Ist der bi-modale IT-Ansatz verfehlt?

Multi-modale IT statt bipolarer Störung

| Autor / Redakteur: Andreas Schlüter* / Ulrike Ostler

Was ist sinnvoll an bi-modaler IT? fragt Andreas Schlüter von NTT Data.
Was ist sinnvoll an bi-modaler IT? fragt Andreas Schlüter von NTT Data. (Bild: © maunzel/ Fotolia.com)

„Nicht zielführend“ - das ist eine häufige Kritik an dem von der Unternehmensberatung Gartner definierten Begriff „bi-modale IT.“ Doch was genau gehört kritisiert und was daran sollte Anregung sein? Andreas Schlüter von NTT Data rollt das Thema auf.

Die Enterprise-IT verändert sich signifikant – in den letzten Jahren beschleunigte sich diese Transformation noch. Bereits 2014 führten Gartner Analysten einen neuen Begriff in die Diskussion der Enterprise-IT ein: bi-modale IT. Er gab einem neuen IT-Modell einen Namen, auf dessen Basis sich die Unternehmens-IT steuern lässt – und das sich von dem auf Sicherheit und Korrektheit fokussierten traditionellen Modus abhebt.

Der Fokus bei diesem Modell liegt auf Agilität und Geschwindigkeit. Der Begriff reihte sich nahtlos in die bereits bestehende Diskussion rund um „Pace-layered Architecture“ (Gartner 2011) sowie der Unterscheidung zwischen Systems of Engagement und Systems of Record (Geoffrey Moore, 2011) ein. Die subtilen Unterschiede der drei Ansätze gingen dabei verloren. Das Ergebnis: Im Back-End wurden Legacy-Systeme nach dem traditionellen Modell entwickelt, parallel dazu aber neue agile und schnelle Front-End-Systeme.

IT-Experten kritisieren diesen Ansatz zu Recht als nicht zielführend. Die Organisation der IT führt dann zu einer Art „bipolaren Störung“ – ähnlich wie die psychische Störung schwankt sie kontinuierlich zwischen hohen Aktivitätsphasen und einer depressiven Stimmung der Niedergeschlagenheit. Auf die IT bezogen bedeutet dies ein agiles, sehr aktives Front-End-System und ein überlastetes, „niedergeschlagenes“ Back-End, das unter der Last der Legacy-Systeme ächzt.

Das gleiche Bild zeichnet sich im Hinblick auf Investitionen ab: Sie fließen in die Front-End-Anwendungen, nicht in die veralteten Back-End Applikationen, die dringend auf den neuesten Stand gebracht werden sollten. Beide Systeme müssen aber eng miteinander verzahnt sein, damit ein Unternehmen seine Geschäftsziele erreicht.

Unter dieser Prämisse bringt eine bi-modale IT-Organisation keinen Fortschritt zur Vergangenheit. Hier galt es, die Gegensätzlichkeit der „zentralen IT“ und der – je nach eigener Position – als „Business-IT“ oder „Schatten-IT“ bezeichneten dezentralen IT-Entwicklung aufzubrechen, oftmals jedoch erfolglos.

Heißt dies im Umkehrschluss, dass gesamte bi-modale IT-Ansatz verfehlt ist? Oder dass er eine von Analysten entwickelte Rechtfertigung dafür ist, das Business neue Anwendungen agil zu entwickeln lassen und die Legacy-Systeme die Aufgabe der IT-Abteilung sind?

Selbstverständlich nicht, denn nur die IT-Teams können gewährleisten, dass die wachsende Komplexität der Legacy-Strukturen nicht die Effizienz, Time-to-Market, Agilität und Flexibilität der IT-Delivery belasten. Gleichzeitig müssen sie den Anforderungen der digitalen Transformation gewachsen sein, die die Fähigkeiten der IT erfordern, damit Unternehmen weiterhin erfolgreich am Markt bestehen können.

Multi-modale IT-Organisationen müssen flexibel sein, um die jeweils für bestimmte Zielsetzungen erforderlichen Steuerungsmechanismen zielführend einsetzen zu können – und zwar ohne im Chaos zu enden. Häufig bedeutet dies Kompromisse zwischen der notwendigen Business-Agilität, einer nachhaltigen Lösung und deren Durchführbarkeit sowie Kosten. Diese komplexeren Herausforderungen treten an die Stelle von einfachen Gegensätzen wie „explorativ und schnell“ versus „nachhaltig und langsam“. Bei jeder Anforderung oder jedem Projekt müssen sie neu entschieden werden.

Die wichtigste Herausforderung ist hierbei, die Agile- und Lean-Methoden auch im Enterprise-Kontext in großem Stil nutzbar zu machen. Dies erfordert aufeinander abgestimmte Maßnahmen, die sich in vier Bereiche kategorisieren lassen:

Keine Reibungsverluste, die durch Wassereimer-artige Übergabe der Verantwortlichkeit für eine IT-Lösung entstehen, dank horizontaler Teams. Die Verantwortlichkeiten innerhalb der Teams sind fest definiert und fokussieren sich auf die Lösung einer dezidierten Herausforderung oder Anfrage.

Architektonische Umgestaltung der Systemlandschaft zu einem Plattform-basierten Modell. Modulare Komponenten wie Services und Apps ersetzen das Wasserfallmodell und werden auf einer Service-Plattform lose gekoppelt bereitgestellt.

Bereitstellung einer Cloud-basierten IT-Delivery-Infrastruktur, die es ermöglicht, mit der zunehmenden Geschwindigkeit und Parallelität von Änderungen und feinere Granularität der zu verwaltenden Lösungskomponenten in agilem DevOps-Modus effektiv und effizient umgehen zu können.

Schließlich eine adaptive Sourcing-Strategie, über die sich verschiedene IT-Partner mit unterschiedlichen Kompetenzen – gegebenenfalls über ein ganzes Ökosystem von Business-Partnern hinweg – zielgerichtet steuern lassen (Multi-Tier Sourcing). Neben den klassischen IT-Anbietern, Systemintegratoren und Entwicklungsdienstleistern können auch Startups, individuelle IT-Spezialisten oder Crowdsourcing-Modelle integriert werden.

Die Organisation der IT Auslieferung sollte sich rein an den positiven Merkmalen des bi-modalen Modells orientieren, sprich: an der Agilität, Flexibilität und Innovation. Damit erhalten Firmen sowohl im Back-End als auch im Front-End agile Lösungen, die den Komplexitäts- und Wartungsaufwand für die IT-Abteilung deutlich reduziert .

* Andreas Schlüter ist Head of Innovation & Architecture Advisory bei NTT Data.

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44698418 / Anwendungen)