Groß und viel heißt nicht optimal

Optimierte RZ-Planung

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Wenn Richtfest gefeiert wird, ist es zu spät für eine bedarfsgerichte Planung. Co-Location-Anbieter wie eShelter, dessen jüngstes Rechenzentrum in München hier abgebildet ist, rechnen allerdings damit, Fläche und Kapazität in jedem Fall auszulasten.
Wenn Richtfest gefeiert wird, ist es zu spät für eine bedarfsgerichte Planung. Co-Location-Anbieter wie eShelter, dessen jüngstes Rechenzentrum in München hier abgebildet ist, rechnen allerdings damit, Fläche und Kapazität in jedem Fall auszulasten. (Bild: eShelter)

Überkapazitäten bedeuten Ressourcenverschwendung und belasten unnötig das Budget. Das muss schon in der Planung eines Rechenzentrums berücksichtigt werden. Doch bei Anwendern stößt die Nachricht, dass weniger mehr sein kann, nicht immer auf Begeisterung.

Ulrich Terrahe, Gründer und Geschäftsführer der auf Rechenzentren spezialisierten Beratung DC-CR RZ-Beratung und Veranstalter des Rechenzentrumskongresses „Future Thinking“, ist sich sicher: „Die meisten Rechenzentren haben 50 bis 60 Prozent Überkapazität.“ Mit anderen Worten: Rund die Hälfte der Server, Speichereinheiten, Switches, Racks, USV-Kapazität, Kühlanlagen und was sonst noch dazu gehört, wird eigentlich nicht benötigt. Das Geld, das dafür investiert wurde, wäre woanders besser aufgehoben gewesen – beispielsweise wenn man es in Verbesserungen des Kerngeschäfts investiert hätte.

Wie aber vermeidet man derart sinnlose Verschwendung? „Die Weichen werden schon in der Planungs- und Konzeptionsphase gestellt“, sagt Terrahe. Doch gerade hier läuft oft viel schief, weil im Vordergrund nicht Überlegungen zum tatsächlichen Leistungsbedarf und zur Energie-Effizienz stehen, was sich am Ende in hohen Betriebskosten niederschlägt, sondern Sicherheit und Verfügbarkeit oft zu einseitig in den Vordergrund rücken.

Von der Behauptung zum Nachweis

Terrahe hat sich darauf spezialisiert, Anwendern zu helfen, bei der Planung das wirklich Notwendige von vermuteten Notwendigkeiten und vom strategisch Erwünschten zu unterscheiden. Zum ersten Thema gehört, dass die Leistungsaufnahme von Racks systematisch überschätzt wird. Das hat Terrahe und den Eco-Verband dazu veranlasst, Untersuchungen zum realen Verbrauch von Racks anzustellen und in einem Whitepaper („Orientierungshilfe zur Leistungsdichte und Lastermittlung on Servern, Datenschränken und Rechenzentren“) des Verbandes zu publizieren.

Racks werden danach entsprechend ihrer Ausstattung und Auslastung in vier Klassen mit steigendem Verbrauch aufgeteilt. Das „normale“ Rack mit einer Mischung unterschiedlicher Server kommt nicht einmal auf 3 Kilowatt. Nur wer ein Rack vollstopft mit hoch integrierter Blade-Technologie und diese auch zu 75 Prozent auslastet, landet real vielleicht ab und zu bei einer Leistungsaufnahme von 10 Kilowatt, obwohl im Markt oft ganz andere Zahlen umherschwirren. Was aber nicht ge- oder verbraucht wird, muss auch nicht gekauft und gekühlt werden.

Planbares und Unplanbares sauber trennen

Der zweite Aspekt betrifft eher die geschäftliche Perspektive. „Was für das laufende Geschäft bei normalem Wachstum im Rechenzentrum an Kapazität und Performance nötig ist, fällt in die Entscheidungskompetenz des IT-Bereichs“, sagt Terrahe. Alles andere, etwa die Anforderungen, die durch geschäftliche Expansion, neue, digitalisierte Geschäftsmodelle, Aufkäufe oder Ähnliches verursacht seien, gehöre auf den Schreibtisch der Geschäftsführung, denn es lasse sich letztlich nicht planen.

Wenn also IT-Verantwortliche durch ihre Infrastrukturplanungen versuchen, strategische Eventualitäten abzudecken, haben sie am Ende, falls nicht von Anfang an klar war, dass hier die Geschäftsleitung verantwortlich ist, den Schwarzen Peter. Denn wenn die vage geplanten strategischen Schachzüge entfallen und damit auch der neue Infrastrukturbedarf, lasten sie Ressourcen schlecht aus und verbrauchen zu viel Strom.

Wie aber trennt man beide Bereiche sauber voneinander? Terrahe rät, bereits am Anfang der Planungsphase den Bedarf genau zu kalkulieren. „Die meisten Anwender behaupten zunächst, das wäre nicht möglich, weil sich zu viel ändere. Bei näherem Hinsehen stimmt das aber in der Regel nicht“, ist der RZ-Spezialist aus Erfahrung überzeugt.

Die hier dargestellte Klassifizierung von Servern nebst erfahrungsbasierter Schätzung der Leistungsaufnahme sollte bei DataCenter-Kalkulationen zugrunde gelegt werden.
Die hier dargestellte Klassifizierung von Servern nebst erfahrungsbasierter Schätzung der Leistungsaufnahme sollte bei DataCenter-Kalkulationen zugrunde gelegt werden. (Bild: Eco/Terrahe/Wilkens)

Die Anwendung als Ausgangspunkt

Schließlich definiere sich die IT über die Anwendungen. Und die würden sich nicht innerhalb kurzer Zeit ändern, sondern relativ konstant sein. Fiele eine weg, trete normalerweise eine andere, die das Gleiche oder Ähnliches tue, an ihre Stelle.

Im ersten Schritt also gehe es darum, genau den Bestand, seine Leistung und seine Entwicklung in den vergangenen Jahren zu betrachten und aus der Entwicklung eine Trendlinie zu generieren. Hierbei sollte möglichst die reale Auslastung der Systeme zugrunde gelegt werden. Dabei helfen Daten aus Gebäudemanagement oder DCIM (Datacenter Infrastructure Management)-Systemen.

Sind solche Daten nicht vorhanden, muss man die vorhandene IT aufnehmen und mittels eines Konfigurationsprogramms, wie es die meisten Hersteller bereitstellen, die Leistungsaufnahme pro Standard-Rack kalkulieren. Dabei gilt es, realistisch vorzugehen, zum Beispiel mit Hilfe von Erfahrungswerten, wie sie die Grafik darstellt. So werde das Netzteil oft mit voller Leistung in die Berechnung einbezogen, berichtet Terrahe, obwohl häufig nur 60 Prozent seiner Leistung beansprucht würden – das führe dann zur Überdimensionierung.

Fortschreiben der Trendlinie

Eine so ermittelte Trendlinie wird über die kommenden Jahre fortgeschrieben, um den Bedarf während der geplanten Standzeit zu definieren. Sinnvoll sei es dabei, die Wachstumsraten der diversen IT-Komponenten – also Rechenleistung, Speicherkapazität, Bandbreite und Weiteres eher konservativ zu betrachten. „Die meisten Anwender meinen, neue Apps würden die Leistungsaufnahme im Rechenzentrum verändern, das täuscht aber. Der Verbrauch bleibt in der Regel sehr linear“, sagt Terrahe.

Die Performance der IT-Komponenten erhöhe sich jährlich um rund zehn Prozent. Wachse ein Unternehmen weniger als zehn Prozent jährlich, übersteige die Leistungssteigerung der IT das Bedarfswachstum mit der Folge, dass der Bedarf an neuen Servern etc. sinkt, weil die einzelnen Komponenten mehr leisten.

Vermeidung systematischer Fehleinschätzungen

Ist ein Umzug auf neue Infrastruktur geplant, müsse man zudem genau darüber nachdenken, welche Maschinen überhaupt noch gebraucht werden. Oft seien nämlich viele Server, die so genannten Zombies, aktuell vollkommen nutzlos. Bei einem Umzug entfallen sie. „In der Regel beträgt die erforderliche Leistung nach einer realistischen Kalkulation noch um die 80 Prozent der Ausgangsleistung“, sagt Terrahe.

Dass über den Daumen gepeilte Planungen oft zu Überkapazitäten führen, liege, so meint Terrahe, auch daran, dass der rasante Fortschritt der Technologie das Vorstellungsvermögen immer wieder an seine Grenzen bringe. „Früher brauchte man für die Menge an Speicher, die heute in meinem Smartphone steckt, viele Quadratmeter Rechenzentrumsfläche“, sagt er.

Zudem sehe kaum jemand gern der Verkleinerung seines Einflussbereichs tatenlos zu. Es komme durchaus vor, dass Projekte, deren Resultat eine erhebliche Verkleinerung des Rechenzentrums zur Folge hätten, vom Datacenter-Leiter erst einmal auf die lange Bank geschoben werden.

Ulrich Terrahe auf der Gala zum Deutschen Rechenzentrumspreis.
Ulrich Terrahe auf der Gala zum Deutschen Rechenzentrumspreis. (Bild: DC-CE RZ-Beratung)

Nach der Trendanalyse

Nach dem Trending folgt die Festlegung des erforderlichen Sicherheits- und Verfügbarkeitsniveaus. Auch hier werde um den Preis der Aufblähung des Investitionsvolumens oft übertrieben, meint Terrahe. Es komme darauf an, potentielle Ausfallkosten und -risiken individuell und realistisch finanziell zu bewerten und miteinander auszubalancieren.

Weil Anwender sich konkrete Ausfallszenarien oft nicht genau vorstellen können, arbeitet DC-CE RZ-Beratung hier mit einem virtuellen Datacenter-Modell, mit dessen Hilfe sich die Wechselwirkungen in Rechenzentren unterschiedlicher Sicherheits- und Verfügbarkeitsklassen darstellen lassen. Verschiedene Vorfälle sind in ihren Auswirkungen berechenbar.

Terrahe: „Wir helfen den Rechenzentrumsbetreibern so, eine informierte Entscheidung zu treffen. Nur sie können wissen, wie viel Sicherheit und Verfügbarkeit sie brauchen, wie viel Geld sie bereit sind auszugeben, um bestimmte Risiken auszuschließen und mit wie viel Restisiko sie leben wollen.“

ROI und PUE

Anschließend werden die gewünschte Effizienz als PUE oder eine ähnliche Kennzahl, der angestrebte ROI und die Kosten über die gesamte Lebensdauer sowie die vorgesehenen Technologien bestimmt. Erst dann entstehen konkrete Konzepte, aus denen letztlich die Auswahl spezifischer Produkte folgt, deren Preis-/Leistungsverhältnis nun in die Bewertung einfließt.

Das alles gilt für das normale Kerngeschäft beziehungsweise die Infrastruktur, die es unterstützen soll. Nicht auf diese Weise planbar sei dagegen, wie oben schon beschrieben, alles, was darüber hinausgehe - von Firmenfusionen und -übernahmen, neuen, digitalen Gescähftsmodellen über Umstrukturierungen bis zum Einstieg in komplett neue Geschäftsfelder.

All dies wirkt auf die IT zurück und erfordert unter Umständen Investitionen. „Hier kann man nichts messen. Deshalb handelt es sich um eine strategische Investitionsentscheidung der Geschäftsführung, die diese strategische Verantwortung für den Invest übernehmen muss“, betont Terrahe.

* Ariane Rüdiger ist freue Journalistin und lebt in München.

Was meinen Sie zu diesem Thema?
Es gibt da eine ganz einfache Geheimwaffe, die es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt. Ein...  lesen
posted am 12.05.2017 um 13:45 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44676267 / Design und Umgebung)