IDC-Zahlen zum deutschen Cloud-Markt

„Cloud wird zum de-facto-Modell“

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Florian Karlstetter

Auf 37 Milliarden Dollar und damit um 27 Prozent sind in Westeuropa laut IDC 2016 die Investitionen in Cloud-Technologie und –Services gestiegen.
Auf 37 Milliarden Dollar und damit um 27 Prozent sind in Westeuropa laut IDC 2016 die Investitionen in Cloud-Technologie und –Services gestiegen. (Bild: IDC)

Die aktuellen Zahlen des Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC zur Cloud-Transformation im deutschen Markt zeigen: Cloud ist in der Mehrheit der Unternehmen inzwischen Realität. Am Horizont: Die Industry Cloud.

Die aktuelle Untersuchung von IDC zum deutschen Cloud-Markt beschäftigt sich mit der Frage, wie weit der Übergang zur Cloud-Technologie fortgeschritten ist. Das Ergebnis: Die Skepsis hat so weit nachgelassen, dass sie immer weniger Unternehmen daran hindert, wenigstens segmentweise Cloud-Technologien zu nutzen.

Matthias Zacher, Projektleiter und Senior Consultant, IDC: „Die Cloud wird inzwischen zum de-facto-Modell.“ Bemerkenswert auch: Zum ersten Mal, seit IDC sich mit den Hindernissen befasst, die gegen den Cloud-Einstieg sprechen, sehen weniger als 50 Prozent der Anwender in Sicherheitsproblemen einen Grund, abstinent zu bleiben. Auch die übrigen Hemmschuhe sind alte Bekannte: Neben der Sicherheit werden Stabilität und Verfügbarkeit (31 Prozent) und Compliance (29 Prozent) genannt.

Hinsichtlich des Cloud-Reifegrades haben 20 Prozent mindestens erfolgreiche Cloud-Projekte in Fachbereichen, die als Vorlage für weitere Projekte in anderen Bereichen dienen – bei 5 Prozent ist sogar schon eine Cloud-First-Strategie etabliert, 15 Prozent nutzen Cloud umfassend, aber noch nicht im Rahmen von Cloud First.

Voll auf Cloud

Das macht insgesamt 40 Prozent der Unternehmen, die bereits mitten in der Cloud-Welt stecken. In zwei Jahren sollen es sogar 60 Prozent sein, dann werden 15 Prozent auf eine Cloud-First-Strategie setzen und 28 Prozent zur umfassenden Nutzung übergegangen sein.

Von einem Randphänomen, mutigen Vorreitern und Ähnlichen kann man also bei der Cloud-Nutzung beim besten Willen nicht mehr sprechen. Zacher: „Während früher auch viele interne Faktoren eine Rolle spielten, sind die heutigen Hinderungsgründe sämtlich eher extern.“ Zudem scheint man verstanden zu haben, dass Cloud aus Unternehmenssicht vor allem ein Erbringungsmodell ist, das knallhart kalkuliert werden muss: Kostenanalyse und Anbieterauswahl halten die Befragten für die wichtigsten Prozessschritte.

Dass das Modell erfolgreich ist, belegen auch die Investitionsvolumina, die sich in den vergangenen zwölf Monaten in Westeuropa laut IDC um 27 Prozent auf über 37 Milliarden Dollar erhöht haben. Daran haben Private-Cloud-Investitionen einen Anteil von 17,7 Milliarden Dollar, der Rest entfällt auf Public Cloud. Die größten Umsätze verbuchen mit 17,3 Milliarden Dollar Public- und 12.8 Milliarden Dollar Private-Cloud-Services für sich, dazu kommen 2,8 (Private) beziehungsweise 2,6 Milliarden Dollar Hardware sowie 2,1 Milliarden Dollar Private Cloud Services.

Private Cloud ist top, aber Public Cloud wächst schneller

„Der Public-Cloud-Sektor wächst dabei doppelt so schnell wie die Private Cloud“, meint Dr. Said Zahedani, der bis vor drei Wochen den Geschäftsbereich Hybrid IT bei HPE Deutschland führte und jetzt für die Zusammenarbeit mit großen Systemintegratoren zuständig ist.

Zu denen gehören durchaus auch die größeren Cloud-RZ-Betreiber, zu denen HPE teilweise besonders enge Verbindungen unterhält – hat man doch mit der „Helion“ -Architektur, die jetzt auf der ad-hoc Software-konfigurierbaren „Convertible“ Infrastruktur „Synergy“ kommt, selbst ein Komplettprodukt für solche Player im Programm. Besonders eng ist unter den ganz Großen naturgemäß die Kooperation mit Microsoft – sowohl Google als auch AWS oder Facebook lassen sich bekanntlich die Hardware von den Herstellern maßschneidern oder entwickeln gleich selbst. Neben einem 4000-Personen-Team, das sich mit Azure-Integrationen beschäftigt, hat HPE seine Server inzwischen auch für die Zusammenarbeit mit Containern präpariert.

IT profitiert von Cloud am meisten

Der Nutzen der Cloud scheint sich noch immer am ehesten im IT-Bereich und hier beim IT-Betrieb der Unternehmen zu materialisieren. 48 Prozent der Befragten gaben das jedenfalls an. Danach klafft eine große Lücke, dann folgt der Vertrieb mit 30 Prozent und danach dicht beieinander Logistik, Marketing/PR, Produktion, Kundendienst, Finanzen und Forschung/Entwicklung.

Am wenigsten nutzbringend ist die IT derzeit für die Rechtsabteilung (13 Prozent Nennungen). Die Aufgabenprofile in der IT ändern sich durch die Cloud zum Teil erheblich. Das gilt besonders für die IT-Architekten (52 Prozent) und Infrastruktur/Systemadministratoren (49 Prozent), IT-Betrieb/Operations (48 Prozent), und die Anwendungsentwicklung (45 Prozent), in etwas geringerem Umfang aber für so ziemlich jede Aufgabe im IT-Umfeld.

DevOps-Methoden verbreiten sich

Bei der Anwendungsentwicklung verbreiten sich DevOps-Methoden und machen sich, so Zacher, als Kulturbruch bemerkbar. Das zeigt sich an den Antworten auf die Frage nach vorhandenen Kenntnissen im Cloud-Umfeld. Sie sind nämlich bei DevOps relativ zu anderen Feldern am wenigsten weit entwickelt. Nur 41 Prozent schätzen ihre Kenntnisse auf diesem Sektor als gut oder sehr gut ein, während es bei Themen wie Budgetierung, Kostenkontrolle oder Lizenz-Management an die oder gar über 70 Prozent sind.

Laut Zacher erweist sich die neue Programmiermethodik übrigens als ausgesprochen flexibel. Da sie sich mit Hilfe neuer Tools auch im Mainframe-Bereich anwenden lässt, dürfte Cloud jedenfalls nicht den Abschied vom Mainframe aus softwaretechnischen Gründen forcieren.

Bei der Auswahl eines geeigneten Partners für die Cloud-Transition, also die technische Realisierung einer Cloud-Implementierung, setzt die Hälfte der IT- und Fachbereichsspezialisten auf persönliche Beratung direkt durch Anbieter oder Partner. Etwa ein Drittel der Befragten aus IT und Fachbereich richtet sich nach persönlichen Empfehlungen.

IT-Spezialisten suchen zusätzlich Informationsveranstaltungen der Anbieter auf, studieren Analystenbewertungen und Internet-Plattformen, besuchen Messen, Ausstellungen und Konferenzen – alles Dinge, die Fachbereichs-Spezialisten weit seltener angeben. Den geringsten Rang nehmen Rankings und Benchmarks ein.

Zufrieden - oder auch nicht

Die Service Provider scheinen ihren Job überwiegend gut zu machen. 71 Prozent ihrer Kunden sehen ihre Anforderungen ganz oder überwiegend erfüllt. Etwas widersprüchlich scheint dem gegenüber, dass gleichzeitig 65 Prozent sagen, sie würden bei einem anderen Transformationsprojekt gern auch mit einem anderen oder neuen Anbieter zusammenarbeiten.

Das lässt sich laut Zacher auf unterschiedliche Weise interpretieren: „Es könnte auf besonders harten Wettbewerb hindeuten, aber auch darauf, dass es sich einfach um neue Services handelt, die der bisherige Anbieter nicht im Programm hat.“ Eins sei jedenfalls klar und decke sich auch mit den Prognosen von IDC, betonte Lynn-Kristin Thorenz, Senior Director Research & Consulting, IDC: „Der Markt wird neu durchgemischt.“

Multi-Cloud und Industry Collaborative Cloud im Kommen

Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem die Begriffe Private, Public und Hybrid Cloud strapaziert wurden, tauchen nun zwei neuere Kreationen am Horizont auf: die Multi-Cloud und die Industry Collaborative Cloud (ICC). Multi-Cloud bedeutet das, was Anbieter wie VMware schon lange verkünden, was aber in der Praxis noch nicht so recht zu klappen scheint: die selbstverständliche Nutzung der Dienste mehrerer Cloud Service Provider parallel und das einfache Verlagern von Diensten von einem Service Provider zum anderen.

Der Begriff Industry Collaborative Cloud bezieht sich auf Anbieter, die beispielsweise IoT-Anwendungen für die Perfektionierung ihrer eigenen Produktion entwickelt haben und nun daran gehen, diese auch anderen Unternehmen aus derselben Branche als IT-Service aus der Cloud anzubieten. Dieses Thema soll in zwei Jahren in Europa größere Relevanz bekommen, allerdings könnte man die Ansätze von Siemens mit Mindsphere oder auch die Schritte, die Bosch in Richtung IoT-Service geht, durchaus schon unter diesen Begriff fassen.

* Ariane Rüdiger ist freie Journalistin und lebt in München.

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