DataCenter Day 2017: Kritik an Datacenter-Planern und Co-Locator

„Bauherren müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen“

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Professor Dr. Volker Lindenstruth: „Ohne persönliche Verantwortung und Engagement des Bauherrn auch in Sachfragen geht es nicht beim Rechenzentrumsbau.“
Professor Dr. Volker Lindenstruth: „Ohne persönliche Verantwortung und Engagement des Bauherrn auch in Sachfragen geht es nicht beim Rechenzentrumsbau.“ (Bild: IAS)

Oft werden Rechenzentren auch heute überdimensioniert gebaut oder nicht optimal ausgerüstet, Kostenüberschreitungen sind keine Seltenheit. Woran das liegt, darüber sprach Ariane Rüdiger für DataCenter-Insider mit Professor Volker Lindenstruth vom Lehrstuhl für Architektur von Hochleistungsrechnern am Institut für Informatik des Frankfurt Institute for Advanced Studies.

Wie geht man heute in der Regel vor, wenn man ein Rechenzentrum baut?

Volker Lindenstruth: Es gibt verschiedene Verfahrensweisen. Verbreitet sind Turnkey-Lösungen nach sehr umfassenden Vorgaben, beispielsweise zur Energie-Effizienz, zum Emissionsschutz, zum Flächenbedarf. Hier sind oft strikte Restriktionen zu beachten.

Darf beispielsweise ein Rechenzentrum keinen vermeintlichen Rauch - in diesem Fall nur Wasserdampf, der entsteht, wenn ein Kühlmedium durch Adsorptionskühlung rückgekühlt wird – ausstoßen, dann kommt eben Verdunstungskühlung nicht in Frage.

Welche Rolle spielen in der Planungsphase finanzielle Restriktionen?

Volker Lindenstruth: Auch hier ist das Spektrum breit. Meist werden aber die eigentlich gewünschten Technologien realisiert, nur in der billigsten Variante. Häufig kommt es zu einer wirtschaftlich letztlich nicht plausiblen Kalkulation, wenn unerfahrene Leute planen.

Ich kenne einen Fall, in dem der Bau des Rechenzentrums stufenweise ausgeschrieben wurde. Das Resultat war ein Rechenzentrum, dessen Baukörper viel zu groß geplant und das dann also sozusagen von außen nach innen immer kleiner wurde, was bedeutet, der Bau hat viel mehr Geld gekostet als er hätte kosten müssen.

Welche Rolle spielt das Spannungsverhältnis zwischen IT- und Facility Management?

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DataCenter Day 2017: Treffen mit Professor Lindenstruth

Volker Lindenstruth: Es gibt tatsächlich ein Spannungsfeld zwischen den Wünschen der IT-Leute nach quasi unbedingter Verfügbarkeit und Sicherheit und dem Facility Management. Beide haben unterschiedliche Kostenstellen, was sofort zu einer „false economy“ führt, denn die IT kann die Kosten der Gebäude und Einrichtungen, die sie benötigt, sozusagen externalisieren: Sie tauchen nicht im Zusammenhang mit der IT auf.

An solchen Dingen können ganze Datacenter-Bauten scheitern, beispielsweise, wenn die IT unbedingt so niedrige Temperaturen im Rechnerbereich will, dass das nur mit Hilfe einer teuren, ineffizienten und veralteten Technik möglich ist. Ich habe auch einen Fall erlebt, wo die absurd hohen Kosten einer Lösung, die das Facility Management wollte, ein Projekt zu Fall brachten.

Dann ist da noch das Interesse der Geschäftsleitung. Sie will Geld verdienen und dass die IT möglichst immer läuft, um das zu unterstützen. Das alles muss unter einen Hut.

Wie kann man hier zu sinnvollen Lösungen kommen?

Volker Lindenstruth: Gebraucht wird ein globaler Kostenansatz, der Kühlung, IT und alles andere zusammenbringt. Dann kann man auch fragen: Will man, wie es in einem mir bekannten Fall diskutiert wurde, wirklich wegen eines einzigen Servers eine komplett andere, viel teurere Kühltechnik einsetzen, oder will man doch lieber den Server austauschen, wenn er plötzlich kaputt geht und das Risiko seines kurzfristigen Ausfalls in Kauf nehmen?

Es gibt einige wenige Fälle, wo die Geschäftsführung solche Gedankenexperimente durchführt und ganzheitlich denkt. Ich kenne beispielsweise an einen Fall, in dem man sich entschieden hat, nicht für Millionen doppelte Redundanz zu implementieren, sondern lieber einen Ausfall von maximal zwei Stunden in Kauf zu nehmen. Wie sinnvoll das ist, muss man in jedem Einzelfall entscheiden – bei vielen, die kein Online-Business betreiben, wäre es wohl möglich.

Professor Dr. Volker Lindenstruth: „Rechenzentrumsplaner und Co-Locator verdienen am Overhead“.
Professor Dr. Volker Lindenstruth: „Rechenzentrumsplaner und Co-Locator verdienen am Overhead“. (Bild: IAS)

Wie läuft das bei Co-Lokation-Anbietern?

Volker Lindenstruth: Frankfurt ist ein großes Zentrum für Co-Location-Rechenzentren. Kollokationsverträge funktionieren so, dass die Mieter eine bestimmte Miete pro Quadratmeter und Monat bezahlen, dazu kommt der Strom und auf den Strompreis ein Overhead-Faktor für die Datacenter-Infrastruktur, also:USVs und Kühlung zum Beispiel.

Die Co-Location-Anbieter kaufen bereits viel Strom auf dem Spotmarkt für unter 6 Cent/Kilowattstunde, berechnen aber ihren Kunden 17 bis 30 Cent pro Kilowattstunde, erzielen also eine große Marge. Natürlich haben sie kein sonderlich hohes Interesse an einem niedrigeren Stromverbrauch, weil der wegen des Overhead-Faktors direkt ihren Gewinn schmälern würde.

Warum gehen dann nicht einige dieser Wettbewerber mit den Margen etwas herunter, um den Wettbewerb zu verschärfen?

Volker Lindenstruth: Die Rechenzentren sind voll, wir haben also einen Anbietermarkt. Da gibt es keinen Drang nach mehr Wettbewerb. Allerdings wollen jetzt wohl einige große Wettbewerber an der Preisschraube drehen.

Das klingt fast nach einem Fall fürs Bundeskartellamt.

Volker Lindenstruth: Dazu kann ich nichts sagen. Aber es gibt auch noch andere preisverzerrende Faktoren, zum Beispiel die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Danach gilt als Richtschnur, dass rund ein Viertel der Baukosten für die Dienstleistung berechnet werden können. Für die Rechenzentrumsplanung fallen da schnell siebenstellige Summen an.

Warum soll nun ein Planungsteam billig planen, wenn das direkt den Gewinn der Planer reduziert? Also plant man lieber teurer.

Außerdem arbeiten Planer und Architekten aus ihrer Sicht effektiver, wenn sie bereits realisierte Projekte als Blaupause für neue verwenden. Dann haben sie weniger Arbeit, können aber dasselbe Honorar kassieren. Die Aussicht auf revolutionäre neue Lösungen ist dadurch natürlich erheblich geringer.

Könnte man Planungsaufwendungen nicht besser nach Zeit abrechnen?

Volker Lindenstruth: Das ist auch nicht ideal. Erstens zahlt man in der Regel als Auftraggeber drauf – nach dem Motto „Hohe Qualität, hohe Kosten“ werden alle möglichen Mehraufwendungen mit dem Qualitätsargument abgerechnet.

Zweitens trägt beim jetzigen Verfahren der Planer das Risiko, wenn es zu Bauverzögerungen kommt. Er muss ja auf der Baustelle sein und überwachen, dass alles so gemacht wird wie es geplant wurde. Dafür steht er bei Fehlplanungen durch den hohen Zeitaufwand selbst gerade. Bei stundenweiser Abrechnung müsste möglicherweise der Auftraggeber zahlen.

Was also kann man tun, um ein günstiges, effizientes Rechenzentrum zu bekommen?

Volker Lindenstruth: Turnkey-Lösungen führen selten zu einem kostengünstigen Rechenzentrum, weil man da die Kontrolle abgibt. Der Bauherr muss sich wirklich kümmern und Verantwortung übernehmen. Er muss selbst in die Meetings gehen und für jede geplante Maßnahme eine Kosten/Nutzen-Rechnung über alle Kosten, auch die im Betrieb, verlangen und dasselbe für Alternativen. Dann wird das Rechenzentrum billiger.

Das gilt von Anfang des Planungsprozesses an, und das widerspricht an sich dem Vorgehen, das die HOAI vorschlägt. Hier gibt es die Leistungsstufen 1 bis 9, und in den ersten Leistungsstufen sind die Baukosten kein großes Thema. Die kommen erst zu einer sehr späten Planungsphase ins Spiel.

Ein Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man selbst nachdenkt, statt das den Planern zu überlassen: Bei einem Datacenter-Gebäude, das ich realisiert habe, konnten wir 100.000 Euro Kosten nur deshalb sparen, weil ich darauf gekommen bin, statt der sehr dicken und langen geplanten Stahl-Querträger mehr vertikale Stützen vorzuschlagen, um das Gebäude stabil zu machen. Dadurch wurden die Querträger kürzer und mussten weniger massiv ausgeführt werden. Die Statik stimmt trotzdem.

Man sollte also am besten selbst den Planungsprozess im Detail begleiten. Wir haben dann drei Lose mit detaillierten Vorgaben ausgeschrieben: eins für das nackte Gebäude, eins für die Kältetechnik und eins für die Stromtechnik.

Dazu dürften die meisten Rechenzentrumsbetreiber kaum die Ressourcen haben.

Volker Lindenstruth: Ein Minimum an Know-how im eigenen Haus ist unverzichtbar. Sonst wird es definitiv nicht kostengünstig.

Gibt es noch mehr, was man tun kann?

Volker Lindenstruth: Man könnte es mit Bonussystemen versuchen, so dass der Rechenzentrumsplaner jeweils die Hälfte des Betrags, den er unter den vorgegebenen Richtpreis baut, für sich beanspruchen kann. Die Projektkosten und das Honorar sollten jedenfalls wenigstens teilweise entkoppelt und sparsames Vorgehen angereizt werden.

Das muss man mit dem Planer verhandeln, und hier kommen wir wieder zum eben genannten Punkt: Ohne persönliches Engagement und persönliche Verantwortung des Bauherren gibt es keine optimalen Ergebnisse!

* Ariane Rüdiger ist freue Journalistin und lebt in München.

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posted am 03.08.2017 um 09:37 von jolirot

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posted am 11.07.2017 um 08:36 von staffan@reveman.com


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