„Unsere Rechenzentren sind auf maximale Skalierbarkeit ausgelegt“

Doppelinterview zur Datacenter-Strategie von T-Systems

| Autor / Redakteur: Miriam Theilacker / Ulrike Ostler

Blick auf das Telekom-Rechenzentrum in Biere
Blick auf das Telekom-Rechenzentrum in Biere (Bild: Deutsche Telekom AG)

Dr. Stefan Bucher, operativer Leiter der T-Systems IT-Division, und Jörn Kellermann, Leiter Global IT Operations, erläutern, welche Rechenzentrumsstrategie die Geschäftskundensparte der Telekom verfolgt, warum weniger mehr sein kann und welche Rolle der Datacenter-Campus Biere dabei spielt.

Die Digitalisierung des privaten und wirtschaftlichen Lebens schreitet schnell voran. Welche Rolle nehmen Rechenzentren hierbei ein?

Dr. Stefan Bucher besetzt die Position operativer Leiter der T-Systems IT-Division.
Dr. Stefan Bucher besetzt die Position operativer Leiter der T-Systems IT-Division. (Bild: T-Systems)

Stefan Bucher: Der Wunsch des Menschen, Daten und Informationen schnell über das Internet auszutauschen, macht eine zuverlässige Infrastruktur unerlässlich. Und im Mittelpunkt dieser Infrastruktur stehen seit jeher die Rechenzentren. Heute bildet das globale Netzwerk der Rechenzentren von T-Systems die physikalische Basis für die großen Themen der Digitalisierung. Cloud Computing, Digital Media, Internet of Things, Big Data und Industrie 4.0 werden erst durch Datacenter möglich. Rechenzentren sorgen für zuverlässige und sichere Geschäftsprozesse in der digitalen und vernetzten Welt.

Man sollte meinen: Immer mehr Daten erfordern immer mehr Rechenzentren. Sie jedoch wollen die Anzahl Ihrer Rechenzentren bis 2018 von einst 89 auf 11 reduzieren. Wie passt das zusammen? Und wo werden Sie künftig Rechenzentren betreiben?

Stefan Bucher: Hier gilt die Devise: Weniger ist mehr. Wir konzentrieren uns auf effiziente, skalierbare Rechenzentren an gezielt ausgewählten Standorten. So können wir die Anzahl der Datacenter auf wenige, moderne Anlagen reduzieren und dennoch die Kapazitäten steigern.

Aktuell betreiben wir auf nahezu allen Kontinenten – mit Ausnahme von Australien – Rechenzentren mit einer Gesamtleistung von beinahe 83 Megawatt auf über 94.000 Quadratmetern Fläche. Die Standorte wählen wir danach aus, wo Rechenzentren für unsere Kunden sinnvoll sind.

Was versprechen Sie sich von diesen „Gigafabriken“? Welche Vorteile bieten sie gegenüber herkömmlichen Rechenzentren?

Jörn Kellermann leitet den Bereich Global IT Operations bei T-Systems.
Jörn Kellermann leitet den Bereich Global IT Operations bei T-Systems. (Bild: Benjamin Schenk, Foto Studio Hirch D- 64283 Darmstadt)

Jörn Kellermann: Nicht die Größe der Rechenzentren ist für uns entscheidend. Unsere Datacenter sind an die Anforderungen der Kunden morgen angepasst. Dabei fokussieren wir ganz klar auf Kundenzufriedenheit. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Rechenzentren sind ausgelegt auf maximale Skalierbarkeit für einen extrem wirtschaftlichen Betrieb, auf effizientere Arbeitsweisen, signifikante Unterstützung von Green-IT und auf größtmögliche Sicherheitsstandards.

Durch die Konzentration der Rechenzentren an wenigen Standorten weltweit wächst die Entfernung zu den Geschäftskunden. Ist räumliche Nähe nicht nötig für eine schnelle Datenverarbeitung – etwa, wenn es um Echtzeitanalysen wie beim vernetzten Fahren geht?

Stefan Bucher: Durch Cloud und Georedundanz werden geografische Entfernungen heutzutage zunehmend bedeutungslos. Der technologische Fortschritt in der Connectivity macht es möglich, dass selbst Anwendungen mit sehr hohen Kommunikationsanforderungen bereits heute über lange Strecken unterstützt werden können. Der Trend geht sogar dahin, dass dies bald auch über Kontinente hinweg möglich sein wird.

Grundvoraussetzung hierfür ist ein schnelles Netz: Mit 5G, dem LTE-Nachfolger, gibt es hierfür eine Zukunftslösung mit minimierter Latenzzeit. Diese Technologie erproben wir bereits heute – beispielsweise auf dem digitalen Testfeld „A9“. Hier tauschen Fahrzeuge Gefahreninformationen über das Mobilfunknetz aus.

Die Kommunikation erfolgt erstmals nahezu in Echtzeit, da sich die Signallaufzeit zwischen zwei Fahrzeugen durch den Einsatz von Einschubmodulen, so genannten Cloudlets, an den Mobilfunk-Basisstationen auf unter 20 Millisekunden reduziert. Das Rechenzentrum selbst muss also nicht zwingend in der Nähe sein; denn viele kleine Knoten in einem schnellen Netz ermöglichen in Zukunft die Echtzeitkommunikation auch über große Entfernungen.

Im Network Operation Center des Telekom-Rechenzentrums in Biere.
Im Network Operation Center des Telekom-Rechenzentrums in Biere. (Bild: Deutsche Telekom AG)

Haben Ihre Rechenzentren unterschiedliche Schwerpunkte oder kann jedes alles leisten?

Jörn Kellermann: Grundsätzlich sind all unsere Rechenzentren nach hohen Qualitätsstandards ausgelegt, die einem Tier-3-analogen Betrieb entsprechen. Darüber hinaus hat jedes Datacenter bestimmte Leistungsschwerpunkte – von Cloud über Modularität bis Sicherheit – die sich nach dem Anforderungsprofil der Kunden in der jeweiligen Region richten.

So haben wir beispielsweise eine effiziente „Twin Core„“-Lösung in Großbritannien etabliert, ein modular wachsendes Rechenzentrum mit besonders hoher Skalierbarkeit in Spanien aufgebaut sowie das mit Abstand sicherste Datacenter in Biere errichtet.

Welche Rolle spielt der Datacenter-Campus Biere, den Sie gerade für einen dreistelligen Millionenbetrag ausbauen, in Ihrer weltweiten Rechenzentrumsstrategie?

Stefan Bucher: Biere ist ein ganz zentraler Punkt unserer Rechenzentrumsstrategie und das Datacenter mit der größten strategischen Bedeutung. Dort orchestrieren wir das Who-is-Who der Cloud-Anbieter. Biere bietet eine einmalige Kombination von modernster Rechenzentrumstechnik und effizientestem Betrieb mit den höchsten physischen und digitalen Sicherheitsvorkehrungen. Und mit einem PUE-Wert von 1,3 ist der Stromverbrauch um etwa 30 Prozent niedriger als bei herkömmlichen Rechenzentren.

Weil die Nachfrage nach den Leistungen aus Biere so groß ist, erweitern wir dort jetzt die Kapazitäten bis Frühsommer 2018 um 150 Prozent. Zu den beiden bestehenden Rechenzentrumsmodulen kommen drei weitere hinzu. Die IT-Leistung steigt durch den Ausbau auf stolze 18 Megawatt. Damit werden wir den Wachstumsplänen unserer Kunden gerecht. Deren positive Resonanz macht uns stolz und bestärkt uns darin, dass wir mit unserer Rechenzentrumsstrategie auf dem richtigen Weg sind.

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Selbst führende amerikanische IT-Firmen speichern ihre Daten in Biere. Was ist der Vorteil des Standortes, der auch gern als „Fort Knox für Daten“ bezeichnet wird?

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Jörn Kellermann: Der klare USP unseres Rechenzentrums in Biere ist maximale Sicherheit – physisch wie digital. Erdwälle, Stacheldraht, Kameras, Bewegungsmelder, Vereinzelungsanlagen und Handflächenscanner bilden die äußere Schutzschicht. Ausschließlich autorisierte Mitarbeiter erhalten Einsicht in die gespeicherten Informationen, die nur nach dem Need-to-know-Prinzip genutzt werden dürfen.

Darüber hinaus schützen Firewalls den Zugang zum Rechnernetz. Um Hacker oder Datendiebe abzuwehren, fließen alle Informationen in einem geschlossenen System durch verschlüsselte IP-VPN-Tunnel, separiert von öffentlichen Netzen. Intrusion-Detection- und -Prevention-Systeme ergänzen die Firewall und analysieren, ob sich Schadcodes in den Datenströmen befinden. Mit diesen umfassenden Sicherheitsmaßnahmen ist Biere so gut geschützt, dass sogar führende amerikanische IT-Unternehmen uns die Treuhänderschaft für ihre Daten übergeben haben [siehe zum Beispiel: Microsoft verdoppelt Cloud-Kapazitäten].

Sie sagen, dass Sie in Biere drei zusätzliche Rechenzentrumsmodule errichten. Ist danach ein weiterer Ausbau möglich?

Jörn Kellermann: Ja, wir können und werden in Biere noch weiter wachsen. Die nötige Ausbaureserve haben wir von Anfang an eingeplant. Das Gelände bietet uns Platz für insgesamt 20 Module. Doch diese modulare Bauweise dient nicht nur als Blaupause zur Erweiterung des bestehenden Campus. Bei ähnlichen klimatischen Bedingungen können wir das bestehende Konzept auch auf andere Standorte übertragen. Insbesondere zu diesem modularen Aufbau erhalten wir zahlreiche Anfragen, was uns darin bestärkt, dass wir hier ein Vorzeigemodell für moderne Rechenzentren in Deutschland geschaffen haben.

Experten prognostizieren eine Vervierfachung des weltweiten Cloud-Traffic von 2,1 Milliarden in 2014 auf 8,6 Milliarden Terabyte in 2019. Das ist eine Menge....

Jörn Kellermann: Für diese Entwicklung fühlen wir uns geradezu ideal aufgestellt. Die Kapazitäten werden dank jeweils neuester Technologien – wie Flash-Speicher – immer kompakter, so dass wir weniger Platz für noch mehr Kapazität benötigen. Auch das exponentielle Wachstum des Cloud-Traffic können wir so durch unsere hochmodernen Rechenzentren auffangen.

Doch könnte der weltweit benötigte Datenspeicher künftig nicht sogar wieder reduziert werden, weil die Daten direkt im Gerät ausgewertet werden?

Stefan Bucher: Die Datenflut wird exorbitant zunehmen und die dafür benötigten Speicherkapazitäten werden enorm wachsen müssen. Diese Entwicklung ist mit lokalen Speichern nicht zu bewältigen und die Geräte selbst werden schon bald mit der Auswertung überlastet sein.

Es führt kein Weg an skalierbaren Rechenzentren und leistungsfähigen Clouds vorbei. Nur so können die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich gemeistert werden.

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