Ein neues Universum für Mainframe-Anwendungen

Die Kunst des „Re-Hosting“

| Autor / Redakteur: Didier Durand* / Ulrike Ostler

„Eine Mainframe-Migration ist ein wenig wie die Neuerfindung des Rades, sagt Didier Durand ist VP Product Management bei Lzlabs.
„Eine Mainframe-Migration ist ein wenig wie die Neuerfindung des Rades, sagt Didier Durand ist VP Product Management bei Lzlabs. (Bild: Von NASA/JPL - The Sounds of Earth Record Cover, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=137443 / CC0)

Bei einer „Re-Hosting“-Migration von Mainframe-Applikationen könnte schnell und unkompliziert stattfinden, wenn der Anwendungscode nicht geändert werden müsste. Das ist die These. Und so soll das funktionieren:

Modernisierung ist in Unternehmen ein ständiger Prozess. Die dafür benötigten Maschinen müssen gepflegt werden, denn auf ihnen ist das Geschäft aufgebaut. Wenn Unternehmen in einer zunehmend wettbewerbsintensiven Landschaft überleben wollen und die Geschwindigkeit des technologischen Wandels konstant bleibt, könnte man daraus folgern, dass – solange die Kerngeschäftsprozesse ordnungsgemäß funktionieren – es nicht notwendig ist, Teil der Modernisierungswelle zu sein.

Die eigentliche Frage besteht jedoch darin, ob ein Unternehmen überhaupt in der Lage ist, seine Applikationslandschaft zu modernisieren – sollte es sich schließlich dafür entscheiden.

Denn ständige Modernisierung ist nun einmal der Schlüssel zur Sicherung der Zukunft. Diejenigen, die sich dabei auf Legacy-Systeme wie Mainframes für ihre Kerngeschäftsprozesse verlassen, werden künftig wohl nur eingeschränkt neue Plattformen und Technologien nutzen können und sich somit dem Risiko ausgesetzt sehen, nicht modernisieren zu können.

Großrechnerlösungen begannen ihre Karriere als leistungsfähige Rechenplattform, mit der Großunternehmen die Ressourcen skalieren und damit notwendige Funktionen verbessern konnten, um die Nachfrage ihrer Kunden zu erfüllen. Deswegen wurden Mainframes im Verlauf des vergangenen halben Jahrhunderts zu einer der maßgeblichen Stützen vieler Unternehmen. Noch heute werden über 70 Prozent der weltweiten Finanztransaktionen von Großrechner-Anwendungen verarbeitet.

Zeitgemäß oder Alteisen?

Bereits seit längerem wird darüber diskutiert, ob Mainframes noch zeitgemäß sind, um Geschäfte in einem modernen, wettbewerbsorientierten Umfeld zu betreiben. Da wünschen sich viele einen „Re-Hosting“-Ansatz der bestehenden Applikation ohne umfangreiche Anpassungen dieser.

Denn immerhin war die Migration von Mainframe Applikationen eine Quelle vieler Probleme, wie etwa der vollständigen Anpassung bestehender Anwendungen oder abweichender Resultate der neuen Plattform. Dies hielt bislang viele davon ab, ihre Mainframe-Anwendungen auf moderne Plattformen zu migrieren und in moderne Sprachen umzubauen.

Der Klassiker

Es gibt viele Gründe, weswegen Unternehmen ihre Anwendungen modernisieren möchten und genauso gibt es auch viele verwendete Methoden, um diese Modernisierung durchzuführen. Der „Re-Hosting“-Ansatz ist bei der System-Migration der Klassiker.

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Für seine Umsetzung existiert eine Reihe von Möglichkeiten. Die neueste und vielleicht die schnellste und zuverlässigste Methode, ist eine Migration ohne Änderungen am Anwendungscode. Damit können Applikationen schnell und weitestgehend risikolos auf die neue Plattform migriert werden. Änderungen am Code sind oft mit Systemausfällen und Inkonsistenzen verbunden, denn viele Szenarien können nicht getestet und mit dem bestehenden System effektiv verglichen werden.

Diese Art von „Re-Hosting“ verfügt im Wesentlichen über drei Stadien:

  • 1. Sammeln aller Applikations-Artefakte in ihrer ausführbaren Form auf dem Quellsystem
  • 2. Verschieben des Pakets auf die neue Plattform
  • 3. Auspacken und starten

Um ein „Re-Hosting“ durchzuführen, müssen die auf dem Mainframe-Subsystem laufenden Systemdienste nativ für Linux neu geschrieben werden. Dazu gehören Systeme für Transaktions-Management, Batch-Scheduling, indizierte Datensätze und relationale und hierarchische Daten. Um es mit Carl Sagan zu sagen: Wenn Sie eine Mainframe-Umgebung, die auf modernen, offenen Plattformen laufen soll, exakt neu erstellen möchten, müssen Sie zuerst das Universum erfinden.

Die Erfindung des Universums

Ein Übersetzer ist dabei nahezu unerlässlich, um die Mainframe-Binärdateien, die auf der Maschinesprache der Großrechner-Prozessoren basieren, in die Maschinensprache der Intel-x86-Xeon-Prozessoren umzusetzen, so dass sie auf Linux verwendet werden können. Dieser Vorgang wird als "Dynamic Instruction Set Architecture Translation" bezeichnet. Diese transformierten Binärdateien können dann in einem Managed Container laufen.

Für diesen Ansatz sprechen eine ganze Anzahl konkreter Vorteile:

  • Keine Probleme bei internen Endnutzern oder bei Kunden aufgrund von Fragen, die sich aus dem Neuschreiben des Anwendungscodes ergeben und die etwa zu Diskrepanzen in Ergebnissen führen können. Die Folge dieser Probleme, die mit traditionellen Migrationen einhergehen, führen oft zu einem Misstrauen gegen das neue System.
  • Die Umschulung und damit auch der Produktivitätsverlust bei den Endnutzern entfällt. Diese können mit ihren täglichen Aufgaben gewohnt nachgehen. In Bezug auf die tägliche Interaktion mit der Anwendung ändert sich nichts.
  • Ein effizienter Weg, um die Migration zu validieren, ist der Test und die Validierung auf vollständige Kompatibilität. Die Ergebnisse sind dann entweder streng identisch oder nicht. Dieser Ansatz lässt keinen Raum für subjektive Interpretation, es ist völlig objektiv.
  • Eine einfache Automatisierung der Prüfung im großen Maßstab ist möglich.
  • Der Ansatz löst die erste Hälfte der Modernisierungsprobleme innerhalb einer kurzen Zeit. Die Anwendungen werden auf eine moderne, langfristig tragfähige Plattform umgestellt. Sie basiert auf Standard-Hardware und kann von auf dem Arbeitsmarkt gut verfügbaren Linux-Systemadministratoren betreut werden, die wesentlich einfacher zu rekrutieren sind als Mainframe-Systemadministratoren.
  • Die Kosteneinsparungen moderner IT-Plattformen werden sofort erreicht, bevor eine längerfristige Applikations-Modernisierung beginnt - ein schneller und höchst positiver ROI.

Nachdem das „Re-Hosting“ stattgefunden hat, können Anwendungen ihren Modernisierungsprozess in einer modernen Umgebung beginnen. Legacy-Anwendungen bieten dann eine reiche und web-basierte Oberfläche, sind über Web Services erreichbar und innerhalb Container-Microservices angesiedelt. Dies wirkt sich besonders gut auf die Interoperabilität aus.

Der heutige Vice President Product Management bei Lzlabs Didier Durand hatte zuvor im Jahr 2011 bereits das Unternehmen Eranea gegründet, das sich damit beschäftigte, automatisiert Mainframe-Anwendungen in Java und auf x86er Plattformen zu transformieren.
Der heutige Vice President Product Management bei Lzlabs Didier Durand hatte zuvor im Jahr 2011 bereits das Unternehmen Eranea gegründet, das sich damit beschäftigte, automatisiert Mainframe-Anwendungen in Java und auf x86er Plattformen zu transformieren. (Bild: Lzlabs)

Eine Mainframe-Migration ist ein wenig wie die Neuerfindung des Rades. Eigentlich müssten auch die Mainframe-Anwendungen neu erfunden werden, bevor eine Migration stattfinden kann. Jedoch können bei einer „Re-Hosting“-Migration die Applikationen sofort migriert werden, wenn der Anwendungscode nicht geändert wird. Im Wesentlichen wurde der Mainframe neu erfunden, aber nun arbeitet er auf moderner und offener Infrastruktur – deren Vorteile unmittelbar zur Verfügung stehen.

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