EN 50600

Die Einheitsnorm für Bau und Betrieb von Rechenzentren

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

(Bild: The Green Grid)

Für Rechenzentren gibt es eine Fülle von Normen, die Baufragen, Sicherheit, Betriebsbedingungen, Effizienz und vieles mehr betreffen. Mit „EN 50060“ versucht Europa nun erstmalig, einen einheitlichen Rahmen zu schaffen.

Rechenzentren sind die Gehirne der digitalisierten Gesellschaft. Ihre Errichtung und ihr Betrieb aber waren in Europa bisher nicht einheitlich geregelt. Angesichts der Liquidität von Daten, die zumindest technisch problemlos über Landesgrenzen geschoben werden können, sicherlich kein optimaler Zustand. Die neue Europanorm EN 50060 versucht, hier Neuland zu betreten.

Sie befasst sich mit dem Rechenzentrum sozusagen von der Wiege bis zur Bahre, allerdings ohne die im RZ arbeitende IT gleich mit zu regeln. Hierfür ist das neue Normwerk nicht zuständig. Es befasst sich also beispielsweise damit, wie die physischen Schließanlagen funktionieren, nicht aber damit, wie die Daten auf den Speichersystemen verschlüsselt sind. Es macht Aussagen zur Sensorausstattung von Racks und zum optimalen Serverbetrieb, aber nicht dazu, wie viele Prozessoren wie schnell in den Servern arbeiten oder welche Algorithmen sie verwenden sollen.

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Das Normenwerk ist als „Work in progress“ geplant, das nach seiner initialen Fertigstellung alle paar Jahre – ein gängiger Zyklus ist hier die Fünfjahresfrist nach Fertigstellung – immer wieder überarbeitet wird. Allerdings kann es auch durchaus schneller gehen. Der Bereich 2.3 der Norm, der sich mit der Steuerung der Umgebungsbedingungen befasst, ist bereits kurz nach seiner Fertigstellung wieder auf dem Prüfstand – die Meinungen über die Tauglichkeit des primär Festgelegten gingen zu weit auseinander.

Aufbau der Euronorm

Wie ist die Norm aufgebaut? Vor allem versucht sie, bereits vorhandene Norm- und Regelwerke zu integrieren. Ein Beispiel dafür ist der „European Code of Conduct for Datacentres“, der die neuen Betriebsregeln gemäß EN 50060 vorgibt. Lance Rütimann, Siemens Schweiz, anlässlich eines Online-Seminars von The Green Grid zum Thema: „Wir wollten vor allem Doppelarbeit vermeiden.“

EN 50060 umfasst derzeit fünf Bereiche mit Unterbereichen. Dabei ist Teil 1 mit den allgemeinen Konzepten grundlegend für sämtliche anderen Bereiche; denn er umfasst eine dem eigentlichen RZ-Bau vorgelagerte Geschäftsrisiko- und Betriebskostenanalyse sowie die Effizienzziele.

Die Ergebnisse dieser Vorplanungsschritte legen fest, wie das Rechenzentrum gebaut und betrieben wird. Einen Rahmen dafür liefern die nachgelagerten Bestandteile der Norm, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Wer also spezielle Anforderungen hat, wird dafür keine rezeptartigen Lösungen in der Norm finden.

Die Verfügbarkeitsklassen

Der Verwendungszweck definiert, welcher Verfügbarkeitsklasse ein Rechenzentrum zugeordnet wird. Deren gibt es vier. Das Rechenzentrum muss so gebaut werden, dass die Anforderungen der Verfügbarkeitsklasse erfüllt – etwa hinsichtlich Baumaterialien, Stromverteilung, Umgebungsbedingungen und Verkabelung. Je strenger die Anforderungen, desto größer wird naturgemäß der bauliche und anlagentechnische Aufwand. Rechenzentren der höchsten Verfügbarkeitsklasse müssen auch hinsichtlich der Versorgung mit Strom, der TK-Anbindung und der Umgebungsbedingungen so redundant ausgelegt werden, dass sie selbst während Wartungsfenstern weiter funktionieren.

Die Schutzklassen, von denen es ebenfalls vier gibt, sind von den Verfügbarkeitsklassen unabhängig und differieren zudem hinsichtlich unterschiedlicher Bedrohungsformen: Unterschieden wird zwischen dem Schutz vor unbefugtem Zugang, vor internen Bränden, anderen internen Gefahren und vor äußeren Gefahren.

Auch hier steigen die Detailanforderungen mit der Schutzklasse an. Nur beim Schutz vor äußeren Gefahren gibt es lediglich zwei Klassen (Klasse 1 und Klasse 2-4). Die Eignung eines geplanten Standortes für das Rechenzentrum wird entsprechend den Ergebnissen der Risikoanalyse gewählt. Dazu gehört zum Beispiel beim Brandschutz die Aufteilung in gegeneinander abgeschottete Brandabschnitte.

Unterschiedliche Schutzklassen in einem Rechenzentrum

Nicht alle Bereiche eines Rechenzentrums müssen derselben Schutzklasse angehören. Stehen mehrere inselartige Bereiche höherer Schutzklassen miteinander in Verbindung, so müssen auch die Verbindungswege der Schutzklasse des geschützten Raumes genügen. Ein Hochsicherheits-Rack benötigt also hochsichere Zuleitungen und Türkontrollen am Rack. Die Norm definiert typische Schutzklassen für bestimmte Raumtypen, so sind allgemeine Bürobereiche Schutzklasse 1, Netzwerkverteiler oder Rechnerräume Schutzklasse 4.

Während die Norm bei Schutz und Verfügbarkeit von Klassen spricht, definiert die Norm beim Thema Energie-Effizienz drei Granularitätsniveaus, die beschreiben, wie feinkörnig Daten zum Stromverbrauch und andere Parameter erhoben werden. Je höher das Granularitätsniveau, an desto mehr Stellen müssen entsprechende Sensoren montiert und Messwerte erhoben werden. Dieser Bereich der Norm wurde bereits 2012 abgeschlossen.

Alle drei Klassifizierungen (Schutz, Verfügbarkeit, Granularität der Effizienzmessungen) determinieren gemeinsam, wie im Detail das Rechenzentrum errichtet wird. Einen Rahmen für die Einzelheiten liefern die Normabschnitte 2.1 (Gebäudekonstruktion), 2.2 (Stromverteilung), 2.3 (Kontrolle der Umgebungsbedingungen), 2.4 (Telekommunikation und Verkabelung) und 2.5 (Sicherheitssysteme) finden.

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