die ersten Server waren gedacht für Privatanwender und Büros – Architekten, Kanzleien, Praxen. Das Design soll gefällig sein und einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. Darüber hinaus gilt das Sechseck als die Form, deren Platz sich optimal füllen lässt. Kabel und Zuluft gelangen von unten in die Server-Türmchen. Zudem lassen sich die integrierten Server mit nur einem Bedienknopf in Betrieb nehmen.

Die Nutzung: Auf jedem Protonet Server ist „Protonet Soul“ installiert, eine Software für das Projekt-, und das Datei-Management sowie für die Zusammenarbeit im Team.

Die Kühlung: Gekühlt wird mithilfe von gasgefüllten Kupferröhrchen, die in den Servern verbaut sind. Es entsteht ein Kamineffekt: Im konvektionsgekühlten Gehäuse steigt die Abwärme der Hardware mithilfe dieser Wärmeleitelemente nach oben. An der Oberseite des Gehäuses wird die warme Luft durch Lamellen aus Blech ausgeleitet.

Das Verfahren hat sich Protonet patentieren lassen. Diese Art des Cooling sorgt für den Faktor Umweltfreundlichkeit; denn die Server von Protonet verbrauchen weniger Energie als eine handelsübliche Glühbirne. Außerdem sorgt die Passivkühlung dafür, dass die Server praktisch geräuschlos arbeiten. Damit taugen die Türmchen umso mehr für das Aufstellen in Büro- und Arbeitsräumen.

Die Vermarktung: Die Systeme vermarktet Protonet gegen den public cloud-trend als „private Cloud“, die Daten sollen die Unternehmens- und Privaträume nicht verlassen müssen und schon gar nicht in eine public cloud.

Die stärkste Kritik

Allerdings hatte das Unternehmen, bewiesen durch einen ausführlichen Test des Internet-Magazins „t3n“, mit einer gravierenden „Sicherheitslücke und ein bedenkliches Reverse-Proxy-Konstrukt“ zu kämpfen. Denn der Zugriff über einen Browser auf die Protonet-Software funktioniere keineswegs auf dem direkten Weg zu der vielleicht nur ein paar Meter entfernt stehenden Server-Box. In Wirklichkeit werde der Datenverkehr über einen zentralen Reverse-Proxy-Rootserver von Protonet geleitet – bereitgestellt von hetzner.de – und erst von dort zur eigenen Box. Das Urteil damals: „Von Datenhoheit keine Spur“. Der zentrale Reverse-Proxy ermöglicht ein Ausspionieren.

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Protonet und das Crowdfunding

Die Kunden können diesen Mechanismus umgehen, dann ist allerdings das Credo der einfachen Bedienbarkeit obsolet. Vor allem die Protonet-Kunden, die in der Regel Respekt vor dem Server-Computing haben, werden auf den Support zukommen müssen.

Entstanden ist Protonet vor zwei Jahren mithilfe von Crowdfundig. Im Juni 2014 sammelte Protonet innerhalb von nur zehn Stunden 1,5 Millionen Euro ein, ein weltweiter Rekord. In weiteren fünf Tagen verdoppelte sich die Summe nochmals. Auch die Hamburgische Investitions- und Förderbank unterstützt Protonet bei der Software-Entwicklung mit rund 400 000 Euro. Derzeit läuft eine dritte Investitionsrunde, denn Protonet will im Silicon Valley Fuß fassen (siehe: Kasten).

Die neue Carla

Protonet kann auf rund 2.000 Kunden verweisen. Doch die Entwicklung der Hard- und Software geht weiter. Auf der CeBIT stellte das Unternehmen die „neue Carla“ vor (die alte Carla, der erste Server, den die Hamburger entwickelten, trägt nun die Bezeichnung Carlita“). Von der vergleichsweise „üppigen Ausstattung“ mit bis zu 8 Kernen, 128 Gigabyte RAM, 250 Gigabyte SSD-Caching und bis 40 Terabyte Speicherplatz sollen insbesondere kreative Profis wie Fotografen oder Video-Agenturen profitieren können.

Augenfällig ist zunächst, dass Protonet vom sechseckigen Fundament abgewichen ist, zudem stehen die Kühllamellen ein wenig über. Tatsächlich hatten die Entwickler damit zu kämpfen, dass die Passiv-Kühlung für Carla reicht und der Server nicht überhitzt, erläutert Jan Sapper, Produktmanager bei Protonet (siehe: Abbildung 4, 5, 6 und 7). Die nun überstehenden Lamellen sind diesem Problem geschuldet.

Dennoch ist das Ergebnis durchaus beeindruckend: Immerhin liefert Protonet einen Server-Schrank in der Größe von zwei Schuhkartons. Zudem bleibt das Unternehmen der Bedienfreundlichkeit treu: Die fünf Festplatten lassen sich vom Anwender einfach selbst austauschen.

Auf der Größe von zwei Schuhkartons

Zudem soll die neue Carla Basis für die ebenfalls auf der CeBIT vorgestellte Protonet-Software-Plattform für Business-Anwendungen sein. IT-affine User können sich den Server dank der modularen Bauweise nun auch für ihre individuellen Anforderungen anfertigen lassen.

Zudem soll sich die Plattform für neue Anwendungen öffnen. Die hauseigene Software „Soul“. Mittlerweile in der Version 3.0, wird durch Kooperationen zur Plattform für die Integration von Produkten anderer Hersteller. Mit im Boot sind bereits der CRM-Spezialist Wice, der Digital Asset Management-Experten pixx.io und der ERP-Lieferant weclapp. Jan Sapper, Produktmanager bei Protonet, erläutert: „Anwender können mit diesem Kraftpaket ihre eigene Private Cloud erschaffen, um darin diverse Business-Applikationen wie CRM, ERP bis hin zu Digital Asset-Management-Anwendungen parallel laufen zu lassen.“

Das Ziel ist die Schaffung einer Art App-Store für Business-Anwendungen. Firmen sollen damit auf einfache Art und Weise genau die Software finden und einsetzen können, die sie benötigen. Sapper dazu: „Unser kommender Protonet Business-App-Store wird jedem Anwender die Möglichkeit geben, weitere Software auf seinem Protonet Private Cloud Server laufen zu lassen. Mit der neuen Carla haben wir ein modulares Gerät geschaffen, das sich perfekt an den Anforderungen des Kunden anpassen kann, egal ob dieser den Fokus auf Speicherplatz, mehrere Apps oder auf eine spezielle Menge an User legt. “

Folgende Spezifikation legt Protonet vor:

Grundmodelle Specs Preise*
4 Core Base 4-Core Xeon, 16 GB Arbeitsspeicher, 4 TB Speicherplatz 4.699 €
4 Core+ 4-Core Xeon, 32 GB Arbeitsspeicher, 16 TB Speicherplatz 5.599 €
8 Core Base 8-Core Xeon, 32 GB Arbeitsspeicher, 24 TB Speicherplatz, 250 GB SSD-caching 7.699 €
8 Core+ 8-Core Xeon, 64 GB Arbeitsspeicher, 32 TB Speicherplatz, 250 GB SSD-caching 10.199 €
* alle Preise verstehen sich zzgl. der gesetzlichen MwSt.

Die neue Carla startet wie ihr Vorgängermodell bei 4 Terabyte Speicherplatz (RAID 1), 16 Gigabyte RAM und „Quad Core Xeon“ Prozessor. Dieses Grundmodell kostet 4.699 Euro ohne Mehrwertsteuer. Es lässt sich modular erweitern (siehe: Tabelle).

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