Edge-Rechenzentren

IoT verändert die Datacenter-Landschaft

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Das Edge-Datacenter von Rittal eignet sich für 2 bis 6 Racks und die Indoor-Montage.
Das Edge-Datacenter von Rittal eignet sich für 2 bis 6 Racks und die Indoor-Montage. (Bild: Ariane Rüdiger)

Zwischen den riesigen Rechenzentren im Herz der Cloud und den Sensoren und Aktoren im Internet of Things (IoT) an der Peripherie tut sich eine gewaltige Lücke auf. Edge-Datacenter sollen sie füllen. Viele Hersteller haben bereits Produkte in diesem Bereich auf den Markt gebracht

Es ist eigentlich gleichgültig, ob es im Jahr 2020 nun 20, 50 oder 70 Milliarden im Internet of Things vernetzte Devices sein werden, die Sensoren tragen und deswegen permanent Daten erzeugen. In jedem Fall sind es weit mehr Geräte als Menschen, und die dann erzeugten Datenmassen übersteigen das menschliche Vorstellungsvermögen.

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Doch damit diese Daten irgendwelchen Nutzen erzeugen, müssen sie verarbeitet werden, und dies kann unmöglich ausschließlich in großen, zentralen Rechenzentren erfolgen. Denn viele Vorgänge benötigen so schnelle Entscheidungen, dass die möglichen Verzögerungen, die Datentransport, Analyse im Zentrum und Rücktransport von Daten oder Steuerbefehlen einfach zu lange dauern.

Und nicht immer ist es möglich oder sinnvoll, alle Daten direkt im Device, beispielsweise im fahrenden Fahrzeug, zu analysieren. Auch die Computerlogik einer Haussteuerung wäre wahrscheinlich am besten im Haus oder in der unmittelbaren Nachbarschaft untergebracht und nicht in einem weiter entfernten Cloud-Rechenzentrum.

An der Ecke

Aus dieser Logik heraus entstand die Idee, kleine Edge-Rechenzentren, gern auch als Mini- oder Mikro-Rechenzentren bezeichnet, zu errichten. Das Marktforschungsunternehmen IHS Markit definiert sie als RZs mit einem Leistungsvermögen zwischen 10 und 100 kW – wobei die Grenze durchaus weiter unten angesetzt werden könnte, wie die weiter unten befindlichen Produktbeispiele zeigen. Datacenter Dynamics nennt für diesen Markt 2015 ein Volumen von 1,7 Milliarden Dollar, das sich bis 2020 auf 6,3 Milliarden Dollar erhöhen soll, was einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von knapp 30 Prozent entspricht.

Die auf der CeBIT vorgestellte Grundeinheit für ein Mikrorechenzentrum von Vertiv hält Feuer, Wasser und Einbrechern stand.
Die auf der CeBIT vorgestellte Grundeinheit für ein Mikrorechenzentrum von Vertiv hält Feuer, Wasser und Einbrechern stand. (Bild: Ariane Rüdiger)

Reichhaltiges Angebot

Auf der Cebit gab es in diesem Jahr eine ganze Reihe derartiger Produkte zu besichtigen. So zeigte Vertiv ein komplettes Basissystem für Mikro-Rechenzentren mit allem, was dazugehört.

Auch HPE präsentierte eine solche Lösung. Schon im Herbst wurde das Mikro-Rechenzentrum mit integriertem Kühler und bei Außenaufstellungen auch entsprechenden Schutzmaßnahmen etwa gegen Wasser und Brand vorgeführt. Es eignet sich für IT-Systeme mit einem Gesamtverbrauch von 8 Kilowatt. Drei vordefinierte Konfigurationen sind bestellbar: Cloud, Big Data und Backup/Recovery.

Das Mikrorechenzentrum von HPE wurde im Herbst 2016 angekündigt und auf der Cebit 2017 gezeigt. Das System ist für In- und Outdoor-Montage erhältlich.
Das Mikrorechenzentrum von HPE wurde im Herbst 2016 angekündigt und auf der Cebit 2017 gezeigt. Das System ist für In- und Outdoor-Montage erhältlich. (Bild: Ariane Rüdiger)

Gleichzeitig gab HPE bekannt, beim Thema Mikro-Rechenzentrum mit Rittal zusammenarbeiten zu wollen. Das dürfte beiden nutzen: Der Spezialist für IT-Schränke und andere RZ-Infrastruktur aus Herborn braucht einen globalen Partner, um mit den Großen der Branche, namentlich Vertiv, Schneider und Eaton mithalten zu können. Und HPE baut selbst keine Schränke, braucht aber einen Partner mit unangefochtenem Renommeé. Zu finden sein dürften in vielen von HPE ausgerüsteten Mikro-Datenzentren die „HPE Simplivity“-Boxen, mit Simplivity-Software arbeitende „Proliant-DL380“-Server.

Das Edge-Datacenter von Rittal eignet sich für 2 bis 6 Racks und die Indoor-Montage.
Das Edge-Datacenter von Rittal eignet sich für 2 bis 6 Racks und die Indoor-Montage. (Bild: Ariane Rüdiger)

Weitere Systeme für Kleinstrechenzentren

Rittal selbst zeigte auf der Messe ein Edge Datacenter für zwei bis sechs Racks, das allerdings nicht outdoor-geeignet ist. Für solche Zwecke empfiehlt das Unternehmen verschieden dimensionierte Container, die dann nach Bedarf der jeweiligen Kunden mit Infrastruktur befüllt werden.

Schneider stellte im März in London sein „Micro DC Xpress“ vor, das in Europa irgendwann 2017 verfügbar werden soll. Von der Bestellung bis zur Auslieferung der voll ausgestatteten Box dauert es zwei bis drei Wochen. Mitgeliefert werden neben diversen Sicherheits- und Schutzfunktionen Schneiders Datacenter Infrastructure Management (DCIM)-Software „Struxureware for Data Centers“, und die integrierte Architekturplattform „Ecostruxure“.

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Dells im Herbst 2016 präsentiertes „Micro Modular Datacenter“ (MDC) besteht aus drei Racks, die insgesamt bis zu 96 Compute-Knoten fassen. Sie stecken in einem Rack, die beiden anderen enthalten Komponenten für die Stromversorgung und Kühlung.

Noch unbekannte Namen

Hierzulande weniger bekannt ist der australische Hersteller Zellabox, der sein „Modular Micro Datacenter“ in diversen Formaten anbietet. Das Minirechenzentrum enthält alle nötigen Rechenzentrumskomponenten, ist aber nur 25, 30 oder 38 Höheneinheiten hoch, von denen 19, 24 oder 32 Höheneinheiten für die IT zur Verfügung stehen. Während in „Cubb“ nur ein Kühlsystem zur Verfügung steht, ist es in „Cubb Duo“ doppelt ausgelegt. Raum für Rechenkomponenten geht dadurch aber nicht verloren.

Das US-Unternehmen Instant Data Centers (früher Elliptical Mobile Solutions) bietet drei Typen von Mikro-Rechenzentren an. HD Raser eignet sich für Innen- und Außeneinsatz, hat integrierten Feuerschutz, überwacht die Umgebung und bietet elektronische Sicherheitsmechanismen.

Verschiebbar mit dem Gabelstapler: Das Mikro-Rechenzentrum Spear von Instant Data Centers
Verschiebbar mit dem Gabelstapler: Das Mikro-Rechenzentrum Spear von Instant Data Centers (Bild: Instant Data Centers)

Die Leistungsdichte beträgt mehr als 1 Kilowatt pro Quadratfuß oder rund 10 Kilowatt pro Quadratmeter. Das PUE liegt bei 1,1. „Spear“ ist eine Indoor-Variante, die der Hersteller für Regierung und Verwaltung oder Unternehmensniederlassungen empfiehlt, die eine preiswerte RZ- oder Co-Location-Lösung suchen und für Leistungsdichten von 2,5 bis 6 Kilowatt. Eine Outdoor-Variante ist verfügbar.

Das mobile Rechenzentrum kann wie Lagerpaletten mit einem Gabelstapler transportiert werden. „DX Raser“ ist ein vollwertiger Ersatz für ein hochsicheres RZ-Gebäude. Die Box bietet 42 Höheneinheiten für 12 Kilowatt IT-Leistung und integriert ein vollwertiges Kühlsystem. Die Produkte werden derzeit nur übers Web vertrieben.

Canovate Group stellt neben diversen Komponenten für Server-Schränke und die RZ-Infrastruktur auch Mikrorechenzentren her. Die Typen „CPJ –X-2460 A- T2K“ (2 Kilowatt) und „T4K“ (4 Kilowatt) integrieren diverse physische Schutzmechanismen nach IP 54. Sie enthalten neben einem Umgebungsmonitoring auf Wunsch auch ein DCIM.

Stromsparen ade?

Wahrscheinlich werden noch erheblich mehr derartige Systeme auf den Markt kommen. Die Nachfrage nach solchen Lösungen könnte gewaltig werden. Reinhard Purzer, Vice President und Managing Director DACH bei Vertiv: „Wenn sich das autonome Fahren weiter verbreitet, gehen Spezialisten davon aus, dass man an den Straßen alle 15 Kilometer ein kleines Rechenzentrum braucht.“ Weitere potentielle Standorte sind die lokalen Umspannwerke auf der Verteilnetzebene im Smart Grid oder die Steuerzentrale eines komplexeren Hausnetzes.

Wenn diese Prognosen zutreffen und dann zur Vorverarbeitung der allgegenwärtigen Sensordaten mehr oder weniger an jeder Straßenecke ein solches System seinen Platz findet, stellt sich die Frage, wie der forcierte IT-Einsatz insgesamt Energie einsparen soll. Läuft ein einziges 5-Kilowatt-Mikrodatenzentrum voll ausgelastet 24x7, verbraucht es an einem Tag 120 Kilowattstunden, in einer Woche 840 Kilowattstunden, in einem Monat mit vier Wochen 3,3 Megawattstunden und in einem Jahr knapp 40 Megawattstunden – das ist so viel wie etwa acht durchschnittliche Einfamilienhäuser, die zusätzlich zu allen Stromverbräuchen von Enduser-Devices, zu Heizung, Beleuchtung und mehr anfallen. Strom sparen geht anders.

* Ariane Rüdiger ist freie Journalsitin und lebt in München.

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