Je später Fehler auffallen, desto größer der Schaden

Noch immer – ein Fünftel aller Software-Entwicklungsprojekte scheitert

| Autor / Redakteur: Barbara Schön / Ulrike Ostler

Christian Rudolph ist Vice President Borland Sales International bei Micro Focus: "30 und 40 Prozent der Entwicklungszeit wird darauf verwendet wird, Fehler aufgrund ungenauer Anforderungen auszubügeln."
Christian Rudolph ist Vice President Borland Sales International bei Micro Focus: "30 und 40 Prozent der Entwicklungszeit wird darauf verwendet wird, Fehler aufgrund ungenauer Anforderungen auszubügeln." (Bild: Micro Focus)

Die schnelle und effiziente Lieferung besserer Software ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen in der Applikationsentwicklung. Dazu ein Interview mit Christian Rudolph, Vice President Borland Sales International bei Micro Focus.

Der Softwarebereitstellungsprozess lässt sich als Lieferkette erklären. Während aber Lieferketten in der Industrie rund 100 Jahre Zeit hatten, sich zu entwickeln und flexibel zu werden, ist die Software-Entwicklung und deren Supply Chain erst etwas mehr als 25 Jahre alt, musste jedoch in frühen Stadien bereits mit Änderungs- und Varianten-Management zurechtkommen. Ausgelagerte Entwicklungs- und Testprojekte erhöhen die Komplexität zusätzlich.

Vor welchen Herausforderungen steht die Software-Entwicklung heute konkret?

Christian Rudolph: Die größte Herausforderung ist sicher die schnelle Reaktion auf geänderte Marktgegebenheiten und Kundenanforderungen. Das bedeutet: Die Unternehmen müssen bessere Software noch schneller liefern können.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Änderungen vielfach noch während des Entwicklungsprozesses ergeben und entsprechende erste Anpassungen bereits vor Fertigstellung der Software durchzuführen sind, was außerdem zu wenig Vertrauen in die Ergebnisse hinsichtlich der Tests beziehungsweise der Abdeckung der Anforderungen führt. Zusätzlich kommt in vielen Unternehmen noch eine eventuelle Neuausrichtung der Entwicklung in Richtung agiler Entwicklungsmethoden dazu oder zumindest erste Schritte in diese Richtung.

Wie reagiert Micro Focus auf diese Herausforderung?

Christian Rudolph: Micro Focus verfügt mit der Borland-Produktpalette über Lösungen, mit denen die Qualität, die Visibilität, die Nachvollziehbarkeit und die Optimierung von Entwicklungsprozessen sichergestellt werden kann – sowohl in klassischen als auch in agilen Entwicklungsumgebungen. Mit den Lösungen werden auch Bereiche wie Änderungs-Management und Zusammenarbeit von – auch geografisch verteilten – Teams abgedeckt.

Diese Aspekte stehen bei der Optimierung von Prozessen heute mehr denn je im Fokus, um eine schnelle Reaktion auf die Marktgegebenheiten zu erreichen. Möglich ist dies nur, wenn alle Beteiligten mit denselben eindeutigen Informationen arbeiten und somit die Iterationen zur Fehlerbehebung auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Welches ist heutzutage die zentrale Komponente der Software-Entwicklung?

Christian Rudolph: Während in den letzten Jahren eher die Testautomatisierung im Vordergrund stand, ist derzeit ein Schwenk in Richtung Anforderungs-Management zu erkennen. Aktuelle Studien belegen, dass immer noch zwischen 30 und 40 Prozent der Entwicklungszeit darauf verwendet wird, Fehler aufgrund ungenauer Anforderungen wieder auszubügeln.

Trotzdem sind nach wie vor viele Softwareprojekte nicht erfolgreich. Das hat eine Untersuchung von Borland gemeinsam mit Vanson Bourne im Herbst 2013 eindeutig ergeben. So scheitern immer noch über 20 Prozent aller Software-Entwicklungsprojekte. Außerdem verfehlen mehr als 50 Prozent aufgrund eines ungenauen Änderungsmanagements am Ende ihr Ziel.

Welche Maßnahmen unterstützen die Anforderungsdefinition?

Christian Rudolph: Getreu dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ helfen Visualisierungen und Simulationen dabei, die Anforderungen noch eindeutiger zu gestalten. Sie sind wie Prototypen im Autobau eine gute Grundlage für eine erste Validierung beziehungsweise als Diskussionsgrundlage. Mit Hilfe der Simulationen lassen sich auch problemlos Testfälle ableiten, die dann später über das Testmanagement gesteuert – manuell oder automatisiert – abgearbeitet werden können.

Was sind die Trends, die derzeit den Markt der Software-Entwicklung bestimmen?

Christian Rudolph: Hier ist ganz klar das Mobile Testing zu nennen. Da immer mehr mobile Devices im Geschäftsumfeld genutzt werden, gewinnt dieses bisher stiefmütterlich behandelte Thema eine deutlich höhere Priorität. Es ist inzwischen beinahe ebenso wichtig wie der Bereich Web-Applikationen, um den Erfolg eines Unternehmens sicherzustellen.

Welche Rolle spielt dabei die Vielzahl der Plattformen und Browser?

Christian Rudolph: Aufgrund der Tatsache, dass Applikationen auf verschiedenen Plattformen beziehungsweise Web-Applikationen in verschiedenen Browsern zur Verfügung stehen müssen, erhöht sich auch die Anzahl der erforderlichen Testläufe. Mit Hilfe von speziellen Konfigurations- beziehungsweise Cross-Browser-Testverfahren hält sich die Komplexität durch geschickte Wiederverwendbarkeit und Verteilung im Rahmen.

Dies ist auch verbunden mit einer deutlich steigenden Qualität. Hierbei hilft die nahtlose Verzahnung von Testautomatisierung und Test-Management, die wir mit den Werkzeugen der „Silk“-Familie sicherstellen.

Wie lautet Ihr Fazit bezogen auf die angesprochene Analogie zur industriellen Supply Chain?

Christian Rudolph: Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass die Software-Entwicklung zwar deutlich weniger Zeit hatte, sich den Anforderungen einer modernen Supply Chain zu stellen, und die zusätzlichen Herausforderungen durch Auslagerung verschiedener Prozesse nicht weniger werden, aber die Herangehensweise jedoch professionalisiert werden kann. Die nachträgliche Fehlerbehebung kann zwar in den seltensten Fällen vollständig ausgeschlossen werden, aber durch moderne Methoden und Werkzeuge zumindest stark minimiert werden.

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