Mit endlosem Zoff und Frust gewachsen, aber nicht erwachsen

15 Jahre deutsche Wikipedia

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Logo: Wikipedia)

Das Anfangs belächelte und gerade in akademischen Kreise kritisierte Projekt, per Schwarmwissen eine Enzyklopädie auf die Beine zu stellen, hat das Ziel halbwegs erreicht. Die Kritik verstummt nicht, und die deutschsprachige Wikipedia hat an Dynamik verloren.

Der Verein Wikimedia Deutschland feiert den heutigen Jahrestag seines bekanntesten Projekts. Zwei Monate nach dem englischen Original war am 16. März 2001 die deutschsprachige Ausgabe gegründet worden. Global gibt es von Wikipedia 291 Sprachversionen mit insgesamt gut 35 Millionen Artikeln. Es ist das weltweit wichtigste Lexikon.

Sehr viele Artikel und großes Interesse

Die deutschsprachige Ausgabe kommt auf 1,9 Millionen Artikel. Sie werden laut Wikimedia derzeit monatlich 1,2 Milliarden Mal abgerufen. Täglich werden es im aktuellen Durchschnitt 350 Artikel mehr. Nicht gerechnet sind dabei die wesentlich häufigeren Bearbeitungen von Beiträgen: In den letzten 15 Jahren gab es mehr als 150 Millionen solcher „Edits“.

Solche Zahlen verschleiern allerdings eher bedenklich stimmende Entwicklungen. International nehmen die Zugriffe auf Wikipedia ab, laut Marktforschungsinstitut comScore zwischen Mai 2014 und Mai 2015 um immerhin acht Prozent. Die Zahl der neuen Artikel sinkt bei der deutschsprachigen Ausgabe ebenfalls. Gegenwärtig sind es pro Jahr noch gut 110.000. Also wird die deutsche Wikipedia noch in diesem Jahr die Zwei-Millionen-Marke knacken.

Der Boom der Gründerjahre ist vorbei

Ein Jahr nach der Gründung hatte die deutschsprachige Wikipedia 20.000 Artikel. 2007 wurden es täglich 1800 mehr. Zum zehnten Geburtstag im Jahr 2011 zählte die deutsche Wikipedia schon 1,1 Millionen Artikel. Der rasante Aufstieg ist also Vergangenheit.

Dies lässt sich nicht einzig damit erklären, dass irgendwann jedes Lexikon alles erfasst haben muss, was seine Herausgeber für publikationswürdig halten. Ab diesem Punkt gibt es nur noch aktuelle Neuheiten. Es mangelt an Autoren, ihre Zahl bewegt sich in der deutschsprachigen Ausgabe seit gut zehn Jahren um die 1000 und sank 2015 sogar schon auf rund 850.

Ausnahmen bestätigen die Regeln

Das Problem ist in mehrfacher Hinsicht hausgemacht: Bevor jemand einen neuen Eintrag schreiben kann, wird er Tage brauchen, um die Regeln zu studieren. Die formale Kriterien verlangen eigentlich schon hinsichtlich der sprachlichen Ebene akademisches Niveau. Aber bei Lektüre der Beiträge stellt sich schlagartig der Eindruck ein, dass die meisten Autoren Interpunktion per Zufallsgenerator erzeugen. Fußnoten zum Beleg sind eigentlich Pflicht, aber selbst manche langen Beiträge sind da eher bescheiden ausgestattet.

Die Relevanzkriterien genannte Ausschlussliste ist ellenlang. In der Praxis jedoch scheint zu gelten: Ausnahmen bestätigen die Regel. Außer man fängt als Neuer an. Der kann zwar einen Mentor habe, was aber auch nicht vor Besserwisser-Wikipedia-Oldies schützt, denen diesmal Regeln heilig sind. Die Wikipedia-Satire Stupidedia hat das so auf die Schippe genommen:

„Hallo, wie ich sehe, bist du ein Neuling. Siehe WP:N. Leider ist dein Artikel zu kurz (WP:KA), zu irrelevant (WP:IR) und zu unpassend für Wikipedia (WP:Unpassend). Außerdem lädst du urheberrechtlich geschützte Bilder hoch, noch dazu ohne LIZENZ! Siehe WP:Bild und WP:LZ. Da ich nun den Artikel zum Löschen vorgeschlagen habe (WP:LK), hast du nun sieben Tage Zeit, ihn zu verbessern (WP:Vrbrn). Da er außerdem ziemlich durcheinander ist, formatiere ihn bitte besser, Hilfestellung dazu gibt es bei WP:FU. Viel Spaß noch auf Wikipedia (WP:Spaß), sei mutig (WP:Mut) und trau dich weiterhin, Artikel zu schreiben (WP:WSIA). Falls du noch Fragen hast, schau in WP:AKFW oder WP:WBIHEG nach. MfG -- Pedianer 05:19, 01. Jan 2007 (CEST)“

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